Chaos bei der Unfallbekämpfung

Das Unfallrisiko auf heimischen Straßen wird seit heuer von einem Computer ermittelt. Leider aber um Monate zu spät.
Ein schwerer Autounfall auf einer Landstraße mit Trümmern und einem Rettungshubschrauber im Hintergrund.

Heimische Verkehrsexperten warnen seit Monaten vor einem Chaos bei der Unfallbekämpfung, weil seit Anfang 2012 wichtige Daten über das Unfallgeschehen fehlen. Das als "zukunftsweisend" gepriesene elektronische Unfalldatenmanagement (UDM) hat nämlich bisher versagt.

Mitte Oktober liegen nur unvollständige Daten des ersten Quartals vor. Für rund 4000 gefährliche Unfallhäufungspunkte fehlen die nötigen Unterlagen, um bauliche oder verkehrstechnische Verbesserungen veranlassen zu können. Selbst bei gutem Willen der Straßenerhalter (Bund, Länder und Gemeinden) ist die Sanierungen von Risikostellen derzeit unmöglich.

Unfallforscher Ernst Pfleger, Vorsitzender der Europäischen Unfallforschung, kritisiert die verantwortlichen Ministerien und fordert, auf taktische Spiele auf Kosten der Verkehrssicherheit zu verzichten: " Unfälle, Verletzte und Tote haben kein politisches Mascherl."

Datenchaos

2011 hatte man versprochen, die Exekutive bei der Unfallaufnahme mit UDM zu entlasten, die Datenqualität zu verbessern und zu beschleunigen. Passiert ist das Gegenteil, weil man – so Fachleute – im Computer-System essenzielle Module "eingespart" hat. Polizisten sind überfordert, der elektronische Unfallakt ein frommer Wunsch und die Statistiker sind seit Monaten mit der Fehlerbehebung voll ausgelastet.

Die Schuld für das Versagen schiebt man sich im "schwarzen" Innenministerium und im "roten" Verkehrsministerium gegenseitig zu. Bei der Polizei will man von Problemen überhaupt erst vom KURIER erfahren haben. Oberst Josef Binder: "Von uns aus ist alles in Ordnung. Wir liefern seit Jahresbeginn die Daten auch weiter." In der Statistikabteilung weiß Othmar Bruckner: "Wenn umgestellt wird, sind nicht immer gleich alle Daten verfügbar."

Die Statistik Austria will die Probleme in ein paar Wochen gelöst haben: Derzeit liegen freilich nur unvollständige Zahlen vor, weil die Brauchbarkeit der elektronisch eingegeben Daten so schlecht war, dass sie alle einzeln nachbearbeitet werden mussten.

Besonders ärgerlich ist allerdings, dass mit VERSA beim Verkehrsministerium bereits ein funktionierendes System zur Beobachtung unfallträchtiger Kreuzungen existierte. Das System war jedoch nur ungenügend finanziell unterstützt worden. Da nun neue Daten noch nicht vorliegen, sind auch VERSA die Hände gebunden.

Es wäre wichtiger gewesen, Geldmittel des Verkehrssicherheitsfonds (Einnahmen aus Wunschkennzeichen) in die Verkehrssicherheit statt in Inseratenkampagnen um 1,28 Mio.€ zu pumpen, meinen Kritiker.

222 Unfälle

Dass es in Österreich immer noch risikoreiche Straßen gibt, zeigt ein Detail der Vorjahresstatistik deutlich: Die Steiermark ist mit der B67 am Knoten Deutschfeistritz mit 29 Unfällen beteiligt, die B67 in Graz in der Nähe des Hauptbahnhofs liegt mit 222 Unfällen mit Personenschaden in nur drei Jahren sogar absolut an der Spitze.

Letzteres entspricht 74 schweren Unfällen pro Jahr. Damit ist dieser Abschnitt einer der unfallträchtigsten in ganz Österreich. 2011 ereigneten sich 35.120 schwere Unfälle mit 523 Toten.

Kommentare