Spindelegger in Libyen: Lockruf lukrativer Geschäfte
Noch toben in Gaddafis Geburtsstadt Sirte schwere Kämpfe, doch in Tripolis laufen die Geschäfte langsam wieder an. In den Luxushotels der Hauptstadt geben ausländische Geschäftsleute einander die Klinke in die Hand. Auch österreichische Konzerne wollen nun so schnell wie möglich wieder zurück, um beim Aufbau dabei zu sein.
Mit an Bord der AUA-Sondermaschine, die am Sonntag für einen Sechs-Stunden-Besuch nach Tripolis abhob, waren deshalb nicht nur Außenminister
Spindelegger, sondern auch fast 50 heimische Spitzenmanager, darunter jene von OMV, des Zementherstellers Asamer, Bank Austria und Raiffeisen, Siemens, des Spitalaustatters Vamed und der VA-Tech.
Für österreichische Firmen ist auf dem Wachstumsmarkt viel zu holen. Kriegsschäden in Milliardenhöhe müssen behoben, die Ölindustrie muss wieder in Gang gebracht werden. Vor dem Krieg gab es 25 heimische Niederlassungen mit einem Auftragsvolumen von zwei Milliarden Euro. Ob die Firmen nahtlos in ihre alten, noch mit dem Gaddafi-Regime geknüpften Wirtschaftsverträge einsteigen können, ist aber unsicher. "Man weiß nicht, wie es weiter geht", gibt WABG-Manager Dieter Rothman zu bedenken.
Wackelig
Allerorts fehlen die Ansprechpartner. Doch trotz aller Unsicherheit muss jetzt einsteigen, wer künftig bei Geschäften mitmischen will. Neue Konzerne, vor allem französische und amerikanische, drängen mit aller Vehemenz in den Wüstenstaat.
Mehr als wackelig scheint auch die Position der derzeit zwei mächtigsten Männer
Libyens: Mahmud Jibril, Premier und Außenminister des Übergangsrates, und Mustafa Abdel Jalil, Chef des Rates. Beiden bläst immer heftigerer Wind der Islamisten entgegen. Mit beiden traf Spindelegger am Sonntag zusammen.
Österreich, das den Übergangsrat im Juni anerkannte, bietet der neuen Führung Hilfe bei der Ausbildung von Polizisten, Richtern, Staatsanwälten und Diplomaten an. "Libyen befindet sich an einem Übergang zu einer demokratischen Struktur, und wir können ein Paket an Hilfe anbieten", sagte Spindelegger zu Jibril. "Wir brauchen aber eine Zusage, dass Libyen in Richtung Versöhnung und Einhaltung der Menschenrechte arbeiten wird."
Ein bisschen Normalität
Während Städte wie Misrata schwer zerstört wurden, ist in
Tripolis von den Spuren des Krieges wenig zu sehen. Geschäfte haben wieder geöffnet, Kinder gehen zur Schule. In den ruhigen Straßen überraschen nur jungen Männer mit ihrer
Kalaschnikow.
Selbst die Ölanlagen dürften weit weniger beschädigt sein als ursprünglich vermutet. Die zweitgrößte Raffinerie des Landes arbeitet wieder. Die tägliche Ölproduktion beträgt schon 350.000 Barrel pro Tag. Vor dem Krieg waren es allerdings 1,6 Millionen. Die OMV ist bereits wieder vor Ort.
Mit der Wiedereröffnung der rot-weiß-roten Botschaft in Tripolis endete der Besuch Spindeleggers. Auch Handelsdelegierter David Bachmann wird nächste Woche sein Büro wieder beziehen.
Heckenschützen bremsen Rebellen-Vormarsch
Es ist ein erbitterter Kampf von Haus zu Haus, den sich die Rebellen und loyale Truppen von Libyens Ex-Diktator
Gaddafi in dessen Heimatstadt Sirte liefern. Vor allem viele Heckenschützen im Dienst der alten Macht erschweren den Vormarsch der Kämpfer der neuen Führung.
Dennoch gelang es Letzteren, am Sonntag den Campus der Universität einzunehmen. Dieser war in den vergangenen Tagen einer der wichtigsten Widerstandspunkte. Tausende Zivilisten sind inzwischen aus der Küstenstadt 410 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis geflohen. Andere blieben und griffen zu den Waffen. Sie hatten von Muammar Gaddafi profitiert, der Sirte zu einer Vorzeigestadt fein herausputzen ließ. Doch ihr altes Leben liegt in Trümmern, sie kämpfen, weil sie nichts mehr zu verlieren haben.
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