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Politik Inland
09/11/2021

„Fundamentalisten besitzen keinen Witz“

Das Leben des Rebbe Paul Chaim Eisenberg. 33 Jahre war Eisenberg der Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde. Seine Witze und Auftritte als Sänger machten ihn zur Legende. Nun hat er seine Lebenserinnerungen geschrieben

von Ida Metzger

Es ist ein anderer Paul Chaim Eisenberg, der einem die Tür zu seiner Wohnung in der Wiener Innenstadt öffnet. Nicht der Ex-Oberrabbiner mit dem Hang zum ironischen Genre. Ruhiger und ernsthafter sei er geworden. Die Wände sind vollgepflastert mit Familienfotos. Sechs Kinder und 30 Enkelkinder umfasst seine engste Familie, die überall in der Welt verteilt – Israel, Manchester, USA – lebt. In Wien ist nur der ehemalige Oberrabbiner geblieben. Im Lockdown hat Eisenberg nun seine Memoiren „Lachen, Weinen, Hoffnung schenken“ (erschienen im Brandstätter-Verlag, 24 Euro) geschrieben. Im Interview spricht er über den richtigen Einsatz von Witzen und wovon ein Rebbe träumt:

KURIER: Herr Eisenberg, wenn man von einem Verlag das Angebot bekommt, seine Memoiren zu schreiben, wie lange überlegt man, ob das Leben interessant genug für eine breite Öffentlichkeit ist?

Paul Eisenberg: Alle guten Dinge sind drei. Es ist mein drittes Buch. Am Titel erkennt man eigentlich nicht, dass es meine Memoiren sind. Es ist eigentlich die interessante Geschichte meiner gesamten Familie – von meinen Großeltern über die Eltern, die der Schoa entkamen, bis zu meinen Kindern und den 30 Enkelkindern.

Sie stammen aus einer Rabbinerdynastie. Ihr Großvater, ihr Vater, Sie und auch ein Sohn sowie ein Schwiegersohn sind Rabbiner. Ihr Markenzeichen ist der Humor. War Ihnen das als Oberrabbiner immer recht, dass Sie als „lustig“ bezeichnet wurden?

Ich mag mittlerweile nicht nur auf das Erzählen von Witzen reduziert werden. Ich habe mich auch geändert, bin ernsthafter geworden. Man muss nicht jeden Sager, den man auf den Lippen hat, raus lassen. So erzähle ich einige Witze nicht mehr, die ich früher erzählt habe, weil sie nicht der „Political Correctness“ entsprechen. Wichtiger als die Witze sind die Weisheiten. Weil ich auch Weisheiten witzig erzähle, kann man das oft schwer unterscheiden. Ich war früher mehr lustig und weniger weise, heute bin ich mehr weise, aber besitze immer noch Humor.

Warum verzichten Sie jetzt vermehrt auf Witze?

Weil der Witz das Schlagobers auf dem ernsthaften Fundament sein sollte.

Welche Wirkung hat das Schlagobers?

Der Fundamentalist beispielsweise hat keinen Humor. Er nimmt alles zu ernst, glaubt alles besser zu wissen – sogar mehr zu wissen als der Rabbiner. Wenn man jemandem etwas Ernstes sagen will und fürchtet, dass dieser vielleicht beleidigt sein könnte, dann garniert man es am besten am Ende mit einem Sahnehäubchen, das ironisch ist.

Sie bezeichnen sich selbst als Träumer. Was ist der größte Traum des Rebbe?

Man hat mich oft als Träumer bezeichnet, weil ich vom Frieden zwischen Israel und Palästina träume. Zugegeben, derzeit scheint dieser Traum in weite Ferne gerückt zu sein. Man darf die Hoffnung nicht verlieren – das ist auch der Grundtenor meines Buches. Als Ministerpräsident Jitzhak Rabin von einem „religiösen“ Juden ermordet wurde, habe ich beim Trauergottesdienst ein Rabbiner-Wort aus den „Sprüchen der Väter“ zitiert: „Wer ist ein Held? Der imstande ist, aus Feinden Freunde zu machen.“ Derselbe Mann, der als General und Verteidigungsminister jahrzehntelang in der israelischen Armee gedient und gekämpft hatte, war später der Anführer des Friedensprozesses gewesen. Gerade nach der Schoa, wo so viel Böses passiert ist, haben wir keine andere Wahl, als auf die anderen zu zugehen.

Vor einigen Wochen wurden 4.000 Raketen Richtung Israel gefeuert. Am Bundeskanzleramt wurde die israelische Fahne gehisst, obwohl wir ein neutrales Land sind. War das aus Ihrer Sicht ein richtiges Signal?

Über diesen symbolischen Akt kann man diskutieren. Aber das Hissen der Fahne hat uns Juden ein gutes Gefühl gegeben, aber ob es diplomatisch korrekt war, kann ich nicht sagen.

Corona hat den Antisemitismus befeuert. Die Antisemitismus-Vorfälle haben sich im Frühjahr 2021 verdoppelt. Beunruhigt Sie das?

Schon bei der Pest im Mittelalter hat man die Juden für die Seuche verantwortlich gemacht. Wir sind hier integriert, sind nicht mehr die Fremden. Aber ein bisschen anders sind wir doch, das nützen jene, die aus einem extremen Eck kommen, aus. Den antisemitischen Parolen auf der Demo hätte man einen Riegel vorschieben müssen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass der Großteil keine Antisemiten waren. Sie wollten ihre persönlichen Freiheiten zurückhaben und demonstrierten gegen die Impfpflicht.

Anfang Oktober wird die Ausstellung der Republik in Auschwitz-Birkenau neu eröffnet. Angesichts der aktuellen Antisemitismusentwicklung ein wichtiges Signal. Der verstorbene Arik Brauer hat in einem KURIER-Interview gesagt, dass er nicht den Antisemitismus der „alten Germanen, sondern der jungen Araber“ fürchtet. Fürchten Sie auch den importierten Antisemitismus?

Zuerst zur Ausstellung: Sie war schon 40 Jahre alt, und damals hatte man einen anderen Zugang zur Verantwortung Österreichs. Daher wird eine Deklaration der Verantwortung kommen müssen, da der Antisemitismus wieder wächst. Solange er im Herzen der Menschen ist, kann man ihn nicht kontrollieren. Aber wenn er nach außen dringt und es auch wieder Attentate gibt, gibt es die Verpflichtung, aktiv zu werden. Zu den jungen Arabern: Der Antisemitismus aus muslimischen Ländern bezieht sich auf ein anderes politisches Problem. Angst habe ich nicht, trotzdem bin ich beunruhigt, dass die Situation trotz der Schoa sich noch immer nicht beruhigt hat.

Viele Überlebende konnten anfangs nicht über die Schoa reden. Wann haben Sie als Kind von den Gräueltaten der Nazis erfahren?

Als Kind wusste ich nichts über die Schoa. Die Überlebenden hätten sich damals lieber die Zunge abgebissen, als darüber zu reden. Meine Eltern waren nicht im Lager, sondern waren in Ungarn versteckt. Meine Mutter fand Aufnahme in einem Haus des schwedischen Diplomaten Wallenberg. Weil Wallenberg Diplomat war, hatten die Nazis keinen Zutritt zu seinem Haus. Mein Onkel Ossi hat sich einer List bedient und ließ sich in eine psychiatrische Anstalt einweisen. Die Deutschen kamen auch dorthin auf der Suche nach Juden. Ossi war unter falschem Namen registriert, doch trotzdem vermuteten sie, dass er Jude war, und zogen ihm die Hose aus. Die Beschneider waren damals keine Top-Chirurgen. So kam es, dass die Nazis glaubten, er sei gar nicht beschnitten und ließen ihn laufen. Als seine Mutter, meine Großmutter, davon erfuhr, weinte sie bitterlich: Nicht weil sie erfuhr, dass Oskars Leben gerettet war, sondern weil sie es unerträglich fand, dass ihr Sohn nicht ordentlich beschnitten war!

Was war die größte persönliche Niederlage? Ihre Scheidung?

Darüber möchte ich eigentlich nicht reden.

Warum nicht? Sie erwähnen die Trennung auch in Ihren Memoiren...

Weil es für einen Oberrabbiner ein heikles Thema ist. Meine Frau hat noch immer einen großen Platz in meinem Herzen. Sie ist die beste Mutter meiner Kinder. Meine Frau lebt jetzt in Jerusalem, wo sie mich kennengelernt hat und immer leben wollte. In ihrem Herzen wollte sie immer zurück nach Israel, wo auch drei unserer Töchter leben. Dass unsere Ehe nicht bis zum Ende unseres Lebens gehalten hat, ist traurig.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Wiens verstorbener Bürgermeister Helmut Zilk das Jüdische Museum in Wien gründete. Nun gibt es einen Wechsel an der Spitze des Museums. War es Zeit für Neues, oder hätte sich Danielle Spera eine Verlängerung des Vertrages verdient?

Ich schätze Danielle Spera sehr. Sie hat Großartiges geleistet. Aber irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, wo man auch Jüngeren eine Chance geben muss. Das gilt auch für Oberrabbiner.

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