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Politik | Ausland
12/21/2018

Verunsicherung in Afghanistan über möglichen US-Truppenabzug

Die US-Soldaten stellen rund die Hälfte der aktuell 16 919 in Afghanistan stationierten Kräfte.

Der mögliche Abzug von US-Truppen und der Rücktritt von US-Verteidigungsminister Jim Mattis haben in Afghanistan Verunsicherung ausgelöst. Ein hochrangiger Regierungsvertreter sagte, es sei noch zu früh, über mögliche Auswirkungen zu sprechen. Zunächst müsse geklärt werden, welche Einheiten das Land als erstes verließen. Die NATO bekräftigte inzwischen ihr eigenes Engagement in dem Land.

"Abhängig davon, wie die Taliban reagieren, muss die Regierung möglicherweise das Militär auffordern, seine Operationen zu reduzieren", hieß es seitens der afghanischen Regierung. Ein Sprecher von Präsident Ashraf Ghani sagte, die Sicherheit im Land sei bei einem US-Abzug nicht in Gefahr, weil die ausländischen Soldaten die afghanischen Truppen lediglich berieten und unterstützten.

Verhandlungen mit Taliban im Jänner

Westliche Diplomaten zweifeln das allerdings an. "Wir wissen alle, dass die Moral der afghanischen Truppen auf einem Allzeittief ist, sie sind schlecht ausgestattet, schlecht bezahlt und schlecht koordiniert", sagte ein Diplomat eines Landes, das an der NATO-Mission Resolute Support beteiligt ist. "Wir trainieren sie so gut es uns möglich ist."

Erst vor wenigen Tagen hat US-Sonderbeauftragter Zalmay Khalilzad mit Taliban-Vertretern über ein Ende des seit 17 Jahren währenden Krieges verhandelt. Die Gespräche sollen Anfang Jänner fortgesetzt werden. Unklar ist, ob es tatsächlich bald zu einem Waffenstillstand kommt. Die islamistischen Taliban kontrollieren inzwischen wieder große Teile des Landes

NATO bekräftigt Engagement in Afghanistan

Die NATO hat nach dem angekündigten Abzug tausender US-Soldaten aus Afghanistan ihr eigenes Engagement in dem Land bekräftigt. NATO-Sprecherin Oana Lungescu wollte sich am Freitag in Brüssel nicht zu den Plänen von US-Präsident Donald Trump äußern. Sie sagte aber, die NATO-Außenminister hätten erst bei einem Treffen vor gut zwei Wochen ihr "unerschütterliches Bekenntnis" erneuert, in Afghanistan langfristig für Sicherheit und Stabilität zu sorgen.

"Unser Einsatz ist wichtig, um sicherzustellen, dass Afghanistan nie wieder ein sicherer Rückzugsort für internationale Terroristen wird, die uns auch bei uns zu Hause bedrohen könnten", fügte die NATO-Sprecherin hinzu.

Trumps mögliche Rückzugspläne aus Afghanistan

US-Präsident Donald Trump erwägt einem mit dem Vorhaben vertrauten Regierungsmitarbeiter zufolge den Abzug von mehr als 5000 der insgesamt 14.000 US-Soldaten aus Afghanistan. Es sehe so aus, als ob Trump jegliche Geduld in Bezug auf die US-Präsenz in Afghanistan verloren habe, sagten zwei andere Insider.

Erst am Mittwoch habe er im privaten Kreis darüber geschimpft und die Frage aufgeworfen, warum die Truppen nach so vielen Jahren immer noch dort seien. Trump hatte noch 2017 einer Aufstockung der Zahl der US-Militärs in dem Land zugestimmt, dies nach eigenen Angaben aber widerwillig getan. US-Soldaten sind seit 17 Jahren in Afghanistan, mehr als 2400 von ihnen kamen bei dem Einsatz ums Leben.

US-Abzug aus Syrien angekündigt

Erst am Mittwoch hatte Trump einen vollständigen Truppenabzug aus Syrien angekündigt. Diese Entscheidung stieß bei Verbündeten im Kampf gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) auf viel Unverständnis und ist auch in den USA höchst umstritten. Am Donnerstag kündigte US-Verteidigungsminister Jim Mattis seinen Rücktritt an.

Berlin irritiert über Abzug aus Syrien

Die deutsche Bundesregierung zeigt sich irritiert über US-Präsident Donald Trumps mangelnde Abstimmung mit den Bündnispartnern über den US-Truppenabzug aus Syrien. "Die Bundesregierung hat die Entscheidung der USA, über die sie vorab nicht informiert worden ist, zur Kenntnis genommen", hieß es am Freitag in Berlin.

Deutschlands Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bedauerte den Rücktritt ihres US-Kollegen Mattis und forderte schnelle Aufklärung über die künftige Sicherheitspolitik der Regierung in Washington. "Jim Mattis war immer ein verlässlicher Stabilitätsanker in der NATO und in den transatlantischen Beziehungen", teilte die CDU-Politikerin am Freitag in Berlin mit.

"Weil die USA eine so überragende Rolle und Verantwortung für die globale Sicherheitsarchitektur haben, ist es für alle wichtig, schnell Klarheit über die Nachfolge und den künftigen Kurs zu bekommen." Allen Verbündeten sei bewusst, dass sich mit bedeutenden Personalentscheidungen auch immer Gewichte verschöben.