Politik | Inland 10.04.2018

„Die Geschichte des Antisemitismus beginnt nicht erst mit 1938“

© Bild: Kurier/Juerg Christandl

Eine Schau an der Universität Wien geht ab 11. April der Frage nach: "Shoah - Wie war es menschlich möglich?"

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ – Dieser Satz von Primo Levi, der sich 1987 in Turin das Leben nahm, weil ihm Auschwitz 1944 das Leben genommen hatte, durchzieht die Ausstellung „Shoah – Wie war es menschlich möglich?“

Die Schau wird am 10. April an der Universität Wien eröffnet und erzählt die Geschichte der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung europäischer Jüdinnen und Juden durch das NS-Regime in den Jahren zwischen 1933 und 1945.

Die Wanderausstellung wurde von Yad Vashem (Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert) konzipiert und Dank der Kommunikationsberaterin Milli Segal nach Österreich gebracht. „Die Shoah ist eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Es ist mir wichtig, aufzuzeigen, was geschehen kann, wenn Menschenverachtung und das Nichtzurückschrecken vor Mord an Unschuldigen die Oberhand gewinnt“, sagt Segal.

Auf 19 Tafeln wird historisch fundiert das beispiellose Verbrechen an Juden aufgezeigt. Die Ausstellung widmet sich neben chronologischen Ereignissen auch thematischen Kapiteln: Der jüdischen Reaktion, der Haltung der Mehrheit der Österreicher und den Gerechten unter den Völkern. Darunter werden nicht-jüdische Menschen bezeichnet, die ihr Leben während der Zeit des Holocaust riskierten, um Juden zu retten, in dem sie ihnen Unterschlupf boten, gefälschte Papiere verschafften oder jüdische Kinder versteckten. 95 Österreicher wurden als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt (z. B. Ella Lingens) .

Zwischen 1933 und 1941 verfolgte NS-Deutschland erst eine Politik der Entrechtung und Enteignung der Juden, dann die Stigmatisierung und die Konzentration der jüdischen Bevölkerung. Dieses Vorgehen fand Unterstützung in der deutschen Bevölkerung und in weiten Teilen des besetzten Europas. 1941, mit dem Angriff auf die Sowjetunion, begannen die Nazis mit der systematischen Vernichtung der Juden. Bis zum Jahr 1945 wurden etwa sechs Millionen Juden ermordet.

Arierparagrafen

Vier weitere Schautafeln mit Österreich-Bezug wurden in Wien hinzugefügt. „Wir wollen aufzeigen, dass die Geschichte des Antisemitismus und Rassismus nicht erst mit 1938 beginnt“, erklärt Universitätsprofessor Oliver Rathkolb. „Ideologisch gibt es eine Vorgeschichte, schlagende Burschenschafter, den Arierparagrafen oder den Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1897-1910), der Antisemitismus erfolgreich als Mittel der Politik einsetzte.

Eine Tafel zeigt ein Plakat für die inszenierte Volksabstimmung am 10. April 1938 über den „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland. „Das NS-Regime hat nach der Hysterie der Hitler-Fahrt von Linz nach Wien und seinem Auftritt auf dem Heldenplatz mit enormen Propaganda-Aufwand das Referendum durchgeführt“, betont der Zeithistoriker. Das Ergebnis ist eine fast hundertprozentige Zustimmung zum „Anschluss, 99,75 Prozent votierten mit Ja. Und welche Lehren zieht er für heute daraus? „Wir müssen bei Aggressionen im öffentlichen Diskurs abrüsten und mit Augenmaß kommunizieren. Heute fehlt sehr oft das Gemeinsame, das solidarische Band ist zerrissen.“ Der Universitätsprofessor erinnert dabei an den deutsch-britischen Soziologen Ralf Dahrendorf, der vor einem autoritären 21. Jahrhundert gewarnt hat.

Margaretha Kopeinig

TIPP „Shoah – Wie war es menschlich möglich?“ von 11. April bis 30. Juni 2018, Universität Wien (Bibliotheksgang), freier Eintritt.

( kurier.at , MK ) Erstellt am 10.04.2018