Politik | Inland
08.08.2018

Sonja Hammerschmid: „Ein Affront für Eltern und Länder“

Die ehemalige SPÖ-Bildungsministerin sieht die Bildungspolitik im Rückwärtsgang.

KURIER: Sie kommen aus dem Hochschulmanagement, waren Rektorin der Veterinär-Universität, kamen dann als Quereinsteigerin für 19 Monate ins Bildungsressort. Bereuen sie rückblickend den Gang in die Politik?

Sonja Hammerschmid: Nein, auf gar keinen Fall, denn mit der Bildung habe ich eine Aufgabe und ein Ressort übernommen, das eine ganz besondere Bedeutung hat – für mich, für Österreich, für den Standort und die Gesellschaft. Es hat mich sehr gereizt, gestalten zu können. Auch wenn es mir leidtut, dass es dann aus war, das muss ich schon sagen.

Eine große Bildungsreform zur Schulautonomie ist in Ihrer Amtszeit gelungen. Würden Sie zustimmen, dass die Probleme im Bildungsbereich aber nicht kleiner geworden sind?

Ich würde das ein bisschen größer sehen, es gab ja nicht nur die Bildungsreform. Ebenso wichtig war der Ausbau der ganztägigen Schulformen. Da haben wir einen Meilenstein gesetzt und 750 Millionen Euro aus der Bankenabgabe investiert, um Schule besser gestalten zu können. Weil man in ganztägigen Schulformen mehr Zeit hat, die Kinder zu fördern. Aber ja, die Probleme sind nicht klein, und auch nicht kleinzureden.

Wenn Sie jetzt als Oppositionspolitikerin das Schulsystem anschauen: wo sind für Sie aktuell die größten Probleme, was passt gar nicht?

Wir müssen uns dem Thema Integration stellen, und das haben wir ja auch getan, mit dem Integrationstopf mit 80 Millionen Euro Förderung, mit mehr Sprachpädagogen, Sozialarbeitern, Schulpsychologen, Unterstützungspersonal. Natürlich, Deutschlernen ist ein Thema. Aber es gibt eine Vielzahl von Themen, die verbessert werden können, damit Schule gut gelingen kann.

Sind wir am richtigen Weg?

Nein. Was jetzt passiert, ist weit weg davon, denn der Integrationstopf ist von der Regierung gekappt worden. Das Personal ist weg, und die Zahl der Sprachpädagogen, die sich der Kinder angenommen haben, wurde halbiert. Das ist ein Schritt in die völlig falsche Richtung. Dazu kommt, dass die Regierung nun Kinder aus Klassenverbänden nimmt und sie trennt, um Deutsch zu lernen. Unser Ansatz war immer ein integrativer, weil wir aus der Wissenschaft wissen, dass integrative Fördermaßnahmen wesentlich besser funktionieren als separierende.

Sie sprechen die Deutschförderklassen an – warum kritisieren Sie diese so scharf?

Wir haben den Schulen mit zusätzlichen Pädagogen jene Mittel in die Hand gegeben, die es braucht, und sie autonom gestalten lassen – denn das können die Schulen am besten beurteilen. Kinder lernen am besten, wenn sie Deutsch mit Mitschülern sprechen können. Die Regierung macht das Gegenteil, sie separiert die Kinder. Und was ich der Regierung noch ankreide, ist, dass sie behaupten, dass unser integrativer Ansatz keinen Erfolg gehabt hätte. Die Wahrheit ist, dass sie die Evaluation abgebrochen haben, es wurde nie untersucht.

In Deutschförderklassen kommen rund 30.000 Kinder. Aber kann nicht ein viel größerer Teil nur rudimentär Deutsch? Gibt es für diese ausreichend Förderung?

Nein. Der Integrationstopf ist ja gestrichen worden. Im jetzigen Gesetz ist die zusätzliche Förderung von elf auf sechs Stunden pro Woche gestrichen worden, so beschneidet man die Förderung für jene, die nicht gut Deutsch können. Das ist ein massiver Schritt zurück.

 

Sie gehen davon aus, dass die Bildungstests damit wieder schlechter werden?

Davon müssen wir ausgehen. Das Problem bei der Bildungspolitik ist ja, dass man die Wirkung von Maßnahmen erst fünf bis zehn Jahre später wirklich sehen kann. Es dauert, bis Reformen im Klassenzimmer ankommen.

Dennoch: Ist das Thema Integration verschlafen worden? Schließlich gab es von 2007 bis 2017 nur SPÖ-Ministerinnen im Bildungsressort.

Man hätte dem Thema sicher schon früher mehr Aufmerksamkeit widmen müssen. Österreich ist aus seiner historischen Situation immer ein Einwanderungsland gewesen, auch wenn man das so nicht sehen wollte – schon beim Hereinholen der Gastarbeiter in den 60er- und 70er-Jahren. Damals wurde einfach angenommen, dass die Gastarbeiter irgendwann wieder nach Hause gehen, und aus diesem Denken heraus hat man verabsäumt, sie zu integrieren und sie in die Gesellschaft zu holen. Jetzt sind sie in der zweiten und dritten Generation bei uns. Bei vielen, bei Weitem nicht bei allen, haben Integrationsmaßnahmen nachhaltig gefehlt. Und das Resultat sehen wir jetzt in der Schule. Es zeigt sich bei den Bildungstests, dass sprachliche Kompetenzen fehlen – und zwar vor allem, aber nicht nur bei Kindern mit Migrationshintergrund. Der sozioökonomische Hintergrund der Eltern spielt die größere Rolle, es ist also nicht nur eine Integrationsthema. Und wir sehen es auch bei den Arbeitslosen: Kinder mit Migrationshintergrund sind öfter von Arbeitslosigkeit betroffen.

Schon die vorige Regierung wollte ein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr, auch als Integrationsmaßnahme. Warum kam das nie?

Ja, das ist nicht umgesetzt worden. Wir wollten das zweite verpflichtende Kindergartenjahr gepaart mit einem Bildungsrahmenplan, der klärt, was dort vermittelt werden soll. Leider, durch budgetäre Einschränkung, hat sich das offenbar nicht realisieren lassen. Zudem lag das alles in der Kompetenz von Frau Minister Karmasin ( ÖVP). Wir konnten nur treiben und Druck machen.

Das zweite Kindergartenjahr steht jetzt wieder im Regierungsprogramm.

Aber wenn das ernst und ehrlich gemeint ist, frage ich mich, warum dafür im aktuellen Budget nur mehr 1000 Euro (provisorischer Budgetposten, geplant sind 110 Mio. Euro) vorgesehen sind. Das ist ein Affront – für Eltern und für die Länder. Die Gespräche mit den Ländern laufen, und sie laufen nicht besonders gut. Und dazu noch: Im Kontext eines 12-Stunden-Tages und einer 60-Stunden-Woche ist das Zynismus pur, den Ausbau der Kindergärten zurückzunehmen und herunterzufahren, ebenso den Ausbau der ganztägigen Schulen. Auch da werden die Budgetmittel faktisch halbiert. Das ist für mich unverständlich.

Sie haben unlängst auf Schulen in London verwiesen, die sehr schlecht waren, bis dort massiv reformiert und investiert wurde. Das System steht nun viel besser da. Was sollten wir von dort mitnehmen?

London hat große Herausforderungen, viele Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch viele bildungsferne Familien. Sie haben Geld und Ressourcen investiert, die Schulen hatten aber die Hoheit, eine echte Autonomie, zu entscheiden, wen sie zusätzlich brauchen – Sozialarbeiter, Psychologen, Sprachpädagogen, zusätzliche Lehrer. Und sie konnten auch Lehrer monetär belohnen, Anreize setzen, die besten Pädagogen an die schwächsten Schulen zu holen. So ein Anreizsystem wäre gut und wichtig. Was wir aber vor allem brauchen, ist grundsätzlich mehr Wertschätzung für unsere Pädagogen. In Skandinavien etwa haben Lehrer ein tolles Image. In diese Richtung haben wir mit der Pädagoginnenbildung neu und der damit verbundenen Akademisierung des Berufes bereits erste Akzente gesetzt. Da erwarte ich mir bald Verbesserungen.

KURIER Gespräche im Sommer: Das ganze Interview ist am Mittwoch, 8. August 2018,  ab 19.15 Uhr auf schauTV zu sehen bzw. in der Mediathek auf schautv.at.

Zur Person: Sonja Hammerschmid

1968 in Steyr (OÖ) geboren, aufgewachsen im Bezirk Perg im unteren Mühlviertel.
Biologie-Studium an der Universität Wien mit Schwerpunkt  Genetik mit Nebenfach Tumorbiologie.

Die SP-Bildungssprecherin startete ihre Karriere beim Vienna Biocenter, wechselte  später zum Austria Wirtschaftsservice aws.
2010 wurde sie Rektorin der Wiener VetMed-Uni, 2016 unter Kanzler Kern Bildungsministerin.