Politik | Inland
26.06.2018

AK zur Arbeitszeit: Vereinbarkeit Beruf-Familie enorm erschwert

Statt dem 12-Stunden-Tag-Gesetz brauche man eine Arbeitszeitverkürzung, fordert Anderl.

In der Debatte um die von der Regierung geplante Verlängerung der maximal möglichen Arbeitszeit hat die Arbeiterkammer (AK) heute auf drohende Probleme für Familien hingewiesen. Durch die Einführung des 12-Stunden-Tags werde die Vereinbarkeit von Beruf und Familie enorm erschwert, kritisiert AK-Präsidentin Renate Anderl. Die Regierung sei nämlich bei der Verbesserung der Kinderbetreuung säumig.

So lasse etwa der angekündigte Kindergarten-Ausbau auf sich warten, obwohl die entsprechende 15a-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern heuer ausläuft, heißt es in einer Aussendung der Arbeiterkammer (AK) am Dienstag. "Die Gleichstellung bleibt auf der Strecke". Statt dem 12-Stunden-Tag-Gesetz brauche man eine Arbeitszeitverkürzung, fordert Anderl.

Durch die Reform sei die Freiwilligkeit der Entscheidung der Arbeitnehmer nicht gegeben - auch dann nicht, wenn das Wort in den Gesetzestext reklamiert werde. Aus Rücksicht auf die Kollegen und aus Angst vor Arbeitsplatzverlust würden die Menschen schon jetzt "freiwillig" viel in Kauf nehmen. In Zukunft müsse jeder jederzeit mit einem 12-Stunden-Tag rechnen, das sei aber mit einem Familienleben kaum mehr vereinbar.

Kinder brauchen Eltern beim Lernen

Die AK listet folgende Probleme auf: Nur 10 Prozent aller Kindergärten haben überhaupt bis 18 Uhr geöffnet, geschweige denn länger. Nur etwas mehr als ein Drittel der Volksschulkinder (36 Prozent) sind in einer schulischen Tagesbetreuung oder einer außerschulischen Nachmittagsbetreuung. Und nicht zuletzt werden die Eltern als Unterstützung gebraucht: 700.000 Kinder brauchen ihre Eltern beim Lernen, das zeige das erst kürzlich veröffentlichte AK-Nachhilfebarometer.

Für Frauen mit Kinderbetreuungspflichten oder pflegebedürftigen Angehörigen werde ein Vollzeitjob noch schwieriger, wenn der Arbeitgeber jederzeit einen 12-Stunden-Tag anordnen könne. Dadurch würden Väter in die Rolle des ausschließlichen Ernährers gedrängt. Jede zusätzliche Überstunde des Mannes steigere das Potenzial für Ungleichverteilung in der Partnerschaft. Aber auch Teilzeitkräfte seien von einer Überstundenanordnung bis zu 12 Stunden täglich und 60 Stunden pro Woche nicht ausgenommen. Die angeblichen dann möglichen "familienfreundliche Freizeitblöcke" gibt es laut AK nicht, da das geplante Gesetz keine Autonomie für die Arbeitnehmer beim Verbrauch der Zeit vorsehe. In der Praxis werde vom Betrieb der Verbrauch der Zeitguthaben vorgegeben, wenn gerade nichts zu tun sei.

In der Praxis nicht umsetzbar

Auch von der neuen Vorsitzenden der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp), Barbara Teiber, kommt Kritik. Die von der Bundesregierung versprochene Vier-Tage-Woche stehe mit keinem Wort im Gesetzesentwurf, sei aber tatsächlich schon seit 20 Jahren gesetzlich möglich. In der Praxis sei sie aber mit den Arbeitgebern nicht umsetzbar und werde auch künftig nicht leichter möglich. "Dieser Gesetzesentwurf muss in den Reißwolf", fordert die Spitzengewerkschafterin. Die Bundesregierung sollte zurück an den Start gehen und das Gespräch mit allen Sozialpartnern suchen. Andernfalls werde sich das auf die Stimmung in den Betrieben und bei den Kollektivvertragsverhandlungen auswirken. Die Gewerkschaft ruft zur Demonstration gegen den 12-Stunden-Tag am 30. Juni in Wien auf.

Der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband Österreich (SWV) pocht auf die Bedeutung der Sozialpartner und protestiert gegen die Methode der Regierung, ohne Sozialpartnereinigung mittels Gesetz in die grundsätzlichen Rechtsverhältnisse zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzugreifen. "Das gefährdet den sozialen Frieden im Land und kann in der Folge durch Streiks und andere Maßnahmen auch die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig verschlechtern" so Christoph Matznetter, Präsident des SWV-Österreich. Schon bisher bestehe die Möglichkeit des 12-Stunden-Tags und der 60-Stunden-Woche, wenn eine entsprechende Betriebsvereinbarung abgeschlossen werde.