Politik
05/01/2012

Im Pariser "Speckgürtel" herrscht großer Unmut

Sarkozy setzt im Wahlkampf auf die Wahrung der "nationalen Identität" und auf die Abwehr einer "nicht mehr integrierbaren Migration".

Das Bild dauert wenige Sekunden, aber es gilt gerade deswegen, laut Werbetechnik, als einprägsam: Im TV-Werbespot des Kandidaten Sarkozy scheint unter anderem das Deckblatt eines französischen Passes kurz auf. Das entspricht der zentralen Botschaft, mit der Sarkozy seine Kampagne bestreitet: Statt der "durchlässigen" Schengenzone der EU brauche Frankreich "sichere Grenzen" – zur Wahrung seiner "nationalen Identität", zur Abwehr einer "nicht mehr integrierbaren Migration", zur Verteidigung der heimischen Wirtschaft und zur Verhinderung der Fabriksverlagerungen in Billiglohn-Länder.

Den Leitfaden für diese Kampagne lieferte das 2010 erschienene Buch von Christophe Guilluy: "Fractures francaises" (Frankreichs Brüche). Dieser linksnationalistische Geografieprofessor ortete eine, seiner Meinung nach Wahl entscheidende Schicht, die fern der Zentren der Großstädte und auch jenseits der Vorstädte im Hinterland lebt.

Der Anstieg der Wohnkosten in den Stadtzentren und der Traum vom Eigenheim hatten diese "neue Klasse" in den "Speckgürtel" (wie man in Österreich sagen würde) getrieben. Diese Ortswahl erweist sich jetzt als Falle: Mit der Erhöhung des Benzinpreises wird die oft weite Fahrt zum Arbeitsplatz oder den Einkaufsmöglichkeiten immer kostspieliger. Das Industrie-Sterben hat die nahen Kleinstädte voll getroffen. Ämter, Spitäler, ja sogar Schulen wurden weggespart.

"Vergessen"

Die Bewohner dieser Gegenden hätten das Gefühl, die "städtischen Eliten" und "die Medien" hätten sie "vergessen", die EU würde sie "den Interessen der Konzerne opfern". Der Wohlfahrtsstaat würde nur den Familien in den Sozialbau-Siedlungen zugute kommen, die den jüngeren Einwanderungswellen aus Nord- und Schwarzafrika entstammen.

Die Wähler dieser Peripherie, so Guilly, würden nach einem starken, protektionistischen Staat rufen und sich nach "Grenzen gegen eine als bedrohlich erlebte Welt" sehnen. Dieser Analyse folgend absolvierte Sarkozy etliche Wahlkampfauftritte in wenig bekannten Kleinstädten, wo er das Ressentiment gegen die "Pariser Eliten", die "Besserwisser in den Medien" und die "Technokraten der EU" bediente.

Im ersten Wahlgang konnte Marine Le Pen in diesem Milieu aus dem Vollen schöpfen. Viele dieser Le Pen-Wähler haben Sarkozy den Abbau der öffentlichen Dienste und seine Verhaberung mit den Allerreichsten nicht verziehen. Außerdem müssen die Gewinne, die Le Pen im suburbanen Hinterland und in Kleinstädten erzielte, relativiert werden, weil die Rechtspopulistin gleichzeitig in den größeren Städten und ihren nahen Vororte-Gürteln krasse Verluste im Vergleich zu den Ergebnissen ihres Vaters Jean-Marie Le Pen hinnehmen musste. So kam sie in Paris nur noch auf sechs Prozent.

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