Knapp 900.000 Ukrainer sind auf der Flucht
Die ehemals von 460.000 Bürgern bewohnte Stadt ist in weiten Teilen menschenleer. Wasser- und Stromversorgung sind in Lugansk zusammengebrochen. Krankenhäuser können ihre Patienten nicht mehr ausreichend versorgen. Der Mobilfunk ist außer Betrieb. Bei tagelanger Hitze hat die Müllabfuhr den Dienst eingestellt. Was Christian Wehrschütz, ORF-Korrespondent in der Ukraine, dem KURIER erzählt, klingt dramatisch. "Wenn man nach der Definition einer Geisterstadt sucht, dann ist Lugansk aktuell das perfekte Beispiel". 200.000 Menschen hätten haben die Stadt mittlerweile verlassen, "geblieben sind ältere Menschen und vor allem Einwohner, die aufgrund ihrer hier aufgebauten Lebensgrundlage nicht weg können und wollen".
Der Flüchtlingsstrom nach Russland hat seit Juni vor dem Hintergrund der Kampfhandlungen zwischen Anhängern der Unabhängigkeit des Donezkbeckens und dem ukrainischen Militär stark zugenommen, berichtet die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti. Landesweit gibt es inzwischen viele Aufnahmestellen. "Solch einen massenhaften Zustrom von Flüchtlingen hat Russland noch nie erlebt", sagt die prominente Moskauer Flüchtlingshelferin Svetlana Gannuschkina gegenüber der Agentur. Sie spricht von einer kaum überschaubaren Lage. Menschen werden in zahlreichen russischen Regionen aufgenommen, darunter Rostov, Brjansk, Belgorod und Kursk.
Viele kommen bei Freunden, Verwandten oder freiwilligen Helfern unter, der Großteil behaust staatlich-organisierte Einrichtungen.
Eine strukturierte Hilfe von Seiten des Staates ist bei jenen Flüchtlingen, die in der Ukraine bleiben, sehr schwierig: "Zum einen, weil der Staat selbst sehr chaotisch, unorganisiert ist und wenig Geld hat, zum anderen, weil es keine stehende Registrierung aller Flüchtlinge gibt", so Wehrschütz. Einziger Lichtblick in der Flüchtlingskrise: die enorme Hilfsbereitschaft der ukrainischen Bevölkerung. "Sanatorien laden keine Gesundheits-Urlauber mehr ein, sondern nehmen Flüchtlinge auf".
In der EU haben sich einige wenige Länder offiziell bereit erklärt, ukrainische Flüchtlinge aufzunehmen – darunter Polen, Rumänien und Ungarn. Polen kündigte eine Aufnahme von 3500 Flüchtlingen an. Von einer großen Flüchtlingswelle in Richtung Westeuropa geht Wehrschütz jedoch nicht aus. "Die Menschen sind aufgrund ihrer Mentalität nicht gerne weit weg von ihrer Heimat".
Russischer Aufmarsch
Unterdessen berichtet die New York Times unter Berufung auf westliche Regierungsvertreter, dass Russland an der Grenze zur Ukraine eine "gefechtsbereite Streitmacht" zusammengezogen habe. 21.000 Soldaten stünden bereit, laut ukrainischen Angaben sind es 45.000, die jederzeit grenzüberschreitend aktiv werden könnten.
(Von Alexandra Koller)
Russland zieht nach Darstellung der polnischen Regierung Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammen und bereitet damit möglicherweise eine Invasion vor. Die russische Armee habe ihre Gefechtsbereitschaft in der Region wiederhergestellt, sagte Außenminister Radoslaw Sikorski am Dienstag. Es stünden dort mehrere Bataillone bereit. Diese sollten "nur Druck ausüben. Oder einmarschieren", erklärte er.
Auf die Frage des Senders, welche der beiden Möglichkeiten gewählt werde, sagte Sikorski dem Sender TVN24: "Wir werden sehen. Wir werden es sehr bald wissen."An der US-Börse sorgten die Äußerungen des Ministers im späten Handel für Unruhe. Die wichtigsten Indizes bauten ihre Verluste aus. Auch die USA hatten sich bereits zuvor besorgt über russische Truppen an der ukrainischen Grenze geäußert.
Ukraine macht Radius um Donezk enger
Zuvor ist die ukrainische Armee auf die östliche Rebellenhochburg Donezk vorgerückt. In dem westlichen Vorort Petrowski gebe es "heftige Kämpfe" zwischen Soldaten und Aufständischen, teilte das Bürgermeisteramt mit. Demnach wurden mindestens zwei Zivilisten getötet, die Kämpfe hielten am frühen Abend an.
Ein ukrainischer Armeesprecher hatte zuvor gesagt, die Streitkräfte bereiteten sich auf die Einnahme der Großstadt vor. Eine AFP-Reporterin berichtete bereits am Vormittag von Kämpfen zwischen der Armee und Aufständischen in dem südwestlichen Vorort Mariinka. Dort waren regelmäßig Explosionen zu hören, Rauchsäulen stiegen auf. Bei nächtlichen Mörserangriffen wurde ein Elektrizitätswerk in der Nähe von Mariinka beschädigt. Seit Wochen versucht die ukrainische Armee, die Rebellen aus ihren Hochburgen Donezk und Lugansk zu vertreiben.
Offensive geriet ins Stocken
Zwar gelang es der Armee, Slawjansk, Mariupol und andere kleinere Städte zurückzuerobern, doch geriet die Offensive angesichts der heftigen Gegenwehr der Rebellen immer wieder ins Stocken. Die bisherige Strategie in Donezk besteht darin, die Separatisten zu isolieren, bis ihre Ressourcen aufgebraucht sind. Außerdem sollen sie von der russischen Grenze abgeschnitten worden. Kiew wirft Russland vor, die Separatisten mit Waffen und Kämpfern zu unterstützen.
Der ukrainische Militärsprecher Andrii Lyssenko sagte, die Truppen würden auf die Außenbezirke von Donezk vorrücken. Es gehe darum, "die Befreiung der Stadt vorzubereiten". Seinen Angaben zufolge zogen sich die Soldaten aber aus der Ortschaft Jassinuwata rund 20 Kilometer nördlich von Donezk zurück, um dort "die Zivilbevölkerung nicht in Gefahr zu bringen".
Verluste so gering wie möglich
Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko versicherte am Dienstag, dass die Soldaten alles dafür tun würden, um die Verluste so gering wie möglich zu halten. Das gelte "sowohl für die Bevölkerung als auch für die Soldaten". Nach UN-Angaben wurden in dem monatelangen Konflikt bisher mehr als 1100 Menschen getötet und mehr als 3400 weitere verletzt.
Aus Donezk floh bereits ein Großteil der Zivilbevölkerung aus Angst vor den Kämpfen. Die Straßen waren am Dienstag nahezu menschenleer, die meisten Geschäfte geschlossen. Dutzende Fahrzeuge verließen die Stadt, in denen vor allem ältere Menschen saßen, wie AFP-Reporter beobachteten.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) warf den Separatisten vor, die Behandlung von Zivilisten zu behindern. Sie hätten in den von ihnen kontrollierten Gebieten Krankenhäuser besetzt sowie Rettungswagen und Medikamente entwendet. Demnach nutzten sie auch mehrfach Krankenwagen zum Transport ihrer Kämpfer. HRW warf den Rebellen vor, bewaffnete Wachen vor medizinischen Einrichtungen postiert zu haben und diese damit zu Angriffszielen zu machen.
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