Politik | Inland
01.10.2018

Middelhoff: „Bedenke, auch du bist sterblich!“

Der gefallene Star-Manager Thomas Middelhoff über seine Zeit in Haft, Religiosität und sein Rat an Führungskräfte.

KURIER: Sie waren der große Wirtschaftsführer: Bertelsmann Deutschland, AOL Europe, dann hatten Sie ein Büro in New York. Wir konnten in Zeitungen lesen, dass Sie mit der Concorde immer hin- und hergeflogen sind. Sie hatten eine Yacht in Südfrankreich, ein Haus in Saint Tropez. Haben Sie je darüber nachgedacht, wo Sie begonnen haben, abzuheben?

Thomas Middelhoff: Ja, da habe ich häufig darüber nachgedacht. Es war der Moment, an dem ich glaubte, ich sei am Zenit meines Erfolges. Da hatte ich für eine Transaktion, die Bertelsmann acht Milliarden eingebracht hat, einen dicken Bonus zugesprochen bekommen.

In der Höhe von?

Das waren damals so rund 100 Millionen Euro. Und da habe ich gedacht: Jetzt bist du wirtschaftlich unabhängig. Und jetzt machst Du nur mehr das, wovon Du glaubst, dass es richtig ist. Ich habe angefangen, den Lebensstil einiger Geschäftsfreunde zu kopieren, die eindeutig ein größeres Vermögen hatten.

Ein normaler Mensch kann sich schon nicht vorstellen, 100 Millionen Euro irgendwann anzubringen. Das ist eine unendlich hohe Summe! Aber, es geht?

Ja, es geht. Ich habe die Summe auch nie zu fassen gekriegt, gesehen. Die ging gleich zur Vermögensverwaltung. Und ich habe mir das auch nie angeguckt. Was sich falsch entwickelt hatte. Gewisse Prioritäten im Leben haben sich verschoben. Auf einmal habe ich ein Boot gehabt, das ich mir vorher nie hätte vorstellen können.

Das man auch nicht braucht, oder?

Das man auch nicht braucht. Aus heutiger Sicht ist es auch ganz interessant – alles gehabt, alles verloren – dass ich nichts vermisse. Ich gucke zurück und sage mir: Du hast viel Glück gehabt in Deinem Leben. Du hast eigentlich alles gehabt. Es ist alles weg, aber das Leben wird dadurch nicht schlechter.

Aber während man das alles erlebt, merkt man nicht: „Ich habe abgehoben?“ Da gibt es niemanden, der sagt: „Thomas, das tut man nicht?“

Denen habe ich nicht mehr zugehört – wahrscheinlich. Ich wollte das in gewisser Weise nicht hören. Man fängt ja auch an, sich unantastbar zu fühlen, weiß sowieso alles besser, kann über Wasser gehen. All diese schlechten Eigenschaften habe ich gezeigt. Dazu kommen Eitelkeit und ein bisschen Narzissmus auch. Das hat sich absolut in die falsche Richtung entwickelt. So gesehen habe ich eine Strafe gekriegt, die ihren Ursprung in meinem eigenen Verhalten hat.

Ihr Buch heißt „A115 – der Sturz“. A115, das war die Nummer der Zelle, in der Sie waren. Sie beschreiben in dem Buch, dass sie katholisch erzogen wurden und dass Ihnen der katholische Glauben sehr wichtig war. Das Leben, das Sie geführt haben, war aber weit weg von dem, was man gemeinhin unter einem Leben versteht, das man nach der Bibel führen sollte. Mit Nächstenliebe, mit Fürsorge. War der Glaube da nicht so wichtig, oder haben Sie das auch abgetötet?

Ich habe den Glauben nur mehr in einer formellen Weise ausgelebt. Bin sonntags in die Kirche gegangen, aber ich habe die Beziehung zu Gott, das Spirituelle total verloren gehabt. Das war ein inhaltsleeres Beten.

Aber das haben Sie gemacht? Sie sind bewusst katholisch aktiv gewesen?

Ja, ich habe auch vor dem Essen gebetet und nach dem Essen. Ich habe sogar an öffentlichen Plätzen gebetet. Aber es war nichts Nachhaltiges. Es war eigentlich der Prozess, der Routine war.

Die Spiritualität kam dann im Gefängnis zurück?

Ja, schon nach kurzer Zeit und in sehr nachhaltiger Form.

Zurück zu Ihrer Karriere: Sie waren Vorstandsvorsitzender von Arcandor, einer Kaufhausgruppe, zu der Karstadt, Quelle und Thomas Cook zählten – dann gab es eine Insolvenz. Verurteilt wurden Sie aber nicht wegen dieser Insolvenz, sondern wegen Vorwürfen, Flüge, die Sie privat gemacht hätten, abgerechnet zu haben. Sie haben sich natürlich unschuldig verurteilt gefühlt?

Ja, ich habe mich unschuldig verurteilt gefühlt. Der Hauptteil war eine Festschrift, die ich herausgegeben hatte für jemanden. Dafür habe ich zwei Jahre und sieben Monate bekommen. Um ungefähr 185.000 Euro ging es da.

Um Untreue, dass Sie fremdes Geld für eigene Zwecke verwendet hätten.

Ganz genau. Natürlich habe ich mich unschuldig gefühlt. Aber im Gefängnis kommt man ein bisschen zur Ruhe und wird auch gezwungen, sich selber infrage zu stellen. Im Rahmen dieses Prozesses habe ich festgestellt, dass ich durch mein Verhalten, durch meine Abgehobenheit, durch meine Eitelkeit, das sozusagen ausgelöst habe, was dann die Folge all dessen war. Ich hätte ja nur die Vorstandskollegen fragen brauchen: „Seid Ihr einverstanden, dass wir die Festschrift machen?“ Das wäre eine Sekunde gewesen. Ich habe sie aber nicht gefragt, weil ich einfach dachte: „Die Idioten brauchst Du nicht zu fragen.“

Es ging für Ihre Verhältnisse nicht einmal um viel Geld. Sie hätten es ja locker aus der Privattasche zahlen können. Aber das war eine Ihrer Maßnahmen, weil Sie dachten: „Ich bin eh der Größte“?

Ganz genau. Und dafür habe ich auch die Quittung bekommen. Und das zurecht.

Es stehen in Ihrem Buch ganz schreckliche Dinge. Sie beschreiben, dass Sie in den ersten sechs Wochen alle Viertelstunden aufgeweckt wurden wegen angeblicher Suizidgefahr. Es gibt Leute, die sagen: „Das ist schon ein bisschen weinerlich, wie er das beschreibt.“

Ich weiß nicht, ob es wirklich weinerlich ist. Die Zeit hat mich im Gefängnis sehr gefordert. Vielleicht habe ich das schlechter ertragen als andere Häftlinge. Das kann durchaus sein. Das will ich nicht in Abrede stellen.

Sie hätten sich nie vorstellen können, ins Gefängnis zu kommen?

Das war ein Schock. Das war ein totaler Schock! Sie kommen im Anzug und plötzlich in der Kleiderkammer heißt es: „Ausziehen, nackt, bis an die Kachelwand, dann werden Sie untersucht.“ Das sind schockhafte Erlebnisse.

Und Sie haben es dort mit Leuten zu tun, die möglicherweise schon öfter im Gefängnis waren und die Regeln kennen, von denen Sie auch keine Ahnung hatten.

So ist es. Für mich war alles fremd. Ich habe Angst gehabt. Ob das jetzt weinerlich ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hat es dazu geführt, dass ich mich selber infrage gestellt habe. Und dass ich auch erkannt habe, welche Fehler ich in meinem Leben gemacht habe.

Der Hauptfehler war, wenn ich Sie richtig verstehe, nur auf das eigene Gewissen zu achten, auch andere Menschen herabzuwürdigen und sich dann fast gottgleich selber zu überhöhen. Was würden Sie anderen Wirtschaftsführern jetzt raten, damit ihnen das nicht passiert?

Ich habe damals, als ich Bertelsmann-Chef wurde, einen Brief bekommen von einem engen Geschäftsfreund, ein enger persönlicher Freund, der schrieb mir Folgendes: Wenn der siegreiche Imperator im alten Rom auf seinem Streitwagen Einzug hielt und die Menschen ihm zujubelten, hatte er auf dem Streitwagen einen Sklaven hinter sich stehen, der ihm ins Ohr flüsterte: „Bedenke, auch Du bist sterblich.“ So einen wünsche ich allen Wirtschaftsführern, die erfolgreich tätig sind.

Anstatt nur im Gefängnis zu sitzen haben Sie mit Behinderten gearbeitet. Was haben Sie dabei gelernt?

Ich war Hilfskraft in einer Werkstatt, die behinderte Menschen beschäftigte. Da habe ich Arbeitsmaterialien zu den Behinderten getragen, habe sie betreut, bin mit ihnen zur Toilette gegangen, habe ihnen beim Essen geholfen und bin mit ihnen spazieren gegangen.

Hätte man Ihnen früher gesagt „Mache das ein paar Stunden“, dann hätten Sie vermutlich geantwortet: „Lächerlich, das mache ich nicht!“?

Ja, definitiv nicht. Und heute sage ich: „Wenn ich nochmal das Programm für Führungs-Nachwuchskräfte von Bertelsmann konzipiere, dann kommen sechs Wochen Bethel rein.

Bethel ist die Anstalt, in der Sie waren. Was hätte der 30-jährige Middelhoff dort gelernt?

Menschlichkeit und Demut.