Ukraine: Hochsaison für "Wendehälse"

Eine Menschenmenge demonstriert mit einer roten Flagge vor einem großen Gebäude.
Parteigänger der Janukowitsch-Partei verlassen das sinkende Schiff.

Eineinhalb Liter Cognac haben ihre Wirkung nicht verfehlt. "Auf der Heide blüht ...", singt ein Mann in einem Café hinter dem Maidanplatz in Kiew. Um danach den Erlkönig zu rezitieren. Sein Freund versucht Kuchen zu essen – er hat aber seine Gasmaske auf. Es wird gefeiert auf und um den Platz des Umsturzes – und zwar der Sieg der Revolution. "Die Banditen sind weg", murmelt der Typ in Gasmaske. Und wen er meint, ist klar: Die Clique um den gestürzten Präsidenten Janukowitsch und die Partei der Regionen.

Serhi Bykow hat weniger zu lachen dieser Tage. Er ist Mitglied der Partei der Regionen. In der vergangenen Woche hatte er medial öffentlich seine Mitgliedschaft ruhend gelegt. Heute spricht der junge Mann vom Maidan als "großartige Aktion der Zivilgesellschaft", die die Reformen und die Wende in der Ukraine vorantreiben werde.

Vor wenigen Wochen noch hatte das ganz anders geklungen. Angst habe er keine. "Ich bin kein Krimineller, ich bin sauber." Und er ist zuversichtlich: "Wir können nach wie vor die stärkste Partei der Ukraine werden." Nun gelte es, die Partei von kriminellen Elementen zu säubern. "Sie haben die Fahne unserer Partei mit Blut befleckt."

Das blaue Banner der Partei der Regionen ist indes nicht nur bei hartgesottenen Revolutionären, sondern auch bei gemäßigten Aktivisten zu einem beliebten Schuhputzfetzen geworden. Bis zuletzt hatte die Partei dem Präsidenten mehr oder weniger geschlossen die Treue gehalten und seinen Kurs mitgetragen. Erst der offene Bruch nach den Schießereien Ende der Vorwoche hatte die Regierung kollabieren lassen.

Geiselhaft

Fraktionssprecher Oleksandr Jefremow hatte da sinngemäß erklärt, die Partei sei von Janukowitschs engstem Kreis über Jahre als Geisel genommen worden. Serhi Bykow nennt das einen kleinen Maidan innerhalb der Partei der Regionen – knapp 90 Tote waren dafür nötig.

"Wer kein Parteimitglied war, hat keine Posten bekommen", sagt Serhi Bykow. Janukowitsch und die "Familie", das sei so eine Art "Schlussstein" eines Gewölbes gewesen. Mit seiner Flucht sei das ganze System kollabiert. Jetzt brauche die Partei, die Serhi Bykow von Grund auf pro-europäisch nennt, einen Neustart. "Ich habe immer gesagt, dass Janukowitsch tödlich für die Ukraine ist, das ganze Land hat nur für eine Familie gearbeitet", sagt der Jungpolitiker. Und schnell fügt er hinzu: Zur "Familie" habe er nie enge Kontakte gehabt.

Aus der Sicht der Revolutionäre ist das blanker Zynismus. "Wendehälse", die völlig aus dem politischen Leben verschwinden und besser still sein sollten, seien jene, die jahrelang die Protektion der Partei genossen, viel Geld verdient und dann als das System in den letzten Zügen lag, die Seiten gewechselt hätten. Denn, so sagt ein dem Umsturz freundlich gesinnter Kleinunternehmer: "Diese Leute haben viele, viele Grenzen überschritten, nicht erst in der Vorwoche. Außerdem sind hier viele Menschen gestorben – und das werde man niemals vergessen."

Praktisch die gesamte Spitze der gefallenen Regierung hat sich mit dem Umsturz in Kiew ins Ausland abgesetzt oder ist in der Ukraine auf der Flucht. Und zuletzt hatten sogar die Spitzen der Opposition damit zu kämpfen, Abgeordnete der Partei der Regionen zu Abstimmungen ins Parlament zu bewegen – um so die Glaubwürdigkeit der Obersten Rada zu erhalten. Viele der Abgeordneten hätten Angst, heißt es.

"Er muss bluten"

Dass hier nicht gespielt wird, sondern auch alte Rechnungen beglichen werden (könnten), ist auch Serhi Bykow klar. Janukowitsch brauche jetzt wirklich guten Schutz, sagt er. Denn die Chance sei durchaus gegeben, dass er diese Revolution nicht überleben wird – etwas, das sich auch in nüchternen Betrachtungen radikaler Revolutionäre bestätigt.

Bykow rät Janukowitsch, die Ukraine ehestmöglich zu verlassen, auf welchem Weg auch immer. Etwas, was Aktivisten auf dem Maidan auf jeden Fall unterbinden wollen. "Janukowitsch muss in der Ukraine vor Gericht gestellt werden", sagen Gemäßigte. "Er muss bluten", sagen Radikale.

Kommentare