Politik | Inland
31.03.2018

Wenn das Handy zur Hand wird

Ambulanzen für Spielsucht werden zur Anlaufstelle für verzweifelte Eltern und Schüler

Wenn ein Kind nicht aufsteht, weil es die ganze Nacht im Bett am Handy war; wenn die Androhung eines Handy-Entzugs für Schreikrämpfe sorgt; und wenn die Zeit, die das Kind mit „echten“ Freunden verbringt, weniger, und die Zeit allein mit dem Smartphone mehr wird, dann muss das nicht immer etwas bedeuten. Vielleicht hat das Kind eine „Phase“, vielleicht geht alles vorbei. Kann sein.

In vielen Fällen könnte die Angelegenheit aber ernst sein. Eine Sucht eben. Und in dem Fall wäre das Kind bei jemandem wie Kurosch Yazdi gut aufgehoben.

Yazdi ist Chef der Ambulanz für Spielsucht des Linzer Uni-Klinikums, und er sträubt sich, in Alarmismus zu verfallen. „Aber eines lässt sich ohne Studien feststellen: Die Zahl der Internet- und smartsüchtigen Jugendlichen geht in den vergangenen Jahren nach oben – und zwar dramatisch.“

Als Yazdis Ambulanz 2011 die Arbeit aufnahm, waren unter allen Patienten „vielleicht zwei, drei Studenten, die ihr online-Verhalten nicht im Griff hatten, die süchtig waren.“ Der Rest? Klassische Spieler, Shoppingsüchtige und dergleichen.

Süchtig mit 9 Jahren

Heute gehe es de facto bei der Hälfte aller 1200 Patientenanfragen im Jahr um eine Internet- und Smartphonesucht. „Und der Altersschnitt hat sich fast halbiert. Mittlerweile melden sich die Eltern von 9-Jährigen.“

Vielleicht ist das die Stelle, an der man klären sollte: Was oder wer ist smartphonesüchtig? Während die Wissenschaft noch um eine Definition ringt, befundete eine deutsche Studie zwischen 2014 und 2016 eine Zunahme der internetabhängigen Jugendlichen von vier auf sieben Prozent; im hoch-technologisierten Süd-Korea spricht man von 18 Prozent.

Die Zahl mag hoch gegriffen sein. Einig sind sich Ärzte wie Pädagogen aber beim Grundlegenden: Wenn Schüler nicht auf das Smartphone verzichten können, wenn ihr online-Verhalten negativ auf das reale Leben abfärbt (sie vergessen zu schlafen, zu essen, etc.) und die Zeit am Telefon dennoch mehr wird, besteht Gefahr.

„Für alle Süchte gilt: Je größer die Verfügbarkeit, desto höher die Zahl der Süchtigen. Insofern bergen Smartphones ein in unserer Gesellschaft nie da gewesenes Risiko. Das Smartphone ist ja immer mit dabei, es gibt eine Explosion der Verfügbarkeit“, sagt Yazdi.

Auch in Europas größter Suchtklinik, dem Anton-Proksch-Institut in Wien, beobachtet man die Entwicklung mit Sorge. „Das Internet befriedigt enorm viele Gefühle, die für uns Menschen zentral sind“, sagt Primar Roland Mader. Insofern sei das Smartphone eine Wundertüte: Potenziell Spielsüchtige könnten damit ebenso bedient werden wie Kaufsüchtige, Menschen, die Liebe und Anerkennung mit „Likes“ nachlaufen – oder die sexuelle Bedürfnisse befriedigen wollen.

Am Ende steht bei allen Süchten der Kontrollverlust.

Wobei Schulkinder diesbezüglich nicht mit Erwachsenen verglichen werden können. Denn sie sind gerade erst dabei, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen – und dementsprechend besonders verletzbar.

Was also tun? Die Smartphones für Kinder verbieten – und zwar im großen Stil, also per Gesetz?

Sucht-Experte Mader hält das für schwer umsetzbar. „Wir wissen ja nicht, in welche Richtung der Fortschritt geht und was alles dank der Smartphone-Technologie noch möglich wird.“

Viel wichtiger sei es, auf einen möglichst souveränen Umgang mit Internet und Handys hinzuwirken. „Man sollte zu Hause bewusst Handy-freie Zonen schaffen, gemeinsam Zeiten definieren, in denen das Smartphone verwendet wird und kann notfalls vorübergehend auch Handyverbote aussprechen“, sagt Mader. Nachsatz: „Aber wenn es Verbote gibt, muss im Gegenzug klar sein, dass die Eltern beispielsweise auch etwas mit den Kindern unternehmen. Sie müssen da sein, sich kümmern.“