Politik | Inland
01.07.2018

Gernot Blümel: Kurz' wichtigster Mann

Mit dem Beginn des EU-Vorsitzes wurde Gernot Blümel endgültig zum zentralen Minister in der Bundesregierung.

Wenn sich Gernot Blümel federnden Schrittes und aufrecht wie ein Senkblei durch den Plenarsaal des Parlaments arbeitet, dann könnte man glauben, dass er gleich einen Preis überreicht bekommt: Sein blauer Anzug sitzt makellos, er hat den obersten Hemdknopf locker geöffnet und: Sein Lächeln setzt nie aus.

Gernot Blümel gibt sich also alle Mühe, Leichtigkeit zu zeigen. Aber einen Preis? Nein, der wartet heute nicht, im Gegenteil: Der 36-Jährige ist wieder unterwegs, um das zu tun, wofür ihn sein Freund Sebastian Kurz mit in die Regierung geholt hat: Er vertritt ihn als Regierungschef im Hohen Haus und beantwortet gut 30 Fragen zum 12-Stunden-Tag.

Blümel hält Kurz den Rücken frei. Und wenn dazu gehört, dass er sich von einem früheren Kanzler coram publico „arrogant“ und „selten inkompetent“ schimpfen lassen muss, dann ist es eben so.

Immerhin ist die andere Seite der Medaille so übel nicht: Gleich hinter dem Bundeskanzler ist der im niederösterreichischen Moosbrunn aufgewachsene Europaminister der wichtigste Mann im Regierungsteam der ÖVP; und mit Übernahme des EU-Vorsitzes am Wochenende ist er nun auch offiziell zum wohl wichtigsten Ressortchef aufgestiegen.

Die EU-Agenden, Kunst- und Kultur, die Medien und mit dem Kultusamt auch politisch ausnehmend sensible Themen wie der politische Islamismus: all das liegt formal in seinem Portefeuille. Wobei: Vielleicht sind die Ressortzuständigkeiten gar nicht so wichtig. Denn Blümel erledigt für den Kanzler ohnehin die Koordinierung der Regierungsarbeit. Und das bedeutet: Seit dem ersten Tag von Türkis-Blau geht nichts Relevantes nicht über seinen Tisch.

Parteichef mit 34

Die Frage, wie sich der Mann mit zwei Studienabschlüssen (Philosophie und Master of Business Administration) selbst verortet, ist schnell beantwortet: „Ich bin ein Problemlöser.“

Er sagt das ohne langes Nachdenken, reflexartig, fast emotionslos. Ein Pragmatiker durch und durch. „Ohne Pragmatismus löst man keine Probleme“, findet er.

Und vermutlich hat Blümel damit sogar Recht, sein flotter Aufstieg spricht jedenfalls dafür. Erst parlamentarischer Mitarbeiter wurde er bald Referent im Kabinett des Vizekanzlers, mit 32 Jahren dann Generalsekretär der Volkspartei, kurz darauf auch Chef der Wiener Volkspartei. Schon klar: Die lag damals am Boden, man hielt bei neun Prozent. Aber trotzdem: Er war mit 34 Parteichef.

Ein Beißer

Weitaus schwieriger ist zu beantworten, was Gernot Blümel antreibt, wie er tickt.

Mit Sebastian Kurz verbindet den „Beißer“, wie ihn manche in der Partei bisweilen liebevoll nennen, die wichtigste Währung in der Politik: bedingungsloses Vertrauen. Und dieses Vertrauen ist nicht allein der Tatsache geschuldet, dass man einander seit mehr als zehn Jahren kennt und de facto parallel politisch sozialisiert wurde – beide traten zur selben Zeit in die junge ÖVP ein, beide übernahmen dort Funktionärsämter, beide hatten mit Michael Spindelegger denselben selben Förderer.

Blümel teilt mit dem Kanzler zudem die Erfahrung, dass sich die Politik im Allgemeinen und die ÖVP im Besonderen zunächst nicht sonderlich um ihn bemüht haben. Wenn Kurz die Anekdote bringt, dass ihn die Meidlinger ÖVP einst mit einem Lächeln abwies, weil man nicht so recht wusste, was der junge Mann in der Bezirkspartei überhaupt machen soll, dann war es bei Blümel ähnlich: Als er zum Studieren nach Wien kam, hatte Blümel keine Verwandten oder Freunde, die ihn in die Landes- oder Bundespolitik hievten. Stattdessen suchte Blümel in einer CV-Verbindung Anschluss und bewarb sich aus eigenen Stücken so lange für einen Job im Parlament, bis ihn ein CV-Bruder, der Abgeordnete Spindelegger, mit einem 20-Stunden-Vertrag anheuerte.

Eigenverantwortung

Kurz wie Blümel sind fest davon überzeugt, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Eigenverantwortung, lautet das passende Stichwort. Und zumindest Blümel sind Zeitgenossen, die sich gehen lassen, die nichts tun und/oder nichts wollen, suspekt bis unsympathisch.

Tatkraft und Leistungswille: Diese Tugenden stehen bei ihm ganz oben.

Und so gesehen ist es ein seltsamer Zufall, dass sein SPÖ-Vorgänger im Amt, Thomas Drozda, bei Blümel ausgerechnet die Tatkraft vermisst. „Ich schätze am Minister zwar, dass er bei personellen Fragen auf Kontinuität gesetzt hat und etwa die Entscheidungen über Staatsoper oder Burgtheater nicht infrage gestellt hat – so zeigt man, dass es etwas über der Parteipolitik gibt.“

Dessen ungeachtet kritisiert der frühere Theater-Manager aber den fehlenden Kampfeswillen Blümels bei einzelnen Künstlern: „Ein ÖVP-Stadtrat Marboe hat Christoph Schlingensief verteidigt, als dieser seine Container vor der Staatsoper aufgestellt hat, auch wenn Marboe nicht alles gut fand. Blümel scheint dieser Aspekt noch fremd zu sein. Zumindest hat er nichts unternommen, als Teile der FPÖ den Schriftsteller Josef Winkler attackiert haben.“

Freude am Widerstand

An der Scheu vor Konflikten liegt es kaum. „Man darf sich von Widerständen nicht über Gebühr abschrecken lassen“, sagt Blümel. Anfeindungen, wie am Freitag im Parlament, berühren ihn wenig, sie amüsieren ihn eher. „Im Landtag hatte ich von hundert Abgeordneten nur eine Handvoll hinter mir“, sagt er. Im Vergleich dazu sei die Situation im Nationalrat komfortabel. „Überhaupt finde ich politische Debatten fast immer unterhaltsam.“ Wäre es anders, würde er es kaum zugeben. Das schafft Probleme. Und die kann er in seinem Job so gar nicht gebrauchen.