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Politik Inland
05/15/2019

ORF-TV-Duelle zur EU-Wahl: Alle gegen Othmar Karas

Ob SPÖ, Grüne oder FPÖ: In der ORF-Diskussion mit dem ÖVP-Frontmann gab es nur ein Thema: Wie hält es Karas mit der Kurz-ÖVP?

von Christian Böhmer

Und plötzlich wurde aus dem Kandidaten eine Kandidatin: Bei den TV-Konfrontationen zur EU-Wahl im ORF vollzog die ÖVP am Mittwochabend einen lange vorbereiteten Wechsel, der nicht ohne Risiko blieb: Spitzenkandidat Othmar Karas überließ seiner Nummer 2 auf der Liste, Staatssekretärin Karoline Edtstadler, den Vortritt und sparte sich das Zweier-Duell mit dem freiheitlichen Listen-Ersten Harald Vilimsky.
„Rein taktisch müssen die FPÖ und Vilimsky beim Duell mit Edtstadler immer nur eine Frage stellen, nämlich: ,Mit wem diskutieren wir jetzt eigentlich? Mit der Karas-ÖVP oder mit der Kurz-ÖVP?' Aus Sicht der Volkspartei ist die Situation extrem riskant“, sagte Wahlkampfexperte Thomas Hofer vor der Konfrontation. Er sollte Recht behalten.

Mehr noch: Nicht nur Harald Vilimsky, sondern die Mehrzahl von Karas' Gesprächspartnern, oder besser: -gegnern, wollten mit dem Bürgerlichen vornehmlich über eines reden: über sein Verhältnis zu Parteichef Sebastian Kurz - und welche Rolle jetzt Karoline Edtstadler spielt.

Den Beginn machte Werner Kogler. Der Grüne bezeichnete Karas als bloßes "Feigenblatt" der ÖVP-Liste. "Welche ÖVP steht nun eigentlich zur Wahl?", wollte Kogler wissen - und gab sich selbst die Antwort. Die des Sebastian Kurz, der seit wenigen Tagen mit "primitivem Reindreschen auf Europa" und "Scheinheiligkeit" Wahlkampf mache.

 „Auf mich ist Verlass!“, konterte Karas – und erntete postwendend Widerspruch. „Nein, Sie sind verlassen!“

Ähnlich dann das Duell mit SPÖ-Mann Andreas Schieder: „Der Widerspruch zwischen mir und Othmar Karas ist kleiner als zwischen Othmar Karas und seiner eigenen Partei“, befundete der Sozialdemokrat gleich zu Beginn des Aufeinandertreffens. Karas hielt dem entgegenhielt, dass ihn und den Bundeskanzler nichts trenne. „Er steht mir zur Seite und gibt mir Recht.“

Inhalte und Positionen spielten bei alldem eine sekundäre Rolle - Othmar Karas musste sehr viel über sein normales Verhältnis zum Kanzler, zur ÖVP, zum Binnen-Klima sagen, kurzum: Er musste Zeit auf Dinge verwenden, die für gewöhnlich erst gar nicht erwähnenswert sind.

Wie verlief nun das durchaus mit Spannung erwartete Duell Edtstadler gegen Vilimsky?

Mit dem ÖVP-Spitzenkandidaten hielt sich der blaue Generalsekretär und EU-Mandatar nicht lange auf. Er postierte ein Pappbild von Karas vor sich selbst und meinte knapp: "Karas ist geknickt." 

Allein  in Edtstadlers Anwesenheit sah Harald Vilimsky den Beweis für seine These, die da lautet: Die ÖVP ist heillos zerrissen.

Und um die Staatssekretärin endgültig in die Bredouille zu bringen, machte der Blaue der Schwarzen ein überraschendes Angebot: "Eigentlich müssten Sie in meinem Team sein."

Die ÖVP-Staatssekretärin gab sich alle Mühe, Vilimskys Nähe zur AfD oder Marine Le Pen und damit den Anti-Europäern zu skizzieren. Doch der Schaden war getan. Zumal Vilimsky nicht müde wurde zu erwähnen, dass Edtstadler "im falschen Team" spiele, und dass der ORF das spannendste Duell des Abends wieder einmal nicht gebracht habe, nämlich: Karas gegen Edtstadler

Vilimsky sollte an diesem Abend übrigens nicht der Einzige sein, der diese Spitze anbrachte und das Bild verfestigte: Karas gegen Edtstadler - nichts konnte der Schwarze an diesem Abend weniger brauchen.

Bleibt die Frage: Warum hat die Volkspartei den Wechsel vollzogen? Warum setzte Parteichef Sebastian Kurz seinen Spitzenkandidaten einem erwartbaren Risiko aus und verletzt auch andere, als eher geltende Wahlkampfprinzipien wie zum Beispiel, dass man Wahlkampfstrategie und –kandidaten nicht kurz vor dem Ende kurzfristig wechselt?

Wahlkampf-Experte Thomas Hofer erklärt das vor allem mit den Zahlen, die offenkundig in der ÖVP zirkulieren. „Sebastian Kurz und die Partei liegen bei der Sonntagsfrage bei 34 Prozent, die ÖVP mit der Europa-Frage bei 29 – diese Differenz will der Parteichef offenbar mit dem schärferen Kurs nun verkleinern.“