Politik | Ausland
16.11.2017

Rohingya: Grausame Vertreibung und "Völkermord"

Die Kinderrechtsorganisation "Save the Children" veröffentlichte einen Bericht, in dem Menschen von grausamen Verbrechen erzählen. Menschenrechtsexperten sprechen gar von "Völkermord".

Vor einem Außenministertreffen in Myanmar hat die Kinderrechtsorganisation "Save the Children" einen Bericht veröffentlicht, in dem muslimische Rohingya von grausamen Verbrechen bei ihrer Vertreibung aus dem buddhistisch geprägten Land berichten. In dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht sagt eine 24-jährige Frau, sie habe gesehen, wie ein Soldat eine hochschwangere Frau mit Benzin übergossen und angezündet habe. Ein anderer Soldat habe einen Säugling seiner Mutter entrissen und ins Feuer geworfen.

"Save the Children" forderte die Minister auf, Druck auf die Regierung von Myanmar auszuüben, um eine Untersuchung der Verbrechen zu erreichen. Außerdem müssten humanitäre Helfer ungehinderten Zugang erhalten. Gleichzeitig seien die Voraussetzungen für eine sichere freiwillige Rückkehr der Vertriebenen zu schaffen.

Gewalt dokumentiert

Menschenrechtsexperten sehen in der Gewalt gegen die muslimische Minderheit der Rohingya in Myanmar sogar einen " Völkermord". Es gebe "zunehmend Beweise" für diese Anschuldigung, erklärten die Menschenrechtsorganisation Fortify Rights und das Holocaust-Museum in Washington am Mittwoch.

Sicherheitskräfte haben demnach Opfern die Kehle durchgeschnitten oder sie lebendig verbrannt. Human Rights Watch berichtete zudem von Massenvergewaltigungen an zahllosen Frauen und Mädchen.

Die Autoren von Fortify Rights haben nach eigenen Angaben mit mehr als 200 Überlebenden, Augenzeugen und Entwicklungshelfern gesprochen, um die "weitverbreiteten und systematischen Angriffe" der Sicherheitskräfte auf die Rohingya von Oktober bis Dezember 2016 und ab Ende August 2017 zu dokumentieren. Ein 30-seitiger Bericht kommt nun zu dem Schluss, dass die Sicherheitskräfte des südostasiatischen Landes zumindest " Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ethnische Säuberungen begangen haben".

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Zu diesem Schluss kommt auch Human Rights Watch. Die Vergewaltigungen zahlloser Frauen und Mädchen durch Soldaten und andere Gräueltaten seien Verbrechen gegen die Menschlichkeit, heißt es in einem am Donnerstag vorgelegten Bericht der Menschenrechtsorganisation. Vergewaltigungen seien "ein wichtiges und verheerendes Instrument der ethnischen Säuberungen" gegen die Rohingya, erklärte der Autor Skye Wheeler. Unzählige Frauen und Mädchen seien "brutal verletzt und traumatisiert" worden.

28 der 29 interviewten Vergewaltigungsopfer gaben demnach an, von mindestens zwei Soldaten vergewaltigt worden zu sein. Acht Frauen oder Mädchen berichteten von Vergewaltigungen durch fünf oder mehr Soldaten. Zwei Frauen sagten, sie seien nach der Ermordung ihrer Kinder, Ehemänner oder Eltern vergewaltigt worden.

Eskalation Ende August

Der seit Jahren andauernde Konflikt in Myanmar war Ende August eskaliert, als Rohingya-Rebellen Soldaten und Polizisten angriffen und Dutzende Sicherheitskräfte töteten. Das Militär reagierte mit Gegengewalt. Hunderte Menschen wurden im nördlichen Teilstaat Rakhine umgebracht, ihre Häuser niedergebrannt. Mehr als 600.000 Rohingya flüchteten ins benachbarte Bangladesch. Auch die UNO spricht von "ethnischen Säuberungen", zuletzt hatte auch der französische Präsident Emmanuel Macron von einem "Völkermord" gesprochen.

Wegen der brutalen Verfolgung der Rohingya steht auch Myanmars faktische Regierungschefin Aung San Suu Kyi international in Kritik. Kritiker werfen der Friedensnobelpreisträgerin Untätigkeit vor. Nach jahrzehntelanger Militärherrschaft steht Suu Kyi allerdings dem immer noch mächtigen Militär gegenüber.

So rückte Myanmars Armeechef Min Aung Hlaing am Donnerstag von dem Versprechen von Suu Kyis Regierung ab, nach Bangladesch geflüchtete Rohingya wieder zurückzunehmen. Wichtig sei vor allem der "Wunsch" der in Rakhine lebenden Buddhisten, erklärte der Armeechef. Die muslimischen Rohingya könnten daher erst zurückkehren, wenn die "echten Bürger Myanmars" damit einverstanden seien.