Politik | Inland
04.10.2018

Herbert Tumpel: Ein Mann mit vielen Eigenschaften

Ehemaliger AK-Chef starb im 71. Lebensjahr. Als Gewerkschafter stand er für Härte, privat rezitierte er auswendig „Faust“.

Wer Herbert Tumpel nur aus der Ferne kannte, hatte ein klares, sehr kantiges Bild: Ein strammer Gewerkschafter, auch beim Gegenüber als sachlicher Verhandler mit Augenmaß sehr geschätzt, aber kein um öffentliche Aufmerksamkeit buhlender Mensch.

Donnerstagvormittag verstarb Tumpel im 71. Lebensjahr nach kurzer, schwerer Krankheit. Der studierte Volkswirt lernte das politische Handwerk als Mitarbeiter von Anton Benya. Dieser prägte als ÖGB-Chef mit Bruno Kreisky die Politik der 70er-Jahre. Und stand für eine Ära, in der die Rolle der Sozialpartner mit „Nebenregierung“ nur unzureichend beschrieben wird. Ohne deren Konsens ging so gut wie nichts. Dieses Selbstbewusstsein prägte eine ganze Generation an Gewerkschaftern – so auch die 16 Jahre umfassende Ära Tumpel als Präsident der Arbeiterkammer (1997 bis 2013).

In Kritik geriet Tumpel in der BAWAG-Affäre, weil er als Aufsichtsratsvorsitzender der damaligen Gewerkschaftsbank für die verlustreichen Karibik-Geschäfte mitverantwortlich gemacht wurde. Eine Vorladung vor einen parlamentarischen Untersuchungs-Ausschuss blieb aber folgenlos.

Auf Tumpels Haben-Seite steht ein Plus von fast zehn Prozentpunkten für die sozialdemokratische Fraktion bei den AK-Wahlen.

Seine äußerliche Härte und innere Disziplin wurzelt wohl auch in seiner Vergangenheit als Soldat des Jagdkommandos. Seine lebenslange Verbundenheit mit den „Rangern“ irritierte manche seiner Parteifreunde.

Unbändige Neugierde

Tumpel war ein Mann mit vielen Eigenschaften. Das öffentliche Raubein konnte ein feinsinniger Intellektueller und spannender Gesprächspartner sein. Viele, die ihn persönlich kannten, berichten von seiner fast körperlichen Liebe zu Büchern, unbändigen Neugierde auf Philosophie und unkonventionelle Denker und seiner Freude an Kunst und Theater – wenn er etwa eine 24-Stunden-Vorstellung des „Faust“ besuchte und Jahre danach noch wörtlich daraus zitieren konnte.

Zu seinen engsten Freunden gehörte ein Unternehmerpaar, mit dem das Ehepaar Tumpel Reisen unternahm.

Für ein Buch, das ihm die Arbeiterkammer zu seinem Abschied mit 65 Jahren als AK-Chef schenkte, verfassten Freunde und Wegbegleiter aus Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sehr persönlich gehaltene Texte.

Das Autoren-Spektrum reichte von Bankern wie Max Kothbauer, Claus Raidl und Ludwig Scharinger über Unternehmer wie Horst Jeschek, Dionys Lehner und Max Schachinger bis zu zu seiner Lieblings-Buchhändlerin Rotraut Schöberl und dem Philosophen Robert Pfaller.

Keiner der Autoren stand unter dem Verdacht, politisch (noch) etwas vom einst mächtigen Gewerkschafter zu wollen. Der langjährige Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, Karl Aiginger, erzählt in seinem Beitrag, wie Tumpel ihn 2008 nach der Lehman-Pleite und der drohenden weltweiten Finanzkrise anrief: „Ich danke es Herberts Loyalität, dass er mir Informationen hat zukommen lassen, die er hatte, persönlich und nicht via Medien. Dahinter stand sein Wunsch, die negativen Folgen für Arbeitnehmer und die österreichische Wirtschaft einzugrenzen.“

Tumpel

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