Alltag in Caracas: Venezolaner stehen in den Superm├Ąrkten vor leeren Regalen

┬ę REUTERS/Carlos Garcia Rawlins

Politik Ausland
12/05/2015

Venezuela-Wahl in Zeiten der Krise

Zwischen Inflation, Korruption und leeren Regalen. Ein KURIER-Lokalaugenschein.

Bevor sie f├╝r ein Foto posiert, will Josefina Cruz noch schnell alles saubermachen. "Fr├╝her", sagt sie und schrubbt einen Kochtopf, "habe ich 150 Men├╝s pro Tag verkauft. Manchmal waren es auch mehr, 180 oder sogar 200." Wenn die Arbeiter aus den umliegenden Fabriken in ihr kleines Restaurant im Westen von Caracas kamen, lief das Gesch├Ąft richtig gut. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das sozialistische System, einst von Hugo Chavez installiert, steckt in der Dauerkrise fest.

An diesem Sonntag k├Ânnte es zu Fall gebracht werden. ChavezÔÇÖ Nachfolger, Pr├Ąsident Nicolas Maduro, und seiner Regierungspartei droht eine Niederlage bei den Parlamentswahlen. Und wer den Alltag in Venezuela erlebt, wei├č warum.

Vor Wochen, erz├Ąhlt Josefina Cruz, habe sie sich in die lange Schlange vor einem staatlichen Supermarkt gestellt, um Grundnahrungsmittel einzukaufen: "Das mache ich nie wieder." F├╝nf Stunden dauerte es, bis sie von der Tiefgarage zum Eingang und ├╝ber die langen G├Ąnge vorbei an halb leeren Regalen bis zur Kasse gelangte. Dort sagte sie der Kassierin ihre Personalausweisnummer an, gab Fingerabdr├╝cke ab und bezahlte. Das Gesch├Ąft verlie├č sie mit zwei Packungen Kaffee, zwei Litern Milch, zwei Kilo Maismehl und zwei Packungen Zucker. Mehr bekommt eine Person im sozialistisch regierten Venezuela pro Woche nicht ÔÇô kontrolliert wird das ├╝ber die biometrischen Daten.

Rekord-Inflation

Venezuela, das war lange Zeit Synonym f├╝r erfolgreiche Armutsbek├Ąmpfung und die gerechte Verteilung nationaler G├╝ter. Mithilfe der Erd├Âleinnahmen wurden Sozialprojekte finanziert und Lebensmittel subventioniert. Doch seit Chavez 2013 den Kampf gegen den Krebs verlor, geht es auch mit dem s├╝damerikanischen Staat bergab. Heute stellt Venezuela den traurigen Rekord, das Land mit der weltweit h├Âchsten Inflationsrate zu sein: Der Internationale W├Ąhrungsfonds sch├Ątzte sie f├╝r dieses Jahr auf 160 Prozent.

Maduro bekommt die wirtschaftlichen Probleme einfach nicht in den Griff. Er leugnet die Krise oder macht die venezolanische Opposition, private Unternehmen, kolumbianische Paramilit├Ąrs und die USA daf├╝r verantwortlich. Dabei sind sich Experten einig, dass die Ursachen in den niedrigen Erd├Âlpreisen, den hohen staatlichen Subventionen, W├Ąhrungskontrollen, Misswirt-schaft und Korruption liegen. Vermutlich auch deshalb hat die Zentralbank f├╝r 2015 keine Zahlen vorgelegt.

Die Konsequenzen der Krise bekommen unterdessen Menschen wie Josefina Cruz zu sp├╝ren. Statt im Supermarkt muss sie jene Produkte, die in Venezuela schon seit Monaten Mangelware sind, bei den "Bachaqueros" am Schwarzmarkt einkaufen. Zwar kosten die Waren dort ein Vielfaches mehr, denn staatlich regulierte Produkte mit niedrigen Preisen werden teuer weiterverkauft. Doch die alleinerziehende Mutter von 16-j├Ąhrigen Zwillingen hat keine Zeit, um sich jede Woche in der Schlange anzustellen.

Sie schimpft ├╝ber die "Bachaqueros", doch ver├╝beln kann Josefina ihnen die illegalen Gesch├Ąfte nicht. Denn der monatliche Mindestlohn wurde nun zwar auf 9648,18 Bolivares angehoben (laut offiziellem Wechselkurs w├Ąren das 1391 Euro, auf dem Schwarzmarkt hingegen nur 12 Euro), das reicht aber aufgrund der hohen Inflation bei Weitem nicht aus, um das zu kaufen, was man zum Leben braucht.

Immer weniger G├Ąste

Inzwischen ist die Inflation auch in Josefina CruzÔÇÖ kleinem Restaurant mit den acht Sitzpl├Ątzen angekommen: "Heute serviere ich gerade einmal zwanzig oder drei├čig Teller pro Tag, mehr aber nie. Sie musste den Preis ihrer Men├╝s anheben, da auch die Waren jeden Tag teurer werden. Gleichzeitig kommen immer weniger G├Ąste, weil sich keiner mehr leisten kann, au├čer Haus zu essen.

Doch nicht nur das. Die Krise hat in Venezuela noch tief greifendere Folgen, wie der Ern├Ąhrungsberater H├ęctor Cruces wei├č. Er sitzt in seinem B├╝ro nahe eines gro├čen Einkaufszentrums und erz├Ąhlt, dass auch ihm die Klienten ausbleiben. "Wer interessiert sich heute noch f├╝r gute Ern├Ąhrung, wenn man sowieso nur das essen kann, was man gerade im Supermarkt bekommt?" fragt er. "Venezuela ist in den Ranglisten zu ├ťbergewicht und Fettleibigkeit ganz vorne mit dabei", sagt Cruces. Das h├Ąnge auch damit zusammen, dass sich die Venezolaner haupts├Ąchlich von Kohlenhydraten ern├Ąhrten, weil diese die billigsten Nahrungsmittel seien: "Mehl, Brot, Reis und Pasta, das ist, was in diesem Land gegessen wird."

Auf dem Schwarzmarkt

Proteinquellen wie Huhn, Fleisch oder Fisch sind schwer zu bekommen und auf dem Schwarzmarkt teuer. Auch die Preise von Gem├╝se und Fr├╝chten steigen aufgrund der Inflation in schwindelerregende H├Âhen.

"Der Mindestlohn reicht nicht aus, um auch noch Gem├╝se zu kaufen", kritisiert der Experte: "Die Menschen versuchen satt zu werden, darum die Kohlenhydrate. Sie achten nicht mehr auf den N├Ąhrwert." Schon bald werde das Land die gesundheitlichen Konsequenzen dieser Mangelern├Ąhrung zu sp├╝ren bekommen.

Josefina Cruz macht sich dar├╝ber keine Gedanken. Wie auch? Sie ist zu sehr damit besch├Ąftigt, die notwendigen Lebensmittel f├╝r ihr Restaurant zu beschaffen. Auch sie bietet in ihren Men├╝s viel Reis, etwas Fleisch und wenig Gem├╝se an, muss Abstriche machen. Trotzdem sieht sie die Zukunft nicht negativ. Wichtig sei, ├╝ber die Runden zu kommen: "Das haben wir bis jetzt ja auch irgendwie geschafft."

Jederzeit und ├╝berall top-informiert

Uneingeschr├Ąnkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.