Kissiloff

© Privat

Erinnerungen
08/14/2013

Neue Verwandte zum 90. Geburtstag

New York. Per Internet hat die vertriebene Wiener Jüdin Trudi Kissiloff jetzt neue Cousins bekommen.

von Helmut Brandstätter

Auch am Donnerstag, an ihrem 90. Geburtstag, geht Trudi Kissiloff in ihr Stammlokal auf ein Wiener Schnitzel. Nicht in ihrer Geburtsstadt Wien, sondern in New York, wo die 17-jährige Trudi Nachtigall im Oktober 1940 nach aufregender Flucht vor den Nazis angekommen ist.

Gut, dass es in New York die Neue Galerie mit dem Cafe Sabarsky gibt. Hier, direkt am Central Park, genießt Frau Kissiloff mit ihrem Mann Bill die schönen Erinnerungen an die ehemalige Heimat: Das Schnitzel, die Melange, die Musik. Am Festtag spielt sogar ein Geiger vertraute Melodien.

Wien, I feel love and hate“

Kurz vor dem 90. Geburtstag wurde die geborene Wienerin auf ganz überraschende Weise an den mörderischen Teil ihrer Vergangenheit erinnert. Drei ihrer vier Großeltern konnten nicht rechtzeitig flüchten und starben im KZ Theresienstadt. Eine Tante, ein Onkel und deren Kinder wurden in Auschwitz ermordet. Daran, dass irgendwo noch Verwandte leben könnten, dachte sie schon lange nicht mehr.

Verwandtensuche

Da meldete sich plötzlich ein Olivier Neuman aus Paris bei Kissiloffs Sohn Ari, einem Universitätsprofessor in Ithaca, New York. Über die Website Geni.com habe er den Namen Kissiloff gefunden, er wisse, dass er mit Kissiloffs aus Polen verwandt sei.

Geni.com ist seit 2007 im Netz und hat das langfristige, ehrgeizige Ziel, einen Stammbaum für die ganze Welt zu bauen. Für jüdische Familien, die den Nazi-Terror überlebt haben, ist das eine ideale Plattform, noch Verwandte irgendwo auf der Erde zu finden.

Olivier Neuman flog mit Frau und Kindern aus Paris nach New York und begrüßte seine Cousine 2. Grades. Trudi erzählte von ihrer glücklichen Kindheit in Wien, von den Nachbarn, die im März 1938 plötzlich nicht mehr grüßten, und von der Verhaftung ihres Vaters. An dieser Stelle muss die 90-Jährige noch immer weinen.

Gestapo

Denn sie rettete ihrem Vater durch einen Kniefall das Leben. Der Vater war bereits drei Monate im KZ Dachau, da ging die 15-jährige Trudi ins Gestapo-Hauptquartier und warf sich dem ersten Offizier, den sie sah, vor die Füße. Der Mann hatte Mitleid und bekam ihren Vater frei, Trudi fuhr mit dem Kindertransport nach Schottland, Eltern und Bruder gelangten über Umwege nach New York. Dort wurde die Familie wieder vereint, dort hat Trudi eine neue Heimat und ihren Mann Bill gefunden. Dort hat sie eine schöne Karriere als Designerin in der Industrie gemacht.

Von ihrer Jugend in Wien erzählt sie noch heute mit großen Emotionen. „Wien, I feel love and hate“ sagt sie, in deutsch-englischem Gemisch.

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