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Politik Ausland
09/15/2012

Sturm auf westliche Botschaften

Nach der Veröffentlichung eines Anti-Mohammed-Videos regiert in islamischen Ländern die Gewalt, westliche Botschaften wurden gestürmt. Der Papst ist im Libanon auf schwieriger Mission.

Sie riefen "Allahu Akhbar" (Gott ist groß). Dann stürmte die aufgebrachte Menschenmenge die US-Botschaft in Tunis. Weder Tränengas noch Warnschüsse der Sicherheitskräfte konnten sie nach den muslimischen Freitagsgebeten stoppen. Mindestens zwei Menschen wurden dabei getötet, mehr als zwei Dutzend verletzt. Auch die US-Schule in Tunis wurde angegriffen und geplündert. Der gewalttätige Protest richtete sich gegen den anti-islamischen Schmähfilm "Innocence of Muslims".

In vielen Städten der arabischen Welt stiegen die Gläubigen auf die Barrikaden, es kam zu Ausschreitungen mit Toten. In der sudanesischen Hauptstadt Khartum wurde zunächst die deutsche Botschaft gestürmt und in Brand gesteckt, die britische  wurde belagert. Die Mitarbeiter konnten sich in Sicherheit bringen. Wenig später stürmten Demonstranten die US-Botschaft. Auch vor der wie eine Festung geschützten amerikanische Botschaft in Kairo kam es zu Krawallen. Beamte wurden mit Steinen beworfen, diese antworteten mit Tränengas. In Syrien, im Libanon und im Irak kam es ebenfalls zu blutigen Protesten gegen den Film. 

Besonders die USA, wo der umstrittene Film über den Propheten Mohamed produziert worden war, sind in permanenter Sorge  um ihre diplomatischen Vertretungen. Seit dem Tod von Botschafter Chris Stevens und drei Mitarbeitern im gestürmten Konsulat von Bengasi in Libyen, sehen sie den begründeten Verdacht, dass radikale Islamisten den Volkszorn zu gezielten Angriffen ausnützen. Die Leichname trafen gestern in den USA ein, wo Präsident Obama an der Trauerzeremonie teilnahm.

Der Internetkonzern Google hat dagegen am Freitag eine Bitte des US-Präsidialamtes abgelehnt, seine Entscheidung zu dem umstrittenen Mohammed-Film noch einmal zu überdenken. Google hatte sich entschlossen, den auf seiner Youtube-Plattform veröffentlichten Film nur in Ägypten und Libyen zu blockieren, ansonsten aber online zu lassen.  Google erklärte, Zugangsbeschränkungen zu dem Video seien in einigen Ländern wie Indien und Indonesien verhängt worden, um dem jeweiligen lokalen Recht zu entsprechen. Diese Entscheidungen seien aber nicht auf politischen Druck hin erfolgt. In Ägypten und Libyen sei es wegen der dortigen angespannten Lage blockiert worden. Das US-Präsidialamt hatte Google gebeten zu überprüfen, ob das Video die Geschäftsbedingungen des Internetanbieters verletzt.

Elitesoldaten

Zuvor schon hatte Obama zwei Kriegsschiffe vor die libysche Küste entsandt sowie Eliteeinheiten zum Schutz der diplomatischen Einrichtungen. Im Jemen trafen gestern, wenige Stunden nach den blutigen Krawallen vor der US-Botschaft in Sanaa mit 4 Toten, 52 Marineinfanteristen ein.

Die ägyptische Muslimbruderschaft versuchte noch vor den Freitagsgebeten, die Wogen zu glätten. Weder die US-Regierung noch die amerikanischen Bürger seien "für die Taten einiger weniger verantwortlich, die Gesetze zur Meinungsfreiheit missbrauchen", stellte ihr Vizechef Khairat al-Shater in einem Zeitungskommentar klar. Proteste seien zwar erlaubt, Angriffe wie Dienstagabend im libyschen Bengasi aber "unrechtmäßig". Ihren Aufruf zu Demonstrationen zog die Gruppe zurück.

Schusswechsel

Ziel eines Angriffes Dutzender Bewaffneter wurden gestern auch die von den USA geführten internationalen Friedenstruppen auf der ägyptischen Halbinsel Sinai. Auf einem der Stützpunkte kam es zu heftigem Schusswechsel, bis zu drei Menschen sollen ums Leben gekommen sein.

Die Aufregung um den Mohammed-Film bringt auch die Islamisten, die mittlerweile in einigen Ländern des Arabischen Frühlings eine dominante Rolle spielen, in Schwierigkeiten. Einerseits wollen sie die USA nicht verärgern, andererseits müssen sie auf die Gefühle ihrer Anhänger Rücksicht nehmen.

Der Iran hingegen versuchte die Stimmung anzuheizen. Der geistliche Führer Ayatollah Ali Khamenei machte die US-Regierung und die Zionisten für den Anti-Islam-Film verantwortlich, der "die Herzen der Muslime  gebrochen hat". Er forderte eine Bestrafung aller Beteiligten an "dem abstoßenden Verbrechen". In Teheran belagerten Demonstranten die Schweizer Botschaft, die im Iran die US-Interessen vertritt.  

US-Außenministerin Clinton hat den Film als "abscheulich und verwerflich" verurteilt. Sie stellte aber auch klar, dass die Regierung in Washington  "absolut nichts mit dem Video zu tun hat".

Proteste bei Papst-Besuch fordern ein Todesopfer

Groß war der Jubel, als Papst Benedikt XVI. am Freitag im Libanon zu seinem dreitägigen Besuch eintraf. Viele Straßen der Hauptstadt Beirut waren mit Vatikan-Fahnen geflutet. Enorm sind auch die Sicherheitsvorkehrungen. Tausende Polizisten sind im Einsatz, der Flugverkehr am Airport wurde um die Ankunft des Kirchenoberhauptes zwei Stunden lag komplett eingestellt – beim Abflug am Sonntag gelten dieselben Restriktionen. Grund: Der Libanon ist an sich schon  ein heißes Pflaster, speziell für den Papst, doch nach der Veröffentlichung des anti-islamischen Videos hat sich das Gefahrenpotenzial nochmals erhöht. Bei Protesten gegen den Film starb in der Stadt Tripoli ein Mann. "Wir wollen den Papst nicht", skandierte die Menge.

"Ende der Gewaltspirale"

"Der Papst wird zu einem Ende der Spirale der Gewalt und des Hasses aufrufen", sagte der Patriarch der christlich-maronitischen Kirche im Zedernstaat, Bechara Rai. Rund 35 Prozent der Bevölkerung des Libanon sind Christen. Insgesamt leben im Mittleren und Nahen Osten etwa 17 Millionen Christen unter 400 Millionen Muslimen. Dieser schwer in Bedrängnis geratenen Minderheit will Benedikt XVI. beistehen – sein Besuch soll sichtbarer Ausdruck dafür sein.

Er will die Christen aufrufen, in ihrer angestammten Heimat zu bleiben. Hintergrund: Wegen Übergriffen haben zwei Drittel der ursprünglich 1,5 Millionen Christen den Irak verlassen. Offizieller Anlass der Visite ist die Übergabe des Schlussdokuments der Nahost-Bischofssynode in Rom 2010 – es war das erste derartige Krisentreffen in der zweitausendjährigen Kirchengeschichte und befasste sich mit der "dramatischen Lage" der Christen in der Region.

Zugleich will der Pontifex Maximus auf den Islam zugehen. Im wahrsten Sinn des Wortes: Am Freitagabend pilgerte er in das Bergdorf Harissa, wo eine große Marien-Statue über Beirut blickt. Die Stätte wird von Christen, Muslimen und Drusen gleichermaßen verehrt. Heute, Samstag, will der Papst mit führenden Köpfen der Muslime im Libanon zusammentreffen.

"Pilger des Friedens"

Als biblisches Land sei der Zedernstaat der "ideale Ort, um der Welt zu zeigen, dass das friedliche Zusammenleben von Religionen keine Illusion ist", sagte der inoffizielle Regierungschef des Vatikan, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, im Vorfeld der Reise Benedikts. "Ich komme als Pilger des Friedens für alle Länder in Nahost und als Freund all der Bewohner, was immer sie glauben", sagte der Papst bei seiner Ankunft. Zudem forderte er die Einstellung der Waffenlieferungen an Syrien: "Statt Waffen braucht das Land Kreativität und Ideen für den Frieden."

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