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Politik
05/01/2012

Gaddafis Ex-Premier ist ertrunken

Der Tod des Ex-Gaddafi-Premiers Shukri Ghanem wird immer mysteriöser. Ein Gewaltverbrechen ist nicht auszuschließen.

E s war kein Herzinfarkt, der libysche Ex-Premier ist ertrunken. Das ergab die Obduktion der Leiche des ehemaligen Gaddafi-Ministerpräsidenten Shukri Ghanem, 69. Jetzt ermittelt sogar die Mordgruppe.

Seit Sonntag sorgt der Tod des Libyers für wilde Spekulationen, auch auf dem internationalen Parkett (siehe rechts) . Tatsächlich ist der Fall mehr als mysteriös. Die Kriminalpolizei schließt einen gewaltsamen Tod nicht aus. Die Mordermittler des Landeskriminalamts (Gruppe Hoffmann) leiten die Erhebungen. Aber auch die Verfassungsschützer des BVT sind im Einsatz.

Gelöst wurde am Montag zumindest die genauere Todesursache. Der libysche Ex-Premier und spätere Erdölminister des gestürzten Diktators ist laut erstem Zwischenbericht der gerichtsmedizinischer Obduktion ertrunken. Die Ergebnisse des toxikologischen Gutachtens werden noch bis mindestens nächste Woche dauern, weshalb eine Vergiftung derzeit nicht ausgeschlossen werden kann.

Ob Ghanem in die Neue Donau gestürzt wurde, ist offen. Denn die Leiche wies keine äußeren Gewaltspuren auf. Der Tote wurde am Sonntag um 8.40 Uhr von einem Passanten im Wasser treibend, nur 20 Meter vor einem griechischen Lokal an der Copa Cagrana entdeckt. Ghanem war mit einer Jeans und einem weißen Hemd bekleidet. Die Polizei vermutet, dass die Leiche erst kurze Zeit im Wasser war – maximal zwei Stunden. Bei sich hatte der Tote nur die Visitenkarte seiner Firma, ein Kollege identifizierte ihn.

Zuletzt lebend gesehen wurde der Ex-Premier am Samstag um 22 Uhr. Da hatte er gemeinsam mit seiner Tochter ferngesehen. Als diese schlafen ging, merkte Ghanem an, dass ihm etwas unwohl sei. Vermutlich dürfte er sich anschließend schlafen gelegt haben.

 

Zeugen gesucht

Völlig unklar ist allerdings, was am Sonntag in der Früh passiert ist. Es steht fest, dass Ghanem sein Haus in der Kratochwjlestraße 12 verlassen hat. Ob er anschließend gesehen wurde oder jemanden getroffen hat, weiß man nicht. Die Polizei sucht dringend Zeugen (01/31310-33800 ). Zum Ort des Leichenfundes sind es über die Wagramer Straße nur wenige hundert Meter.

Gegen einen Selbstmord spricht, dass es weder einen Abschiedsbrief, noch ein Motiv gibt. Ghanem litt an keiner schweren Krankheit.

Seine Frau meinte gegenüber dem KURIER nur: "No comment". Aufgeklärt sind nur die Spekulationen, wonach der Libyer in seiner Wohnung einen Herzinfarkt erlitten hätte. Die entstanden durch einen Übersetzungsfehler eines ausländischen Journalisten, sagt die Polizei.

Der frühere Vertrauensmann des Diktators hatte viele Feinde

Als früherer Chef der Libyan Oil Corporation war Shukri Ghanem (69) einer der ganz "dicken Fische" des mittlerweile gestürzten Gaddafi-Regimes. Dass der prominente Libyen-Flüchtling nun bei einem Spaziergang in die Donau gefallen und ertrunken sein soll, weckt auch bei einem Fragen, der Ghanem kannte: David Bachmann, österreichischer Handelsdelegierter in Tripolis vermutet, dass "Ghanem viele Feinde gehabt hat". Mehrere Jahre lang war Ghanem der Premier Gaddafis – und als solcher in alle Entscheidungen eingebunden.

Ölminister

Doch als Regierungschef von Gaddafis Gnaden hatte der studierte Ölexperte wenig Fortüne. Weil er sich gegen die alten, reformfeindlichen Kräfte in Tripolis nicht durchsetzen konnte, hievte ihn Gaddafi vor fünf Jahren an die Spitze der einträglichen libyschen Ölindustrie. Dort säße Ghanem wohl noch heute – wäre ihm nicht die Revolution dazwischengekommen. Als sich der einstige Vertrauens-Mann Gaddafis vor knapp einem Jahr nach Wien absetzte, war bereits absehbar, dass der Diktator stürzen würde.

In Wien hatte der 69-jährige Ghanem schon lange ein Standbein: Eine teure Wohnung an der Alten Donau, zwei hier lebende Töchter – und vermutlich ausreichend Vermögen. Ghanems private Konten in Österreich wurden nicht gesperrt, er stand auf keiner EU- oder UN-Sanktionsliste. Nur die USA hatten dem Ex-Ölminister kurzfristig die Einreise verwehrt.

Rotes Tuch

Die vergangenen Monate in Wien versuchte sich Ghanem als Lobbyist in der internationalen Ölindustrie. Versuche, auch in Libyen wieder geschäftlich anzuknüpfen, aber scheiterten: Für die neue Regierung in Tripolis bleibt der ehemalige Gaddafi-Getreue ein rotes Tuch. Vielmehr verlangte Tripolis vom Ex-Ölminister Auskunft, wohin so manche Ölmilliarde verschwunden ist.

Vor einem Jahr wurden in Österreich 1,2 Milliarden Dollar des Gaddafi-Regimes gesperrt. Das Geld ist mittlerweile wieder freigegeben. Freien Zugang zu seinem Vermögen hat auch wieder der zweite, "schwergewichtige" Libyen-Flüchtling in Wien: Mustafa Zarti. Der einstige Vize-Chef der libyschen Investitionsagentur und ehemals enger Freund von Diktatoren-Sohn Saif al-Islam Gaddafi lebt heute extrem zurückgezogen.

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