Jemen: USA ziehen letzte verbliebene Mitarbeiter ab
Der Jemen steht nach den Anschlägen auf Moscheen mit mehr als 140 Toten - die ersten zu denen sich die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) in dem arabischen Land bekannt hat - und dem anhaltenden Machtkampf zwischen dem aus der Hauptstadt Sanaa geflohenen Präsidenten Abd-Rabbu Mansour Hadi und der schiitischen Houthi-Miliz vor dem vollständigen Polit- und Sicherheitschaos.
Nach der neuen Gewalteskalation ziehen sich die USA einem Medienbericht zufolge endgültig aus dem Jemen zurück. Die letzten verbliebenen 100 US-Sondereinsatzkräfte würden abgezogen, meldete der Sender CNN am Samstag unter Berufung auf mit der Situation vertraute Personen. Es handle sich um ein Truppenkontingent, das Al-Kaida und andere radikal-islamische Gruppen bekämpft habe. Bereits im Februar hatten die USA und andere Staaten ihre Botschaften in Sanaa geschlossen. Österreich ist im Jemen nur durch ein Honorarkonsulat vertreten.
Angesichts der eskalierenden Gewalt im Jemen kommt der UN-Sicherheitsrat am Sonntagnachmittag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Das erklärten Diplomaten am Samstag. Das Treffen geht auf eine entsprechende Bitte des jemenitischen Präsidenten Abd Rabbo Mansour Hadi zurück.
Zweifel an IS-Täterschaft
Am Freitag verschärfte sich die Sicherheitslage noch einmal dramatisch, als mindestens 142 Menschen bei Selbstmordanschlägen auf zwei Moscheen in Sanaa getötet wurden (mehr dazu hier). Die Terrormiliz hatte sich in dieser Woche bereits zu dem Attentat auf das Nationalmuseum in Tunis mit 21 Toten und zu einem Anschlag im nordsyrischen Hasakah mit 45 Toten bekannt. Ursprünglich versuchte die Miliz, ein Staatsgebiet im Irak und in Syrien zu errichten. Der Jemen galt bisher als Hochburg eines mächtigen Ablegers des Terrornetzes Al-Kaida, AQAP ( Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel).
Die USA bezweifelten jedoch, ob der IS wirklich der Drahtzieher war. Eine Verantwortung des IS könne bisher nicht bestätigt werden, sagte Jeff Rathke, Sprecher im US-Außenministerium, am Freitagabend (Ortszeit) vor Journalisten in Washington. Gegenwärtig werde überprüft, ob Verbindungen über Syrien und den Irak hinaus in den Jemen bestehen.
Neue Hauptstadt
Die Anschläge sind der bisherige Höhepunkt einer Welle der Gewalt, die das verarmte Land seit Monaten heimsucht. Der Jemen steckt mitten in einem Machtkampf, der sich zu einem Bürgerkrieg auszuweiten droht. Die Houthi-Rebellen kontrollieren weite Teile der nördlichen Landeshälfte einschließlich Sanaas.
Der von den Vereinten Nationen anerkannte Präsident Hadi sowie mehrere Regierungsmitglieder waren von den Houthis Mitte Jänner in Sanaa unter Hausarrest gestellt worden. Das Parlament wurde für aufgelöst erklärt. Ende Februar konnte Hadi aber in die südliche Stadt Aden fliehen. Von dort aus versucht er, die Macht über den Jemen wiederzuerlangen. Am Samstag erklärte Hadi die Hafenstadt Aden zur neuen offiziellen Hauptstadt des zerrissenen Landes. Aden werde "vorübergehend" die bisherige Hauptstadt Sanaa ablösen, sagte Hadi in der ersten Fernsehansprache seit seiner Flucht.
Staatstreich?
Aden ist die zweitgrößte Stadt des Jemen und war einst Hauptstadt des sozialistisch geführten Südjemen, der 1990 in den von Sanaa aus regierten Nordjemen integriert wurde. In einem folgenden Bürgerkrieg hatte der Süden vergeblich um seine erneute Unabhängigkeit gekämpft.
Hadi rief in seiner TV-Ansprache die Houthi auf, die Kontrolle der Regierungsministerien in Sanaa aufzugeben. Alle Beteiligten sollten an Gesprächen im benachbarten Saudi-Arabien teilnehmen, um die politische Krise tu lösen. Er warf den Houthi zugleich vor, einen Staatsstreich angezettelt zu haben.
Bereits zuvor hatte Hadi die Anschläge auf die Moscheen verurteilt. Sie "verabscheuungswürdigen" Selbstmordattentate mit mehr als 140 Toten und mehr als 350 Verletzten zielten darauf, "Chaos, Gewalt und innere Kämpfe" zu schüren, erklärte Hadi am Freitagabend. In den beiden betroffenen Moscheen, die von Anhängern der schiitischen Houthi-Miliz besucht werden, hatten sich während des Gebets vier Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Hadi schrieb nach den Anschlägen in einem Brief an die Hinterbliebenen der Opfer, solche "terroristischen, kriminellen und feigen" Anschläge würden nur von "Feinden des Lebens" verübt. Schiitischer Extremismus wie von der Houthi-Miliz und sunnitischer Extremismus wie von Al-Kaida seien "zwei Seiten einer Medaille". Beide seien nicht "am Wohl und an der Stabilität des Jemen und seines Volkes" interessiert.
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