Codex Gigas: Die Teufelsbibel

Im 13. Jahrhundert in einem tschechischen Kloster niedergeschrieben, ist die genaue Entstehung bis heute unklar.

92 Zentimeter hoch, 50 Zentimeter breit und 22 Zentimeter Dick - die schiere Größe gab dem Codex Gigas seinen Namen - Gigas steht im Griechischen für riesig. Das Bibel-Manuskript stammt aus dem Böhmen des 13. Jahrhunderts. Vermutlich wurde es Benediktinerkloster von Podlažice angefertigt. Weithin ist der Codex Gigas auch als Teufelsbibel bekannt. Dies hat zweierlei Ursachen. Zum einen Blatt Nummer 289r. Es zeigt auf etwa 50 Zentimetern Höhe eine farbige Darstellung des Teufels. An sich nicht verwunderlich, jedoch insofern von historischer Bedeutung, als es die erste bekannte Illustration Luzifers seit Beginn der christlichen Zeitrechnung darstellt. Zum anderen weil es zur Erstellung des Codex Gigas  einer schier "unmenschlichen" Leistung bedurft hatte. Das ganz in Latein gehaltene Werk, welches neben der Bibel noch mehrere historische Schriften, Traktate, einen Kalender und andere lokale Inhalte wie etwa die Namen der Klosterbrüder enthält, wurde - wie von kalligraphischen Gutachten bestätigt - von nur einer Person verfasst. Für sich genommen ebenfalls "keine Leistung", dann jedoch unglaublich, wenn man die farbigen Illuminationen (der oft über die ganze Seite verlaufenden malerische Buchschmuck, welcher sich durch den ganzen Codex zieht) und die damals zur Verfügung stehenden Mittel bedenkt. Aktuellen Schätzungen von Experten zufolge hätte der Verfasser für den gesamten Codex mehr als 70 Jahre arbeiten müssen. Demnach müsste er wohl über 80 Jahre alt geworden sein (was in der damaligen Zeit äußerst selten war) und sein gesamtes Leben dem Manuskript widmen müssen. Da das Schriftbild jedoch keinerlei Veränderungen (die aufgrund des natürlichen Altersprozesses unweigerlich eintreten) aufweist, geht man davon aus, dass der Codex in kurzer Zeit verfasst worden sein muss. Der Legende nach hat ein Mönch den Codex geschrieben. Er soll die Disziplinarregeln des Klosters gebrochen haben und deshalb verurteilt worden sein, lebendig eingemauert zu werden. Um der Strafe zu entgehen versprach er, als Lobpreisung des Klosters in einer einzigen Nacht ein Buch zu schreiben, in welchem das gesamte menschliche Wissen nachgelesen werden könnte. Als Mitternacht näher rückte, soll er erkannt haben dass  diese Aufgabe nicht allein bewältigt werden konnte und verkaufte dem Teufel seine Seele. Der Teufel persönlich soll daraufhin das Manuskript vervollständigt haben, und der Mönch fügte daraufhin noch das Bild des Teufels hinzu, um so auf den wahren Autor hinzuweisen. Die Legende geht jedoch wohl auf eine Fehlübersetzung zurück. Als Urheber geht aus dem Text ein gewisser hermanus monachus inclusus hervor, was jedoch nicht - wie fälschlicherweise angenommen - mit "der eingeschlossene Mönch Hermann", sondern viel eher mit "der einsiedlerisch lebende Mönch Hermann" übersetzt werden muss. Über den Umweg mehrerer böhmischer Kloster gelangte der Codex schließlich in die Kuriositätensammlung Kaiser Rudolfs II., wo sie bis zum 30-jährigen Krieg verblieb, ehe die schwedische Armee die beschlagnahmte "Teufelsbibel" 1649 nach Stockholm brachte. Bis heute verwahrt den Codex Gigas die Kungliga Biblioteket in Stockholm. Und bis heute hat er nichts von seiner mystischen Aura verloren.
(KURIER.at / lm) Erstellt am
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