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Politik Inland
10/21/2018

Wertestudie: Wer ist ein echter Österreicher?

Woher jemand kommt, wird immer unwichtiger. Wer sich an gewisse Spielregeln hält, wird heute eher als Österreicher akzeptiert als vor 30 Jahren.

Der typische Österreicher? 1990 hätte man ihn so beschreiben können: Er will keinen Homosexuellen als Nachbarn, er akzeptiert nur jene, die österreichische Vorfahren haben, und Arbeit ist ein zentrales Thema.

Heute hat er mit Schwulen kein Problem, Freunde sind ihm wichtig, und ein Österreicher muss für ihn nicht hier geboren sein.

Allerdings: „Den typischen Österreicher gibt es nicht,“ stellt Sylvia Kritzinger, Studienleiterin der Europäischen Wertestudie 2018, fest. Einen Trend herauslesen kann man aber sehr wohl: Österreich wird im Denken der Menschen ein Einwanderungsland.

Das legen die Fragen und Antworten nahe, die im Zuge der Studie gestellt wurden. Etwa die: „Welche Kriterien sind entscheidend, um wirklich Österreicher zu sein?“ Meinten 2008 noch drei Viertel der Befragten, dass es „wichtig ist, in Österreich geboren zu sein, um richtig österreichisch zu sein,“ sieht das heute nur noch die Hälfte so. Auch die Frage, ob nur Österreicher ist, dessen Vorfahren im Land geboren sind, beantworten heute weniger mit „Ja“. Die Herkunft wird also weniger wichtig.

Die Statistik ist so eindeutig, dass für Studien-Co-Autor Julian Aichholzer eine Interpretation zulässig ist: „Wir sind im Prinzip ein inklusiveres Land geworden.“ Für alle, die mit dem Wissenschaftssprech wenig anfangen können, erläutert er: „Wer gewisse Spielregeln einhält, kann als echter Österreicher gelten.“

Skepsis bleibt

Migration wird deswegen noch lange nicht für eine gute Sache gehalten. Im Gegenteil: 75 Prozent sehen in Zuwanderern eine Belastung für das Sozialsystem. Auch die Angst vor steigender Kriminalität ist ungebrochen hoch.

Gleichzeitig steigt der Druck auf Migranten, sich anzupassen: „Der Wunsch, dass sie sich an die Gesetze halten, unsere Institutionen, Bräuche und Werte akzeptieren sowie die Sprache lernen, ist im Vergleich zu den Vorjahren sogar gestiegen“, stellt Aichholzer fest. Wer diese aber anerkennt, wird eher als Österreicher akzeptiert als noch vor zehn Jahren. Kritzinger fasst das wissenschaftlich so zusammen: „Ethnische Aspekte verlieren an Bedeutung, die Verfassungsidentität nimmt zu.“ Oder einfacher ausgedrückt: Wer wie die Hiesigen denkt und spricht, ist Österreicher – genau das Denken macht ein Einwanderungsland aus. Wobei das nicht alle so sehen: Wer ideologisch rechts der Mitte ist, stimmt dieser Aussage erwartungsgemäß weniger zu.

Diese Entwicklung hat laut Aichholzer einen auf den ersten Blick paradoxen Grund: „die Flüchtlingskrise.“ Plötzlich wurde über Wertekurse und Deutschkenntnisse diskutiert und darüber, was man von Zuwanderern erwartet.

 

 

Dass heute mehr Österreicher bereit sind, Migranten als Mitbürger zu akzeptieren, hat auch damit zu tun, dass ohne sie das Land still stehen würde: Pflege, Soziales, Gastronomie – hier geht ohne Zuwanderer fast nichts mehr. „Das ist ein Bild, das angekommen ist“, stellt Aichholzer fest. Wohl ein Grund, warum Zuwanderer immer weniger als Gastarbeiter gesehen werden, die auf Zeit hier wohnen, sondern das Recht haben, zu bleiben – auch wenn Arbeitsplätze knapp werden.

Überhaupt werden Menschen, die der Gesellschaft „auf der Tasche liegen“ heute eher schief angeschaut. Sylvia Kritzinger drückt das so aus: „Wer keinen ökonomischen Beitrag zur Gesellschaft leistet, wird weniger akzeptiert.“ Drogenabhängige und Alkoholiker will fast niemand in seiner Umgebung haben. Den gegenteiligen Trend gibt es bei Homosexuellen: „Vor 30 Jahren wollten 42 Prozent der Österreicher diese nicht als Nachbarn haben, heute sind es 13 Prozent.“ Da ist das Land liberaler geworden.

Info:Lesen Sie am Sonntag, 28. Oktober, wie die Österreicher über die Ehe denken und was ihnen im Beruf besonders wichtig ist.

Wertestudie 3

Info:

Die Europäische WertestudieInterdisziplinäre Forschung Die Wertestudie EVS (European Values Study) ist ein Projekt des Forschungs-verbunds Interdisziplinäre Werteforschung der Universität Wien (Koordination: Christian Friesl). Die Studie wurde in Österreich mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung von einem Team unter der Leitung von Sylvia Kritzinger durchgeführt. Eine Buchpublikation ist für das Frühjahr 2019 geplant.

Fragestellungen: Europäer aus derzeit 44 Staaten werden alle acht bis zehn Jahre zu Themen wie Politik,  Familie, Arbeit und Religion befragt. Österreich nimmt seit 1990 an der EVS teil.

Internet: https://www.werteforschung.at/