Voreiliges Ja zum Irak-Krieg

Eine Person mit einer Tony-Blair-Maske und blutverschmierten Händen bei einer Demonstration.
Untersuchungsbericht kritisiert das Handeln von Ex-Premier Tony Blair 2003.

" Tony Blair! Kriegsverbrecher!" schallte es aus Hunderten Demonstrantenkehlen über den Parliament Square in Westminster, während Sir John Chilcot, ein pausbäckiger, pensionierter Regierungsbeamter, mit der Zusammenfassung seines Berichtes über die britische Rolle bei der Invasion des Irak 2003 begann. An dem hatten er und sein Team seit mehr als sechs Jahren gearbeitet. Hinter den Kulissen feilten Armeen von Juristen in Abstimmung mit den Anwälten der im Bericht erwähnten Personen an der rechtlichen Unanfechtbarkeit jeder Zeile und verzögerten so die Veröffentlichung. Dementsprechend gedämpft waren die Erwartungen, doch Sir Johns Schlussfolgerungen fielen überraschend hart aus:

Jener von den Briten und Amerikanern angezettelte Krieg, der geschätzte 150.000 Menschenleben forderte, sei "nicht der letzte Ausweg" gewesen, sagte Chilcot. "Die Umstände, unter denen entschieden wurde, dass es eine rechtliche Basis für militärische Handlungen gab, waren bei Weitem nicht befriedigend."

Das zwischen dem Kabinett und den Geheimdiensten vermittelnde Joint Intelligence Committee hätte dem damaligen Premierminister Tony Blair zumindest klarmachen sollen, dass die Annahme, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen, nicht zweifelsfrei gesichert war.

Tony Blair und George W. Bush im Gespräch.
(FILES) This file photo taken on September 7, 2002 shows US President George W. Bush (R) looking at British Prime Minister Tony Blair (L) as they deliver statements to the media after Blair's arrival at the US presidential retreat, Camp David, Maryland. Blair is meeting privately with Bush to discuss possible military intervention in Iraq. The Chilcot inquiry into Britain's role in the Iraq war reports on Wednesday nearly seven years after it was launched. It is expected to deal extensively with the failures in the military operation, from the planning of the war to the occupation, after which Iraq descended into sectarian violence from which it has yet to emerge. / AFP PHOTO / PAUL J. RICHARDS

Warnung vor El Kaida

Blair selbst sei wiederum gewarnt worden, dass eine militärische Aktion die Bedrohung durch El Kaida erhöhen würde: "Er wurde auch gewarnt, dass eine Invasion dazu führen könnte, dass Waffen in die Hände von Terroristen kommen", setzte Chilcot fort. Und dann schmetterte er auch noch Blairs Verteidigung, man habe die Schwierigkeiten nach der erfolgten Invasion nicht erahnen können, trocken ab: "Wir stimmen nicht zu, dass es dazu einer nachträglichen Perspektive bedarf."

Im Chilcot-Report findet sich eine Versicherung Blairs an Bush vom Juli 2002: "Ich bin bei dir, was immer kommt." Zu jenem Zeitpunkt war ein Regimewechsel bereits klares Ziel der Bush-Administration, während die UN-Waffeninspektoren noch vergeblich Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen suchten und Blair vermeintlich friedliche Lösungen anstrebte.

"In gutem Glauben"

Trotzdem behauptete der Ex-Premier nun, der Report "sollte Vorwürfe zur Ruhe bringen, ich hätte in schlechtem Glauben gehandelt, gelogen und getäuscht." Er habe die Entscheidung, in den Krieg zu gehen, "in gutem Glauben" getroffen.

Bei einer Pressekonferenz der Hinterbliebenen der 179 im Irak-Konflikt getöteten britischen Soldaten war man anderer Meinung. "Wenn ich im Fernsehen die Bilder des Anschlages neulich in Bagdad mit 250 Toten ansehe", sagt Reg Keys, Vater eines britischen Kriegsopfers, "dann kann ich daraus nur schließen, dass mein Sohn leider umsonst starb."

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