Politik | Inland
29.09.2017

Rennen für die neue Farbe

Was treiben eigentlich die ÖVP-Quereinsteiger? Auf Wahlkampftour mit dem Ex-Grünen Efgani Dönmez

Anfang Juli, Wien, Erster Bezirk: Vor Efgani Dönmez drängen sich Kameraleute und Journalisten im hippen Volksgartenpavillon, als er in einem Blitzlichtgewitter von ÖVP-Chef Sebastian Kurz als erster Quereinsteiger und "ausgezeichneter Experte" in Sachen Migration vorgestellt wird.

Knapp drei Monate später ist das Umfeld nicht mehr so schillernd. Der Hauptplatz in Braunau ist verwaist, durch die engen Gasserl der oberöstereichischen 17.000-Einwohner-Stadt pfeift ein kalter Herbstwind. Auch hier wird Dönmez nun als Neuer vorgestellt – der junge Mann, der dieser Aufgabe nachkommt, weist optisch zwar eine frappante Ähnlichkeit zu Sebastian Kurz auf (blauer Slimfit-Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte, die Haare nach hinten gegelt), ist aber der ansässige Bezirkskandidat. "Kennen Sie schon den Efgani Dönmez?", fragt er einen Mitdreißiger mit Zopf am Kopf, Kind an der Hand und Hund bei Fuß. Der Angesprochene verneint, nimmt aber die türkise Würstelpackung und den Flyer mit dem Gesicht des hiesigen Kandidaten. Eigene Flyer hat der Ex-Grüne und Neo-Türkise nicht dabei, die Broschüren mit seinem Konterfei hat ein Wahlkämpfer im Auto liegen lassen. Also muss Dönmez nun die Flyer des Braunauers unter das Wahlvolk bringen – "bewerb ma halt dich, is a schen", sagt er. Auszumachen scheint ihm das wenig, Dönmez sprudelt nur so vor Wahlkampfeifer.

"Frage des Anstands"

Zu spüren bekommen das an diesem Nachmittag auch die Besucher des "Inn Schnitt", einem flippig eingerichteten Dorf-Friseursalon. Einer Dame mit roten Strähnen, die gerade geföhnt wird, überreicht der aufgeweckte Ex-Grüne Flyer und Kugelschreiber, schüttelt ihr lächelnd die Hand und beglückwünscht sie zu ihrer neuen Frisur. Ein paar Meter weiter feixt er in Richtung eines verdutzt dreinschauenden Kunden ("Kemma bei mir a kurz ausrasieren?"), verteilt Geschenke und weitere Komplimente. Nach einer zweiminütigen Runde durch das kleine Geschäft hat Dönmez seine Mission beim Friseur erfüllt: Sämtliche Damen mit und ohne Alufolie im Haar halten ÖVP-Flyer in den Händen. "Da werden sich eure Männer aber freuen, wenn ihr alle so hübsch heim kommt’s", ruft er der kichernde Damenrunde noch entgegen, als er das "Inn Schnitt" verlässt. "A liaba Bua woa des, ha?", sagt die Rothaarige – gekannt habe sie ihn aber nicht, gibt sie zu. "Frage des Anstands" Rasch geht es weiter zum Würstelstand, in zwei Cafés und dazwischen zu einem kurzen Stelldichein beim schwarzen Braunauer Bürgermeister. Teile der Entourage drücken immer wieder aufs Tempo. Ein Mann in Radlerhose bekommt dennoch die Gelegenheit, Dönmez vor einem Café zu erklären, "dass Flüchtlinge nicht einfach herkommen und die Hand aufhalten dürfen". Dönmez sagt, dass er für einen neuen Zugang in der Migrationspolitik stehe, sich vieles bessern müsse. Die Skepsis des Braunauers, ob "der Kurz echt halten kann, was er verspricht", vermag ihm Dönmez offenbar nicht zu nehmen. Dönmez muss weiter zu einem Treffen mit lokalen Journalisten – danach zu einer Podiumsdiskussion über Migration und politischen Islam. Bevor er nach Braunau gerast ist, gab er in seiner Heimatstadt Linz noch eine Pressekonferenz, eine geplante Flyer-Aktion im Stadtzentrum von Ried fiel dem Terminchaos zum Opfer.

Tage wie diesen, schildert Dönmez, habe er momentan zuhauf. Geld für seinen Wahlkampfeinsatz bekommt er keines von der ÖVP – für den türkischstämmigen Dönmez sei dies eine "Frage des Anstandes". Beharrt auf ORF-KritikFür die ÖVP in die Schlacht geworfen hat sich der 40-Jährige, der nun auch für die Parteizeitung Volksblatt schreibt, unlängst im Konflikt um ORF-Moderator Tarek Leitner: Ihm und Kanzler Kern wirft er wegen eines gemeinsamen Ibiza-Urlaubs 2015 nach wie vor ein "problematisches Naheverhältnis" vor, auch wenn sich seine Behauptung des gemeinsamen Marokko-Urlaubs 2016 nicht bewahrheitet hat. Damals habe er einen anderen Infostand gehabt, aber es gehe "um die Freundschaft der beiden, nicht um einen einzelnen Urlaub". Angst, nach der Wahl am 15. Oktober in der ÖVP-Versenkung zu verschwinden, hat er nicht: "Das wird bei mir nicht so sein, denn meine Themen werden auch am 16. Oktober noch gefragt sein".