Politik 05.12.2011

Erschütterndes SMS-Protokoll von der Insel

Tochter/Mutter: "Er schießt immer noch. Ich bin nicht panisch, auch wenn ich Scheißangst habe"

Julie Bremnes (16) kauerte hinter einem Felsen, als Anders Breivik im Jugendlager auf der norwegischen Insel Utøya um sich schoss. Während der Attentäter alle zehn Sekunden eine Kugel abfeuerte, schrieb das Mädchen seiner Mutter Marianne Bremnes (46) SMS-Nachrichten. Hier das erschütternde Protokoll, das die norwegische Nachrichtenseite VG NETT mit Erlaubnis der beiden veröffentlichte.

Julie: Mama, sag der Polizei, sie soll sich beeilen. Hier sterben die Menschen.
Marianne: Ich bin dran, Julie. Die Polizei ist unterwegs. Traust du dich, mich anzurufen?
Nein.
Sag der Polizei, dass es ein verrückter Mann ist, der herumläuft und die Leute erschießt. Sie müssen sich beeilen!
Die Polizei weiß das. Sie hat viele Meldungen bekommen. Alles wird gut, Julie. Die Polizei ruft gerade an. Schick uns ein Lebenszeichen alle fünf Minuten, bitte.
Okay, wir haben Todesangst!
Das verstehe ich gut, mein Mädchen. Bleibt in Deckung, bewegt euch nicht von der Stelle! Die Polizei ist schon unterwegs, wenn sie nicht schon da ist. Seht ihr Verletzte oder Tote?
Wir verstecken uns in den Felsen am Ufer.
Gut! Soll ich Opa bitten, runterzukommen und euch abzuholen, wenn alles wieder sicher ist? Das Angebot steht.
Ja.
Wir rufen Opa gleich an.
Ich liebe euch, auch wenn ich vielleicht manchmal schimpfe :-( Und ich bin nicht panisch, auch wenn ich eine Scheißangst habe.
Das weiß ich, mein Mädchen. Wie lieben dich auch wahnsinnig. Hört ihr noch Schüsse?
Nein.
Opa ist unterwegs.
Die Polizei ist hier.
Der, der schießt, hat wahrscheinlich eine Polizeiuniform. Sei vorsichtig! Was passiert jetzt mit euch?
Wir wissen es nicht.
Kannst du jetzt sprechen?
Nein. Er schießt immer noch! Jørgen ist an Land geschwommen. Hat gerade mit seinem Vater gesprochen.
Das ist jetzt überall in den Landesnachrichten, volle Aufmerksamkeit auf Utøya jetzt. Sei vorsichtig! Sobald ihr die Möglichkeit habt, geht aufs Festland und fahrt mit Opa nach Hamar.
Ich lebe noch.
Gott sei Dank!
Wir warten darauf, von der Polizei abgeholt zu werden.
Wir haben eben Schüsse gehört, wir haben uns nicht getraut aufzustehen.

Gut! Die Evakuierung läuft, heißt es jetzt im Fernsehen.
Wir hoffen, wir werden bald von jemandem abgeholt. Können sie ihn nicht bald fassen?!!
Die Terrorpolizei ist da, und sie versuchen, ihn zu fassen.
OK.
Sollen wir versuchen, für morgen ein Flugticket nach Hause zu bekommen?
Darüber nachzudenken habe ich gerade keine Zeit.
Das verstehe ich.
Weißt du etwas, ob sie ihn kriegen?
Ich halte dich auf dem Laufenden, mein Mädchen. Wir verfolgen es ständig im Fernsehen. Hallo, bist du noch da?
Ja. Die Hubschrauber fliegen um uns herum.
Dann wurdet ihr auf jeden Fall gesehen.
Sie suchen nach Menschen im Wasser, wir werden noch nicht geholt! Was sagen die Nachrichten?
Die Polizei ist jetzt auch mit Booten auf Utøya, sonst nichts Neues. Es ist noch nicht entschieden mit dem Täter, also haltet euch ruhig. Wartet, dass jemand euch abholt.
Jetzt haben sie ihn!

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011