Politik | Inland 14.06.2018

ÖGB-Kongress: Katzian ist neuer Gewerkschaftspräsident

© Bild: Kurier/Jeff Mangione

Mit einer Zustimmung von knapp 92 Prozent wurde zum ersten Mal ein Angestellten-Gewerkschafter an die Spitze des ÖGB gewählt.

Wolfgang Katzian ist neuer Präsident des österreichischen Gewerkschaftsbundes. Der 61-Jährige erhielt am ÖGB-Bundeskongress 91,6 Prozent der Delegiertenstimmen. Katzian ist damit der erste Angestellten-Vertreter an der Spitze des Gewerkschaftsbunds und der siebente Präsident insgesamt. Sein Vorgänger Erich Foglar hatte nicht mehr kandidiert und tritt in den Ruhestand.

Mit 95,9 Prozent der Delegiertenstimmen in seinem Amt als Vizepräsident bestätigt wurde der Beamtenvertreter und Christgewerkschafter Norbert Schnedl. Neu als Vizepräsidentin ist ÖGB-Frauenchefin Korinna Schumann, deren Wahl 97,5 Prozent zustimmten. Ihre Vorgängerin Renate Anderl ist mittlerweile Präsidentin der Arbeiterkammer.

Katzians Ergebnis entspricht in etwa den Resultaten seines Vorgängers. Foglar hatte bei seinem Erstantritt knapp 89 Prozent errungen und war beim zweiten Antritt mit 93,5 Prozent bestätigt worden.

Deutliche Kür

Mit der recht deutlichen Kür von Wolfgang Katzian zum Präsidenten hat der ÖGB ein Zeichen der Geschlossenheit ausgesendet. Ob es auch ein Zeichen der Reformfreudigkeit war, wird sich in den kommenden fünf Jahren zeigen. Denn Katzian hat sich eine Strukturenänderung im Gewerkschaftsbund vorgenommen. Dies könnte sogar die schwierigere Übung werden als der Widerstand gegen Maßnahmen der Regierung.

Die Wahl Katzians ist keine Selbstverständlichkeit, war das Präsidentenamt doch bisher eine Erbpacht der Arbeitergewerkschaften, unterbrochen bloß durch den Gemeindebediensteten Rudolf Hundstorfer, der im Zuge der BAWAG-Krise fast zufällig an die Spitze gespült worden war. Der 61-jährige gebürtige Stockerauer ist also der erste Privatangestellten-Vertreter, der zum Chef des ÖGB gewählt wurde.

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Den ÖGB-Vorsitz führten von Anfang an Sozialdemokraten, was sich bis heute nicht geändert hat. Johann Böhm nimmt Rang drei der längsdienenden Präsidenten ein, er machte den Job von 1945 bis 1959 immerhin 14 Jahre. Böhm wurde am 26. Jänner 1886 in Stögersbach (NÖ) und starb am 13. Mai 1959 in Wien.

 

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Franz Olah besetzte den Posten nur eine Periode von 1959 bis 1963, also vier Jahre. Danach wechselte er als Innenminister in die Bundesregierung. Olah meldte den Führungsanspruch in der SPÖ an. Der Konflikt mündete in eine veritable Parteikrise, die 1964 mit dem Parteiausschluss Olahs endete. Er stolperte über eine Finanzierungsaffäre im Zusammenhang mit der Gründung der Kronen Zeitung Franz Olah wurde am 13. März 1910 in Wien geboren und starb am 4. September 2009 in Baden .

 

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Rekordhalter als ÖGB-Chef ist Anton Benya, der den Posten nicht weniger als 24 Jahre besetzte. Er prägte den Gewerkschaftsbund und die Sozialpartnerschaft von 1963 bis 1987, überdauerte auch die Ära Kreisky. Er hinterließ die sogenannte Benya-Formel, nach der in den Lohnverhandlungen die Inflationsrate (Verbraucherpreise über 12 Monate) berücksichtigt wird. Zusätzlich werden Produktivitätsgewinne zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geteilt. Dies führt zu moderaten Lohnanstiegen. Benya wurde am 8. Oktober 1912 in Wien geboren und starb ebendort am 5. Dezember 2001.

 

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BAWAG Untersuchungsausschuss

Fritz Verzetnitsch war 18 Jahre im Amt, ehe er 2006 im Zuge des BAWAG-Skandals die Segel strich. Dass Verzetnitsch am Ende in solche Probleme geraten würde, war nicht zu erwarten. Über viele Jahre galt der gelernte Installateur als Leichtgewicht, der den mächtigen Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften wie dem Metaller Rudolf Nürnberger oder GPA-Chef Hans Sallmutter wenig entgegenzusetzen habe. Verzetnitsch wurde am 19. Oktober 1955 in Wien geboren.

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Fritz Verzetnitsch

Nach dem Abgang Verzetnitsch' übernahm Rudolf Hundstorfer 2006 das Ruder. Seine auffälligste Leistung war das Krisenmanagement bei der strauchelnden Gewerkschaftsbank BAWAG. Schon nach zweieinhalb Jahren folgte Hundstorfer (19. September 1951 in Wien geboren) dem Ruf in die Bundesregierung - als Sozialminister. Damit ist er der kürzest dienende Präsident der ÖGB-Geschichte.

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ÖGB-VORSTÄNDEKONFERENZ: FOGLAR

Im Dezember 2008 wurde mit Erich Foglar, nach Benya und Verzetnisch, ein weiteres Mal ein Mitglied der Metaller-Gewerkschaft zum Präsidenten des ÖGB bestellt. Bis zum 17. Bundeskongress am 2. Juli 2009 amtierte Foglar als geschäftsführender Präsident.
Er wurde am 19. Oktober 1955 in Wien
geboren.

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ÜBERGABE DER UNTERSCHRIFTEN "GEGEN DIE ZERSCHLAGUNG DER AUVA"

Foglars Nachfolger wird der Chef der Privatangestelltengewerkschaft, Wolfgang Katzian. Er ist der erste GPA-Funktionär, der sich eine entsprechend wichtige Position im traditionell arbeiterdominierten Gewerkschaftsbund sichern konnte.Katzian wurde am 28. Oktober 1956 in Stockerau geboren, ist verheiratet, Vater eines Sohnes. Gelernter Bankkaufmann.

Das ist kein Zufall. Der GPA-Vorsitzende ist ein gewerkschaftliches Schwergewicht, ein gewiefter Strippenzieher, der nicht nur die Position seiner Organisation gestärkt hat sondern nebenbei als Fraktionschef der sozialdemokratischen Gewerkschafter auch im Nationalrat den ein oder anderen Faden gezogen hat, etwa im Energiebereich, für den er Bereichssprecher war. In der Öffentlichkeit fast ebenso bekannt ist er als Präsident des Fußball-Bundesligisten Austria Wien. Selbst schwang er Golfschläger und Tennisracket.

Katzian pflegt Macher-Image

Das Amt des ÖGB-Präsidenten gilt in der Gewerkschaftswelt eigentlich mehr als Repräsentationsjob, was nicht so recht zu Katzians Macher-Image passt. Anzunehmen ist, dass sich der neue Chef mit dieser Rolle nicht zufrieden geben will. Nicht umsonst hat er schon beim Bundeskongress den Wunsch nach einer Strukturreform angetönt. Auch will er den ÖGB für neue Gruppen öffnen, etwas, was ihm in der eigenen Gewerkschaft schon recht gut gelungen ist. Die GPA ist jedenfalls in der Außenwirkung die modernste und gesellschaftspolitisch am weitesten links stehende Teilorganisation der Gewerkschaft.

An sich hat der neue Präsident eine klassische Gewerkschaftskarriere durchgemacht. Der gelernte Bankkaufmann hat in der GPA so ziemlich jede Funktion durchlaufen, die verfügbar war - vom Jugendsekretär über den Geschäftsführer bis eben zum Vorsitzenden. Nebenbei verdingte sich Katzian unter anderem auch als stellvertretender Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse sowie als Obmann der Pensionsversicherungsanstalt der Angestellten, bis diese in die Pensionsversicherungsanstalt für Arbeiter integriert wurde.

In der Öffentlichkeit tritt Genussmensch Katzian stets hemdsärmelig auf. Die Verwendung von Dialekt scheut er bei seinen Auftritten nicht. Redner ist er kein schlechter, manchmal zaudert er jedoch, auf den Punkt zu kommen und wird sperrig. Lieber erreicht er seine Ziele durch Verhandlungsgeschick als durch Poltern in der Öffentlichkeit. Zu glauben, dass er sich deswegen scheuen würde, den ÖGB in einen Streik gegen die Regierung zu führen, wäre jedoch ein Fehler. Katzian steht zwar an sich für die Sozialpartnerschaft, konfliktscheu ist er aber nicht, wie diverse Kampagnen seiner GPA gegen prominente und auch beliebte Handelsketten bewiesen haben.

Zur Person: Wolfgang Katzian

Geboren am 28. Oktober 1956 in Stockerau, verheiratet, Vater eines Sohnes. Gelernter Bankkaufmann. Ab 1977 diverse Funktionen in der Gewerkschaft der Privatangestellten, unter anderem als Zentralsekretär und Bundesgeschäftsführer. Seit 2005 Vorsitzender der GPA. Von 1990-2001 Obmann-Stellvertreter der Wiener Gebietskrankenkasse, 2001 bis 2002 Chef der Pensionsversicherungsanstalt der Angestellten. Von Ende März bis Oktober 2006 sowie ab Oktober 2008 durchgehend SPÖ-Abgeordneter zum Nationalrat. 2009 -2018 Vorsitzender der sozialdemokratischen Gewerkschafter. Seit 14. Juni 2018 Präsident des ÖGB. Ab 2007 Präsident des Fußball-Bundesligisten Austria Wien.

 

( Agenturen , tem ) Erstellt am 14.06.2018