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Politik Ausland
11/23/2019

Prag 1989: Der falsche Tote der Revolution

Heizte der kommunistische Geheimdienst die Massenproteste an? Ein Agent, der dabei war, erzählt es dem KURIER.

Von Alexandra Mostyn aus Prag

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als Andrej Babiš am vergangenen Sonntag seine Pflicht erfüllt. Es ist der 17. November, in Tschechien als „Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie“ ein Staatsfeiertag. Als Ministerpräsident kommt Babiš nicht um den Besuch bei der Gedenktafel in der Prager Nationalstraße umhin. Die erinnert an den Moment im November 1989, als das kommunistische Regime die Kontrolle verlor: Einsatztruppen prügelten so brutal auf friedlich protestierende Studenten ein, dass sie den Funken der Revolution entfachten. „Massaker“ nennt man das Ereignis heute.

Schon am frühen Morgen des 17. November ist der kleine Laubengang, aus dessen Mauern die ausgestreckten Hände der bronzenen Gedenktafel herausragen, hell erleuchtet vor lauter Kerzen, die Passanten hier seit dem Vortag anzünden. Eine Gruppe Hartgesottener hat die Nacht über Wache gehalten und auf Babiš gewartet. Der nämlich habe an diesem Gedenkort nichts verloren.

Schließlich habe er nicht nur zu den Günstlingen des Regimes gehört, sondern auch für dessen Staatssicherheit StB gespitzelt und gepetzt. Schon im vergangenen Jahr flogen die Blumen von Babiš in den nächstgelegenen Mülleimer. So ein StB-Spitzel habe kein Recht, an diesem Ort Blumen zu legen.

Dabei hatte die Staatssicherheit – das ist längst kein Geheimnis mehr – bei den Protesten am 17. November ihre Finger im Spiel. Ein Agent, der damals dabei war, erzählt dem KURIER seine Version der Geschichte.

Ein toter Demonstrant

Noch keine 30 und überzeugter Kommunist, hat Ludvík Zifcák in der Armee Karriere gemacht. Nach einem kurzen Aufenthalt in Afghanistan tritt er einer Eliteeinheit der Staatssicherheit bei. Unter dem Deckmantel Milan Ružicka, Student aus Ostrava, infiltriert er 1989 die Dissidentenbewegung. „Wir hatten da überall unsere Leute“, lacht er, und in seiner Stimme ist auch heute noch Verachtung zu hören: „Diese paar Dissidenten? Denen konnten wir doch nicht den Staat überlassen. Da waren die meisten Säufer oder merkwürdige Gestalten.“

Am 17. November läuft Zifcák alias Ružicka ganz vorne im Protestzug mit und hilft, ihn in Richtung Wenzelsplatz zu lenken. „Dort durfte er aber nicht ankommen“, erzählt er. In der Nationalstraße wartete die Bereitschaftspolizei in ihren weißen Helmen auf die Protestierenden. Die Schlagstöcke fest im Griff, machen sie ein Weiterkommen unmöglich.

Aber der Protest lässt nicht nach, wird laut. Irgendwann schlägt die Staatsmacht zu, mit der Brutalität, die sie schon in den Wochen zuvor bewiesen hat. Dann plötzlich hallt eine Frauenstimme durch die Menge: „Er ist tot“.

Tatsächlich: An der Spitze des Zuges ist trotz der frühen Dunkelheit ein lebloser Körper zu erkennen, der inzwischen schon von Weißhelmen umstellt ist. Plötzlich ist alles ganz anders. Trotz des Chaos wird der Tote schnell identifiziert: Martin Šmíd, Student an der Mathematisch-Physikalischen Fakultät der Prager Karlsuniversität.

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht vom toten Studenten. Nicht nur in Prag. Auch im Ausland berichtet man nur Stunden später, dass die Proteste ein Todesopfer gefordert haben.

Politischer Untergrund

„Auf einmal änderte sich die Atmosphäre“, erinnert sich Sascha Vondra, der mit in der Menge steckte. Damals 28 und promovierter Geologe, war Vondra eines der prominentesten Gesichter des politischen Untergrunds. „Ich verstand mich damals als professioneller Herausgeber von Untergrund-Zeitschriften“, erzählt Vondra und lacht. Der Widerstand bestand 1989 aus einer durchaus übersichtlichen Truppe von etwa 1.200 Menschen, die es sich in ihrer Blase so gut es ging bequem gemacht haben.

„Offiziell hatten wir irgendwelche Jobs, damit das Regime uns in Ruhe ließ. Ich arbeitete zum Beispiel als Heizer, in Wahrheit machten wir unsere Zeitschriften, hörten Radio Freies Europa und lebten in einer Art Parallelgesellschaft“, sagt Vondra.

Schon den Sommer über hatte diese Parallelgesellschaft sich auf der Straße dem Regime entgegengestellt. „Doch am 17. November fühlte es sich anders an“, sagt Vondra: „Als ob die ganze Angst von uns abgefallen wäre. Wir fürchteten uns nicht mehr. Nicht vor ihren Schlägen, nicht vor dem, was danach kommen könnte.“

Die Leiche verschwindet

Nein, sie hatten nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. „Plötzlich aber wussten wir, das war es jetzt.“ Während die Weißhelme weiter im Laubengang auf die Protestierenden prügeln, wird der leblose Körper des Martin Šmíd schnell in einen Krankenwagen verfrachtet und weggebracht.

Kaum jemanden fällt auf, dass es ein Krankenwagen der Armee ist, der den Studenten abtransportiert. Gar niemand bemerkt, dass die Ambulanz nicht ins nahe gelegene Spital am Karlsplatz fährt. Sondern lieber die Prager Altstadt umfährt bis in ein Krankenhaus ein paar Kilometer moldauaufwärts.

Kaum ist der Krankenwagen im Innenhof des ehemaligen Franziskanerklosters zum Halten gekommen, springt Martin Šmíd von seiner Bahre und wird wieder zu Ludvík Zifcák, 29-jähriger Berufssoldat, Elite-Agent der tschechoslowakischen Staatssicherheit StB. Er hat seine Mission erfüllt.

Umsturz nicht geplant

Eigentlich sollte er als Milan Ružicka weiter die Dissidentenszene beobachten. Aber dann kam alles anders, als erwartet. Anstelle der Reformkommunisten, die – so der Plan hinter der aberwitzigen Aktion des Geheimdienstes – die Betonköpfe ablösen sollten, die seit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 an der Macht klebten, wurde Václav Havel etwa sechs Wochen später Präsident. Sascha Vondra katapultierte die Wende aus dem Untergrund auf die Bühne der Weltpolitik: In den vergangenen 30 Jahren war er Botschafter, Außen- und Verteidigungsminister und Senator. Jetzt wurde er für die konservative ODS ins Europaparlament gewählt.

Ludvík Žifcák leitet heute ein kleines Hotel im mondänen Kurort Karlova Studanka im Altvatergebirge. „Ich als Kommunist musste Kapitalist werden“, schimpft er lachend. Als Geheimdienst-Mitarbeiter musste er eineinhalb Jahre absitzen, danach war er lange arbeitslos. „Man hat mir ja ein ganz anderes Urteil angeboten, wenn ich schweigen würde. Aber das fällt mir nicht ein“, sagt er und verschränkt trotzig die Arme vor der Brust: „Wir haben alles richtig gemacht. Gescheitert ist die Politik.“

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