Politik | Ausland
04.09.2018

Tötungsfall von Chemnitz: Fahndung nach drittem Verdächtigen

Mehr als eine Woche nach der tödlichen Messerattacke ist ein dritter Mann der Mittäterschaft dringend tatverdächtig.

Mehr als eine Woche nach der Tötung eines 35-jährigen Mannes in Chemnitz wird nach einem dritten Tatverdächtigen gefahndet. Das Amtsgericht Chemnitz erließ am Dienstag Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Mittäter und beschloss eine Öffentlichkeitsfahndung, bestätigte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Chemnitz. Gesucht werde nach einem mutmaßlich 22-jährigen irakischen Asylbewerber.

"Das Amtsgericht Chemnitz hat heute Vormittag diesen Haftbefehl erlassen", sagte der sächsische Generalstaatsanwalt Hans Strobl am Dienstag im sächsischen Landtag. Schon seit rund einer Woche sitzen ein 22- und ein 23-Jähriger wegen der Tat in Untersuchungshaft. Bisher hatten die Behörden die Männer als Iraker und Syrer bezeichnet. Das ist nun aber nicht mit Sicherheit geklärt.

Sie sind wie der dritte Mann dringend verdächtig, am vorvergangenen Wochenende einen 35-jährigen Deutschen am Rande des Stadtfestes erstochen zu haben. Alle drei stehen wegen gemeinschaftlichen Totschlags unter Verdacht.

Dokumente waren "Totalfälschungen"

Das deutsche Innenministerium teilte am Dienstag mit, dem mutmaßlichen Syrer sei im September 2015 "im schriftlichen Verfahren die Anerkennung als Flüchtling gewährt" worden. Seine Angaben zur Identität beruhten auf einer Selbstauskunft. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sei aktuell dabei, diese Angaben von Alaa S. "im Rahmen des laufenden Widerrufsverfahrens" zu verifizieren, hieß es.

Der Tatverdächtige Yousif A. habe bei der Anhörung im Asylverfahren im November 2017 einen irakischen Personalausweis sowie weitere Dokumente vorgelegt, die sich später als "Totalfälschungen" entpuppt hätten. Das Ergebnis der dokumententechnischen Überprüfung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lag den Angaben zufolge allerdings erst im Juni 2018 vor. Sein Asylantrag wurde inzwischen abgelehnt, die Ablehnung ist jedoch noch nicht rechtskräftig.

Die Hinweise auf den nun Gesuchten hätten sich durch Aussagen von Zeugen und eines der anderen Tatverdächtigen ergeben. Zunächst habe der Name des dritten Tatverdächtigen überprüft werden müssen, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Auch hätten die Ermittler versucht, den Aufenthaltsort des Mannes abzuklären, hätten ihn aber nicht ausfindig machen können. Deshalb werde nun nach ihm öffentlich gefahndet. Wo der Mann zuletzt gemeldet war, sagte die Sprecherin nicht.

Nach der Tat war es in Chemnitz wiederholt zu Demonstrationen auch rechter Gruppierungen gekommen. Dabei dürfte es auch zu Angriffen auf Ausländer gekommen sein.

Konzert gegen Rechts

Erst am Montagabend haben sich bei einem Konzert zahlreicher Musik-Stars Zehntausende Besucher gegen Ausländerfeindlichkeit und rechtsextreme Gewalt stark gemacht. Unter dem Motto "#wirsindmehr" spielten am Montagabend Bands wie die Toten Hosen, Kraftklub und die Rapper Marteria und Casper in der ostdeutschen Stadt.

Die Stadtverwaltung bezifferte die Zahl der Besucher auf 65.000, Tote-Hosen-Sänger Campino sprach am Ende des Konzerts sogar von 70.000. Nach Polizeiangaben blieb es friedlich.

Geplante Gegenveranstaltungen des ausländer- und islamfeindlichen Bündnisses Thügida und der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz waren von der Stadt untersagt worden, weil die angedachten Veranstaltungsflächen bereits belegt seien.

In Chemnitz war es zuvor tagelang zu Demonstrationen von Rechtsgerichteten, Neonazis und Gegnern der Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung sowie zu Gegenprotesten gekommen. Anlass war, dass ein Deutscher erstochen worden war, mutmaßlich von zwei Arabern, die inzwischen in Untersuchungshaft sitzen.

Mit dem Konzert wollten die Musiker ein lautes Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen. "Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht, und dann ist die Welt gerettet", sagte Kraftklub-Sänger Felix Brummer, der aus Chemnitz stammt, vor Beginn. "Aber manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist."