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Politik
05/06/2012

F: Das große Duell um den Élysée

Der Favorit Hollande und der angezählte Sarkozy – ein Psychogramm zweier unterschiedlicher Männer mit erstaunlichen Parallelen.

Die Geschichte des François Hollande ist die Geschichte einer Revanche. Wie auch immer die Wahl ausgehen mag, hat der 57-Jährige schon jetzt über eine Vielzahl Spötter triumphiert. Es war Dominique Strauss-Kahn, der als Favorit der Präsidentenwahl galt, bevor er strauchelte, der einst verkündete: Sollte ihm die „Witzfigur" Hollande in die Quere kommen, werde er ihm „den Arm ausrenken".

Solche Verachtung war die Regel, galt doch der spaßige, rundliche Hollande in der SP-Führung als wohl gelittenes „Weichei" (so Parteigenossin Martine Aubry, die heute hofft, ein Präsident Hollande werde sie zur Premierministerin ernennen). Kein Wunder, dass auch Sarkozy ihn g­ering schätzte („eine Null"), ehe er im TV-Duell von Hollande gnadenlos abgefertigt wurde.

Diese ausdauernde Strategie der Freundlichkeit, die den Gegner in Sorglosigkeit wiegt, kommt von weit her. Der Sohn eines Arztes aus Rouen, der weit rechts stand und seine Kinder tyrannisierte, rebellierte im Geheimen – im Gegensatz zu seinem Bruder, der in ein Internat gesteckt wurde. Der kleine François versteckte hingegen ein linkes Magazin in einem Sportblatt. Als Vorbild galt seine Mutter, eine „lebensfrohe Sozialarbeiterin", die mit der Linksopposition sympathisierte.

Der Vater, der die Revolte des Mai 1968 für den Auftakt einer „sowjetischen Invasion" und die Hafenstadt Rouen für „gefährdet" hielt, überrumpelte die Familie mit einer Blitzübersiedlung nach Paris. Zuvor schmiss er die Lieblingsgegenstände seiner Kinder auf den Müll. „Das war schmerzlich", erinnerte sich Hollande: „Mein Vater war ein Nomade, ich fühle mich an Plätze stärker gebunden." Man könnte Hollandes Werdegang als Gegenentwurf zu dieser unsteten Kindheit sehen. Heute definiert er sich als Vertreter einer „besänftigenden Linken", die auch Frankreich „Beruhigung" verheißen würde.

Der brillante Student, der in vier Elite-Unis Spitzendiplome ergatterte, setzte auf den staatstragenden Sozialisten François Mitterrand, suchte aber gleichzeitig die Verständigung mit der KP. „Er konnte mit allen", erinnert sich ein Freund, „und unversehens wurde er zum Chef, ohne sich hervorzutun."

Karriere-Paar

Damals trifft er Ségolène Royal. Sie ist wie er brillant, nur kantiger. Muss sie doch ihr Studium in offener Rebellion gegen einen ebenfalls rechten Vater erkämpfen, der Frauen eine Karriere abspricht. Sie heiraten nie, bleiben aber 28 Jahre zusammen, haben vier Kinder. Seite an Seite erklimmen sie die Karriereleiter. Sie wird Ministerin unter Mitterrand, er amtiert in Beraterstäben, erkämpft ein Parlamentsmandat, wird SP-Generalsekretär, weil ihn die rivalisierenden Granden als kleinsten gemeinsamen Nenner gering schätzen.

Es ist eine Zeit der Niederlagen: Bei den Präsidentenwahlen 2002 wird SP-Premier Lionel Jospin vom Rechten Jean-Marie Le Pen aus dem Rennen geschlagen. 2005 trimmt Hollande die SP auf Zustimmung zur EU-Verfassung, die bei einem Referendum abgelehnt wird. Die Beziehung mit Ségolène kriselt. Sie tritt an seiner Stelle als Kandidatin bei den Präsidentenwahlen 2007 an und unterliegt Sarkozy.

Aber während dieses Tiefgangs hat Hollande Glück in der Liebe. Die Journalistin Valérie Trierweiler, ebenso attraktiv wie unnahbar, von Spitzenpolitikern umschwärmt, mit einem angesehenen Intellektuellen verheiratet und Mutter dreier Kinder, verliebt sich ausgerechnet in den pummeligen und scheinbar erfolglosen Hollande. Die beiden tauchen in eine Idylle ab, an die sich Trierweiler, inzwischen seine offizielle Lebensgefährtin, mit glänzenden Augen erinnert: „Ich hatte ihn ganz für mich." Royal versucht ihn vergeblich zurückzuholen.

Es folgt die „Mutation zum Kandidaten", von der Hollande mit mystischen Worten spricht. Eine Mitarbeiterin machte seinen Wandel an einem schlichteren Merkmal fest: „Jahrelang haben wir ihn angefleht, nicht so viel Schokokuchen zu verschlingen. Und plötzlich, ohne Ermahnung, hatte er zehn Kilo abgenommen." Für Valérie? Für Frankreich? Oder für beide?

 

Sarkozy , der bürgerliche Wüterich

Es ist ja nicht so, als wäre er Präsident der USA geworden", grantelte Pal Istvan Sarkozy nach dem Sieg seines Sohnes bei den Präsidentenwahlen 2007. So wie immer zahlte es ihm Nicolas heim – gerade dass er seinem Vater noch die Hand reichte.

Auf die verquere Beziehung zwischen den beiden Männern könnte man einige Charakterzüge des Staatschefs zurückführen: Seine aufbrausende Art, sein aggressives Ringen um Anerkennung, das er in diesem Wahlkampf ins Extreme trieb. Rama Yade, die Politikerin mit senegalesischen Familienwurzeln, die Sarkozy in seine erste Regierung aufnahm, meinte: „Er kämpft immer so, als wäre er in der Minderheit."

Tatsächlich dürfte sich der 57-jährige Sarkozy in der Kindheit gewissermaßen „in der Minderheit" gefühlt haben. Der heute 84-jährige Vater, der aus einer Adelsfamilie aus Budapest stammt, war 1948 als mittelloser Flüchtling in Paris gestrandet. Schnell brachte es der charmante Lebemann zum angesehenen Werbedesigner. Seine Pariser Frau, Andrée, ließ er mit drei Kindern, darunter dem fünf jährigen Nicolas, sitzen.

Finanziell war das kein Absturz, weil Andrée und ihre Kinder von ihrem Vater, einem Arzt in einem Nobelviertel, aufgenommen wurden. Dieser Großvater, der aus Griechenland stammte, übernahm die Vaterrolle. Die energische Mutter nahm ein Jusstudium auf sich und wurde Anwältin. Der Großvater, der General De Gaulle verehrte, prägte den Enkel politisch.

„Du machst mir keine Angst“

Aber in dem Nobelviertel wurde man damals als Kind einer geschiedenen Frau von der reicheren Nachbarschaft scheel angesehen. Nicolas hatte ein weiteres Problem: Seine zwei Brüder überragten ihn körperlich. Er setzte sich zur Wehr: „Du machst mir keine Angst", wurde schon damals zu seinem Leitspruch. Nicolas ging auch den entlaufenen Vater frontal an, als dieser zeitweilig auftauchte. Pal Sarkozy, inzwischen neu verheiratet, verachtete dafür den kleinwüchsigen Frechling und schlechten Schüler.

Bürgerlich-gaullistisch und verwegen war Sarkozy schon als 13-Jähriger: Als im Mai 1968 der linke Jugendaufstand gegen De Gaulle tobte, türmte Nicolas aus seiner Privatschule, um an der Gegendemonstration der Anhänger von De Gaulle teilzunehmen. Der Direktor drohte mit Ausschluss.

Im Unterschied zu den meisten späteren Spitzen Frankreichs ersparte sich Sarkozy die Kaderschmiede der Elite, die ENA – aus seiner Sicht ein Vorteil, verhöhnt er doch die „Enarchen" als „weltfremde Technokraten". Er absolvierte ein Anwaltsstudium und warf sich mit seiner Überzeugungskunst in die neo-gaullistische Bewegung (RPR) des späteren Staatschefs Jacques Chirac.

Als 28-Jähriger übertölpelte er einen RPR-Granden und wurde an seiner Stelle Bürgermeister der Vorstadt Neuilly, wo sich die meisten Milliardäre und Promis Frankreichs tummeln – eine Machtbasis sondergleichen. 21 Jahre später überwältigte er Chirac. Er entriss dem alternden Präsidenten seine Partei, um schlussendlich, gegen den Willen Chiracs, sein Erbe als Staatschef anzutreten.

In der Zwischenzeit musste er Durststrecken bewältigen, dabei stand eine Frau an seiner Seite. Nach einer ersten Ehe, aus der drei Söhne stammen, lernte er Cécilia Albeniz kennen, eine eigenwillige Persönlichkeit. Die beiden bildeten ein Politduo, Cécilia wirkte als Co-Strategin. Ein Sohn wurde geboren. Aber Nicolas Sarkozy, gelegentlich untreu, verlor ihre Liebe an einen Werbemanager.

Im angehenden Wahlkampf 2007 erflehte er ihre Rückkehr. Doch die Fassade hielt nur kurz. Cécilia ging nicht wählen. Im Elysée quittierte sie einen Kuss des Siegers mit einer Grimasse, dann flüchtete sie zu ihrem Geliebten. Als Paris-Match ein Foto des abtrünnigen Paars brachte, veranlasste der wütende Staatschef die Entlassung des Chefredakteurs.

Und dann kam Carla Bruni. Mit dem ehemaligen Top-Model, das einst für „Abwechslung in der Liebe" plädiert hatte, tourte Sarkozy zu den ägyptischen Pyramiden und ins Pariser Disneyland. Die Bilder glichen denen von Cécilia und ihrem Geliebten und schockten konservative Franzosen. Inzwischen ist die Mutter der kleinen Giulia nur mehr im dunklen Ensemble zu sehen. Wie ihr Mann schimpft sie jetzt auf die „linke Schickeria", der sie früher selber zugeordnet wurde.

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