"Männer schossen von Motorrädern": Österreicherin erlebt Gewalteskalation in Mexiko

Im Norden Mexikos herrscht nach der Tötung des Drogenbosses "El Mencho" Ausnahmezustand. Der KURIER sprach mit einer Touristin in der Region.
Soldiers bolster security in Guadalajara after the death of ‘El Mencho’ in military operation

Antonia N. berichtet von Männern in Kampfausrüstung, die auf den Straßen im Norden von Mexiko patrouillieren. Sie tragen Helme, schusssichere Westen, sind behangen mit Patronengürteln und bewaffnet mit Sturmgewehren. "Es sind auch vor unserem Hotel Männer auf Motorrädern herumgefahren, von denen sie geschossen haben", sagt die Touristin gegenüber dem KURIER.

Doch es handelt sich nicht, wie auf den ersten Blick vielleicht angenommen, um Mitglieder des Militärs, sondern um die Anhänger der Jalisco Nueva Generación (CJNG), dem am weitesten verbreiteten Drogenkartells Mexikos. Zu späterer Stunde werden von ihnen Autos, Banken, Tankstellen und Geschäfte angezündet und Straßen blockiert. Die Oberösterreicherin N. reist momentan durch Mexiko und hält sich nördlich von Mexiko-Stadt, in Guanajuato auf, als die Ausschreitungen beginnen. Als Schutz vor der Kartellgewalt harrt sie in ihrem Hotel aus. Sie hält sich damit an die Anweisung der mexikanischen Regierung: "Es wurde empfohlen, nicht mehr rauszugehen."

Die Welle der Gewalt, die Mexiko seit Sonntag im Griff hat, ist für die Anhänger des Kartells die Antwort auf die Tötung ihres Anführers "El Mencho". Bei einem von den USA unterstützten Militäreinsatz kamen nach im westlichen Bundesstaat Jalisco sieben Mitglieder von CJNG ums Leben, darunter der Drogenboss selbst. Die USA hatten zuvor ein Kopfgeld von 15 Millionen US-Dollar auf den Kartellchef, der mit bürgerlichem Namen Nemesio Oseguera Cervantes heißt, ausgesetzt. Trump-Sprecherin Karoline Leavitt nannte ihn "einen der größten Fentanyl-Schmuggler" in die USA.

74 Tote durch Kartell-Gewalt

Vor allem im Norden des Landes ist die Lage kritisch. Mindestens 74 Menschen starben bei Attacken des Kartells, darunter 25 Mitglieder der Nationalgarde. Den Behörden zufolge wurden bei den Auseinandersetzungen keine Ausländer verletzt. Präsidentin Claudia Sheinbaum ließ in den bei Touristen beliebten Orten Cancún und Tulum präventiv 10.000 Soldaten und Polizisten zur Bewachung einsetzen.

An den Sicherheitsstufen werde auch laut dem österreichischen Außenministerium derzeit nicht geschraubt. Die Reiseinformation für Mexiko wurde jedoch angepasst und lässt nun auf das Gefahrenpotenzial in der Region schließen: "Angesichts der sich verschlechternden Sicherheitslage empfehlen wir österreichischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern - Touristen wie auch Einwohnern - unnötige Reisen zu vermeiden". Den staatlichen Behörden sei Folge zu leisten.

Augenzeugin berichtet aus Mexiko

Der KURIER erreichte Antonia N. telefonisch. Sie habe ihren Rückflug nach Wien aufgrund der Straßensperren in der Stadt Guanajuato verpasst und schildert ihre Eindrücke von vor Ort: "In der Früh haben wir bemerkt, dass alle Supermärkte zugesperrt waren. Das kam uns sehr komisch vor. Dann war es auch schwierig, ein Taxi zum Busbahnhof zu bekommen. Dort waren dann unzählige Menschen gestrandet. Erst dann haben wir die Nachrichten eingeschaltet und erfahren, was passiert ist". Zeitgleich seien auch in der Stadt Guadalajara der Busbahnhof sowie der Flughafen gesperrt gewesen.

Der Weg zurück zum Hotel entpuppte sich für die Oberösterreicherin komplizierter als gedacht. Es sei fast unmöglich gewesen, "ein Auto zu bekommen", weil "niemand mehr auf der Straße sein wollte". Die Regierung verhängte eine Art Ausgangssperre: "Also es wurde empfohlen, nicht mehr rauszugehen". Auch die Suche nach Essen stellte sich für die Touristin als schwierig heraus, weil so gut wie alle Restaurants geschlossen waren. Nur bei einem Lokal wurde sie fündig: "Wir hatten die Theorie, dass der Betreiber auch zum Kartell gehört. Einfach, weil er sich als einziger getraut hat, aufzusperren".

MEXICO-CRIME-DRUG TRAFFICKING-OPERATION-AFTERMATH

Männer auf Motorrädern schossen wahllos

Zurück im Hotel konnte Antonia N. dann aus sicherer Entfernung beobachten, wie das Kartell gegen die Regierung zurückschlug. Die Lage vor Ort spitzte sich immer mehr zu: "Es sind auch vor unserem Hotel Männer auf Motorrädern herumgefahren, von denen sie geschossen haben. Dann wurden Läden angezündet, die total ausbrannten. Das Kartell hat die Hügel rund um die Stadt frequentiert und es wurde einfach nur geschossen. Wir sind dann nicht mehr rausgegangen".

Am Montag blieben wegen der angespannten Lage viele Schulen geschlossen. Am Dienstag bereits schien sich die Lage wieder etwas beruhigt zu haben. Antonia N. berichtet, dass das große Thema in den mexikanischen Nachrichten nun eher die Nachfolge von "El Mencho" sei, da sich das Kartell nun neu aufstellen müsse. Sie habe vor wenigen Stunden von Guanajuato nach Mexiko-Stadt fahren können, um von dort bald einen Rückflug nach Europa anzutreten. Noch würden sich viele Menschen aber nicht auf die Straße trauen, auch ihr Reisebus sei fast leer gewesen: "In Mexiko-Stadt sind noch zahlreiche Leute auf den Busbahnhöfen gestrandet, die zu ihren Familien zurückwollten. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Busse schon wieder Richtung Norden fahren".

Aftermath of violence following military operation that killed Jalisco cartel boss Nemesio Oseguera, 'El Mencho,' in Puerto Vallarta

Beispiellose Gewalt

Die aktuelle Gewalt der mexikanischen Kartelle ist beispiellos. Auch nach der Festnahme des berüchtigten Drogenbosses Joaquín "El Chapo" Guzmán, des Anführers des Sinaloa-Kartells, im Jahr 2016 war es nicht zu vergleichbaren Gewaltvorfällen gekommen. 

Dass "El Mencho" nun der Vergangenheit angehört, ist der bedeutendste Schlag gegen die Drogenkartelle des Landes seit der Festnahme von "El Chapo" und dessen rechter Hand "El Mayo". Nach deren Auslieferung in die USA war die Jalisco Nueva Generación zum mächtigsten Kartell Mexikos aufgestiegen und forderte den Staat durch Anschläge immer wieder offen heraus.

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