Die Angst der Boko-Haram-Opfer

Eine Menschenmenge demonstriert mit Schildern gegen Boko Haram.
"Ich sah geköpfte Leichen", schildert ein Student. Mindestens 1,5 Millionen sind auf der Flucht.

Eine Hütte in einem Slum am Stadtrand von Nigerias Hauptstadt Abuja. Das ist alles, was Solomon Benjamin noch bleibt. Im Jänner hatte die Terrorgruppe Boko Haram den 23 Jahre alten Studenten entführt. Ihm gelang die Flucht, doch der Horror verfolgt ihn. "Ich habe drei geköpfte Leichen gesehen. Man hat ihre Köpfe mit einer Kettensäge abgeschnitten. Ich kann nicht mehr schlafen."

Seine Heimatstadt Potiskum im Norden Nigerias hat er weit hinter sich gelassen. Trotz seiner verzweifelten Armut ist eine Rückkehr für Benjamin ausgeschlossen. "Ich gehe erst nach Hause, wenn Boko Haram gestoppt wurde. Aber wann wird das sein?"

Flüchtlingswelle

Die radikalislamische Terrorgruppe kontrolliert im Nordosten des Landes Dörfer und Städte auf einer Fläche, die ungefähr der Größe Belgiens entspricht. Nach Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR haben sich etwa 150.000 Menschen in die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger geflüchtet. Niemand weiß genau, wie viele Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht sind. Behörden und Hilfsorganisationen gehen von mindestens 1,5 Millionen aus.

Ibrahim Fudama, seine Frau und ihre sechs Kinder waren tagelang unterwegs. Boko Haram hatte ihr Dorf im Bundesstaat Borno überfallen. "Sie haben mein Haus angezündet und sind schießend durch die Straßen gegangen. Sie haben Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet", erinnert sich der 34 Jahre alte Automechaniker. Die Familie flüchtete sich in die Wälder. Retten konnten sie nur die Kleider, die sie am Leib trugen. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg ins 700 Kilometer entfernte Abuja, angetrieben von Angst. Die Terroristen entführten die Frau von Fudamas Bruder und vier Kinder. Sein Vater wurde ermordet.

Die Familie lebt nun in einem illegalen Flüchtlingscamp in Abuja. Unterstützung von der Regierung gibt es keine. "Unser Leben ist unerträglich geworden", sagt Fudama.

Hunger, Kälte und kein sauberes Wasser

In der Hütte nebenan sitzt Blessing John auf einer dünnen Matte auf dem harten Boden. Nachts wickelt die 25-Jährige ihre zwei kleinen Kinder in ein paar Kleidungsstücke, damit sie nicht frieren. Decken gibt es nicht. Auch sie hat ein Massaker miterlebt. Ihr Mann wurde entführt. Sie wurde angeschossen, könnte aber flüchten. "Wir haben hier keine Küche, keine Toilette. Wir leben von Spenden. Meine Kinder weinen jeden Tag vor Hunger", sagt die junge Frau.

In Nordnigeria platzt die Stadt Maiduguri aus allen Nähten. Obwohl die Hauptstadt Bornos immer wieder Ziel von Anschlägen ist, sind Tausende dorthin geflüchtet, wie Abubakr Bakri von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichtet. "Die meisten sind Frauen und Kinder." Überlebende schilderten, dass die Angreifer alle Männer im Alter zwischen 15 und 50 umbringen.

Viele Vertriebene kommen bei Verwandten unter, die anderen leben in den Flüchtlingscamps von Maiduguri. Wie Bakri berichtet, sind die meisten Flüchtlinge unterernährt, traumatisiert und brauchen dringend ärztliche Hilfe. "Der Mangel an sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen wird in der ganzen Stadt zum Problem", sagt er. Die Zahl der Cholera-Erkrankungen steigt. 7.000 Fälle zählte MSF in den vergangenen Wochen. Medizinische Einrichtungen sind von der großen Zahl der Hilfsbedürftigen überfordert.

Lager als Angriffsziel

Die Angst vor Boko Haram ist so groß, dass Flüchtlinge oft nicht in Lagern leben wollen. Dort könnten sie wieder zum Angriffsziel werden. Lieber hausen sie - oft illegal - in kleinen Gruppen, erklärt Abdullahi Mohammed von der Behörde für Notfall-Management. "Sobald sie irgendeine Bedrohung wahrnehmen, ... fliehen sie in Todesangst aus den Lagern", sagte er der Zeitung The Nation.

Unterdessen hat die nigerianische Armee die Rückeroberung der Stadt Baga von der radikalislamischen Extremistengruppe Boko Haram gemeldet. Bei heftigen Gefechten um die Stadt am Tschad-See im Nordosten Nigerias sei "eine große Zahl von Terroristen" getötet worden, sagte Militärsprecher Chris Olukolade am Samstag.

"Truppen haben heute Nachmittag nach heftigen Gefechten mit Terroristen Baga eingenommen. Schwere Verluste", teilte das nigerianische Militär im Kurzbotschaftendienst Twitter mit. Eine unabhängige Bestätigung für die Rückeroberung Bagas gab es nicht. Boko Haram hatte die Stadt am Ufer des Tschad-Sees, an den Nigeria, Kamerun, der Niger und der Tschad grenzen, am 3. Jänner eingenommen. Es wird befürchtet, dass die Rebellengruppe dabei Hunderte Menschen ermordete.

Olukolade sagte, die nigerianische Armee, die gemeinsam mit Soldaten aus den Nachbarstaaten gegen Boko Haram kämpft, habe die Waffen- und Materialbestände der Extremisten in Baga zerstört. Darunter seien fünf Flugabwehrgeschütze, Gewehre, mehr als 30 Motorräder und mehrere weitere Fahrzeuge gewesen. Die Stadt und zwölf umliegende Ortschaften seien eingekesselt worden, um es den extremistischen Kämpfern zu erlauben, ihre Waffen niederzulegen.

Vor wenigen Tagen hatte die nigerianische Armee bereits die Garnisonsstadt Monguno etwa 65 Kilometer von Baga entfernt eingenommen. Das Militär griff dort sowohl am Boden als auch aus der Luft an. Die Offensive wurde daraufhin in Richtung Baga vorgesetzt. Olukolade sagte, Soldaten hätten auf ihrem Weg dorthin an den Straßen zahlreiche fliehende Boko-Haram-Kämpfer gesehen. Viele von ihnen seien verletzt gewesen.

Sieben nigrische Soldaten getötet

Boko Haram tötete unterdessen bei einem Angriff im südöstlichen Niger sieben nigrische Soldaten. Bei dem Überfall auf das Dorf Karouga nahe dem Tschad-See habe die Islamistengruppe ihrerseits 14 Kämpfer verloren, erklärte die Armee. Ein Vertreter der tschadischen Sicherheitskräfte sagte, die Angreifer hätten nach dem Überfall über den See in den Tschad zu gelangen versucht, doch habe die Luftwaffe eingegriffen und ihre fünf Boote zerstört.

Die Extremistengruppe hatte in den vergangenen Monaten ihre Angriffe vom Nordosten Nigerias auf Kamerun, den Tschad und den Niger ausgedehnt. Diese entschlossen sich daraufhin zum Eingreifen und entsandten Truppen in ihre Grenzgebiete zu Nigeria. Anfang Februar beschlossen die vier Länder und Benin zudem, eine Eingreiftruppe von 8.700 Soldaten gegen die Rebellen aufzustellen, die seit 2009 mit Gewalt für einen islamischen Staat im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias kämpfen.

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