Politik | Ausland
04.10.2018

NATO rügt Moskau wegen Cyberattacken: "Rücksichtsloses Verhalten" stoppen

Tusk setzt nach russischer Attacke Cyber-Sicherheit auf Agenda für nächsten EU-Gipfel.

Nach den Vorwürfen aus Großbritannien und den Niederlanden zu russischen Cyberattacken hat die NATO sich hinter die beiden Alliierten gestellt. Die NATO-Verbündeten unterstützten das Vorgehen, "Russland wegen seiner unverhohlenen Versuche, internationales Recht und Institutionen zu untergraben, bloßzustellen", erklärte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Donnerstag beim Treffen der Verteidigungsminister der Militärallianz in Brüssel.

Russland müsse "sein rücksichtsloses Verhalten stoppen".

Die EU wird sich nach der jüngsten russischen Cyber-Attacke gegen die in Den Haag ansässige Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) mit Cyber-Sicherheit befassen. EU-Ratspräsident Donald Tusk kündigte am Donnerstag in Brüssel an, das Thema auf die Tagesordnung des nächsten EU-Gipfels am 17./18./19. Oktober zu setzen.

Tusk verglich Russland mit der Sowjetunion. "Der sowjetische Geist ist noch immer am Leben", sagte er. Dies habe auch die Nervengift-Attacke in Salisbury gezeigt.

Hackergruppen wie "Fancy Bear" oder "Sandworm" verüben seit Jahren schwere Angriffe auf Datennetze im Westen. Experten ordneten sie schon länger russischen Geheimdiensten zu. Die britische Cyberabwehr erhebt nun offiziell konkrete Vorwürfe.

Hackerangriff auf Deutschen Bundestag

Hinter den Hackerangriffen auf den Deutschen Bundestag und das Datennetzwerk des Bundes steckt nach Erkenntnissen der britischen Cyberabwehr der russische Militärgeheimdienst GRU. Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Liste des National Cyber Security Centre steht der GRU in Verbindung mit der Hackergruppe "APT 28", die für die Attacken in Deutschland verantwortlich gemacht wird. Experten gingen bereits davon aus, die offizielle Anschuldigung aus London untermauert nun den Verdacht. Russland wies den Vorwurf umgehend zurück.

Bei dem Angriff auf den Bundestag im Jahr 2015 hatten sich Angreifer so weitreichenden Zugang verschafft, dass die Bundestags-IT ausgetauscht werden musste. Bei dem im Februar bekannt gewordenen Angriff auf das sensible Datennetzwerk des Bundes und der Sicherheitsbehörden hatten Cyberspione unter anderem erfolgreich das deutsche Außen- und das Verteidigungsministerium attackiert. Dabei sollen sie auch Daten erbeutet haben.

Großbritannien veröffentlichte eine Liste von zwölf Hackergruppen, hinter den der GRU stecke, und warf Russland damit vor, für eine weltweite Serie von Cyberangriffen verantwortlich zu sein. Das britische National Cyber ​​Security Center hat nach eigenen Angaben herausgefunden, dass der russische Geheimdienst GRU "so gut wie sicher" für Attacken gegen die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und die US-Präsidentschaftswahlen 2016 verantwortlich ist. Zudem schreibt es dem GRU auch Angriffe zu, die unter anderem einen Flughafen in der Ukraine sowie eine TV-Station in Großbritannien trafen. Bereits früher hatte es Russland für weitere Angriffe verantwortlich gemacht. Beweise wurden zunächst nicht vorgelegt - Experten betonen aber stets, dass es extrem schwer ist, Cyberangriffe eindeutig zuzuordnen.

Scharfe Töne aus Großbritannien

Britische Politiker griffen zu scharfen Worten: Laut Außenminister Jeremy Hunt zeigen die Angriffe, dass Russland agiere, ohne das Völkerrecht zu beachten. Verteidigungsminister Gavin Williamson sagte am Rande eines NATO-Treffens in Brüssel: "So handelt keine Großmacht, das sind Handlungen eines Pariastaates." Gemeinsam mit Verbündeten werde man weiter daran arbeiten, Russland zu isolieren. Auch die US-Regierung hatte Russland bereits für Hackerangriffe verantwortlich gemacht.

Williamson verwies darauf, dass Großbritannien und etliche Verbündete bereits nach dem Nervengift-Anschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter etliche russische Diplomaten ausgewiesen hatten. Begründet wurden die Sanktion damals mit Hinweisen auf eine Verwicklung Russlands in den Anschlag. Bei der Tat wurde der in der früheren Sowjetunion entwickelte Kampfstoff Nowitschok verwendet und britische Ermittler vermuten zwei GRU-Agenten dahinter. Moskau weist jegliche Verantwortung für den Anschlag zurück.

Auch mit Blick auf die Cyberangriffe betonte das russische Außenministerium, London habe keine echten Beweise für die Anschuldigungen präsentiert. Die Fantasie der britischen Behörden kenne keine Grenzen mehr. "Hier wird einfach alles vermischt: GRU, Cyperspione und Kremlhacker. Das ist einfach eine Parfümmischung aus der Hölle", sagte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa am Donnerstag in Moskau. Der Satz war eine Anspielung auf die Angaben britischer Ermittler, wonach das Nowitschok-Gift in einer Parfüm-Probe transportiert worden sei. Eine Britin war gestorben, nachdem sie sich mit dem im Müll gefundenem vermeintlichem Parfüm eingesprüht hatte.