Angela Merkel überzeugte am Sonntag die Mehrzahl der Kommentatoren

© APA/AFP/dpa/RAINER JENSEN

Medienradar
02/29/2016

Wie die deutsche Presse auf Merkels Auftritt reagiert

Als kämpferisch und prinzipientreu beschreiben deutsche Zeitungen Angela Merkel nach ihrem vielbeachteten Live-Auftritt in der "Anne Will"-Show.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Anne Will" ihre Haltung bekräftigt, die Bewältigung der Zuwanderung könne nur auf europäischer Ebene gelingen. Eine nationale Obergrenze, wie sie die CSU fordert, lehnte sie daher weiterhin strikt ab. Merkel kritisierte nationale Alleingänge wie jenen Österreichs.

"Das ist genau das, wovor ich Angst habe: Wenn der eine seine Grenze definiert, muss der andere leiden. Das ist nicht mein Europa", sagte sie. Niemand solle glauben, dass durch einseitige Grenzschließungen die Probleme beseitigt werden könnten, sagte sie in Anspielung auf die von Österreich orchestrierte Politik auf der Balkanroute. Bei ihrer Politik leite sie der Gedanke, "dass Europa nicht kaputtgeht", unterstrich die deutsche Kanzlerin (mehr dazu lesen Sie hier).

Erst vor fünf Monaten war Merkel zu Gast bei der ARD-Talkerin, diesmal sogar live. Dementsprechend umfangreich wurde die Sendung in den Medien besprochen. Merkels Kritik in Richtung Österreich spielte dabei allerdings eine untergeordnete Rolle:

"Weitsichtige Leitfigur des Kontinents"

Die Frankfurter Zeitung (FAZ) fasst die derzeitige Lage zusammen: "In knapp zwei Wochen sind in drei Bundesländern Landtagswahlen, und Europa ist von einer gemeinsamen Lösung der Krise noch immer weit entfernt. Immer mehr Grenzübergänge auf der Balkanroute sind ganz oder teilweise geschlossen, sogar Österreich, bislang einer der engsten Verbündeten der Kanzlerin, hat Merkels Politik mit der Einführung von Kontingenten jetzt offen das Misstrauen ausgesprochen". Merkel habe sich in dieser Situation "als weitsichtige Leitfigur des Kontinents" präsentiert, "die in ihrer größten Bewährungsprobe zugleich die eigentliche Mission ihrer Kanzlerschaft gefunden hat: die Lordsiegelbewahrerin der europäischen Einigungsidee zu sein". Weiters schreibt die FAZ: "Hochkonzentriert und engagiert nahm Merkel zur Kritik an ihrer Politik Stellung, verbreitete Optimismus – und rückte dabei keinen Millimeter von ihrem Kurs ab. Eher noch fügte sie ihrem sprichwörtlich gewordenen Mantra 'Wir schaffen das' noch ein weiteres hinzu: 'Ich schaffe das, wenn Ihr nur fest genug an mich glaubt.'

Dass Moderatorin Will überhaupt nach einem Kurswechsel fragte, hält die Süddeutsche Zeitung für beinahe überflüssig: "Anne Will scheint selbst keine Sekunde daran zu glauben, dass sie der Kanzlerin an diesem Abend auch nur den Hauch eines Kurswechsels entlocken kann. Eine Obergrenze? Grenzschließungen? All das hat die CDU-Chefin schon so oft ausgeschlossen, dass es fast müßig ist, danach zu fragen. Nein, Angela Merkel steuert nicht um. Ich sitze hier, ich kann nicht anders – mit dieser Attitüde hat die Kanzlerin ihre erste 'Anne Will'-Sendung bestritten, so geht sie auch in die zweite."

"Es war ein Kanzlersatz"

Die Zeit warf Will vor, mit "Slogans aus der politischen Gartenlaube" Positionen der CSU zu übernehmen: "An einer Stelle fragte sie: War der Satz 'Wir schaffen das' angesichts brennender Flüchtlingsunterkünfte im Rückblick zu zuversichtlich? Nicht zu Ende gedacht? Gegenfrage: Zu welchem Ende? Natürlich war er nicht zu zuversichtlich. Der Satz gab eine Richtung vor. Es war ein Kanzlersatz."

"Nein, sie wackelt nicht", schreibt Bild.de in einer Zusammenfassung der Sendung über Merkel, und bescheinigt "auch Moderatorin Anne Will", in "Höchstform" gewesen zu sein.

Merkel habe sich selbst in eine Art kämpferischen Rausch versetzt, schreibt Spiegel Online: "Wer Angela Merkels Gastspiel in der Talkshow von Anne Will am Sonntagabend verfolgen konnte, der hat eine reichlich ungewohnte Kanzlerin erlebt: eine kämpfende. Am Ende redete sich Merkel für ihre Verhältnisse geradezu in einen politischen Rausch hinein, verteidigte ihre umstrittene Flüchtlingspolitik ein ums andere Mal vehementer und verkündete: Wer an den Erfolg glaube, der könne auch 'Berge versetzen'". Letztlich wird die Signalwirkung noch einmal relativiert: "Wenn es gutgeht, kommt sie mit erhobenem Haupt aus dieser Nummer raus. Nur sollte man sich nicht von ihrem Talkshow-Auftritt täuschen lassen: Ihre Lage bleibt brisant."

"Glauben? Dann kann man auch Berge versetzen? Das ist Merkels größte Stärke – und ihre größte Schwäche", schreibt die Welt. "Wer führen will, muss an sich und seine Lösungswege glauben, ganz gewiss. Das hat sie glasklar rübergebracht, wie es so salopp heißt. Weltpolitik zu gestalten ist nichts für Wankelmütige". Der Kommentator der Zeitung bezweifelt dennoch Merkels Wortwahl - "Jetzt, wo die Silvesternacht von Köln bei vielen nun wirklich Zweifel daran geweckt hat, dass man das alles rechtzeitig schaffen werde, mit der Zahlenreduzierung und der Integration und der Globalisierung?" Doch das Positive überwiegt auch hier: "Merkel, die Kämpferin für ein Europa, das sich nicht wieder in lauter nationale Eigenwege zersplittert. Die öffentlich schwört, nicht nachzugeben. Glaube versetzt Berge. Wenn nur genügend viele daran glauben".

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