Politik | Ausland
22.06.2018

Merkel und Löw: Schaffen sie das?

Bundeskanzlerin und und Bundestrainer bilden derzeit eine angeschlagene Schicksalsgemeinschaft.

In der Union droht der große Knall, gar Bruch der Fraktion – und was macht die Kanzlerin? Guckt, wie man in Deutschland sagt, erstmal Fußball, natürlich im Kreise ihrer Getreuen, die mit ihr vergangenen Sonntag den Streit zwischen CDU und CSU analysierten. Dass diese Information durchsickerte, war kein Zufall und sollte heißen: kein Grund zur Panik.

Was für die Bundeskanzlerin gilt, gilt anscheinend auch für den Bundestrainer: Nachdem Deutschland gegen Mexiko verlor, tänzelte Joachim Löw Tage später an der Promenade in Sotschi, posierte für Selfies mit Fans – als hätte er gerade nichts anderes zu tun.

Erfolg oder Ende?

Für manche Beobachter bilden die zwei eine Schicksalsgemeinschaft: Kanzlerin Merkel unter Beschuss wegen des Streits in der Asylpolitik; und Trainer Löw in der Kritik für die Performance seiner Spieler. Manche attestieren ihm den Weltmeister-Fluch. Dass ein allfälliger Erfolg der deutschen Elf den Koalitionsstreit, der eine europaweite Diskussion auslöste, übertünchen könnte, ist nicht absehbar. Dafür das Ende von Merkel und Löw, glauben einige zu wissen. "Endzeit" steht auf dem aktuellen Spiegel-Cover, dazu Merkels Raute, ihre typische Geste, durch die Sand läuft.

Fest steht: Beide sind seit zirka zwölf Jahren an der Spitze und haben eine Ära, eine ganze Generation geprägt. Merkels Image steht für Stabilität, so wie der immer gleiche Schnitt ihres Blazers. Und für eine freie und offene Welt, wie ihr Mantra von 2015 („Wir schaffen das“). Ebenso der Bundestrainer Löw, einer der sich für Integration stark macht, seine halbe Mannschaft hat Migrationshintergrund, und der den deutschen Fußball sympathisch gemacht hat.

Beide haben das Land und die Politik ein Stück weit verändert – mit einer Art, die uneitel und fast zu gewöhnlich wirkte. Angela Merkel, aufgewachsen in der Uckermark in Brandenburg, wo sie die Wochenenden verbringt, durch Wälder spaziert und Kartoffelsuppe kocht. Joachim Löw, der im beschaulichen Freiburg lebt, ab und zu ins Kino spaziert, was dort kein Problem sei, wie er dem KURIER-Sportredakteur verriet („Da kennen mich die Leute“).

Mit einem ähnlichen Spruch ging die Kanzlerin 2013 in den Wahlkampf: „Sie kennen mich“, so lautete der Slogan ihrer Strategie, die Glaubwürdigkeit vor Positionierung stellte. Denn was sie vorhat oder wollte, kam ebenso wenig heraus wie bei der letzten Wahl („Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“).

An ihrem Stil haben sich viele Autoren abgearbeitet, Bücher verfasst. Von Eurokrise bis Ukraine-Krieg, sie ist die Kanzlerin der „ganz großen Ruhe“, schreibt Dirk Kurbjuweit und versteht dies keineswegs als Kompliment. Seine Kritik: Die Kanzlerin habe die Menschen zu sehr geschont, keine großen Reformen verlangt. 

Auf Debatten hat sie spät bis gar nicht reagiert, wo andere Lunte gerochen hätten. Die Unsicherheit ob der Flüchtlinge 2015 nutzten sie aus und spielten mit den Instinkten der Bürger, steckten andere Parteien an. Die wie die CSU jetzt selbst Drohkulissen schaffen, denen Merkel mit ihrer Sachlichkeit kaum noch entgegentreten kann.

Diese Erfahrung musste auch Jogi Löw machen. Das Treffen zweier Spieler mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan setzte der Mannschaft tief zu, die Fans pfiffen Ilkay Gündogan aus. „Irgendwann is’ auch mal gut“, ärgerte sich Löw vor der Presse. Doch diese Debatte konnte er nicht einfangen und nicht aussitzen, wie er es bei Konflikten mit Altstars wie Michael Ballack tat.

Von dieser Strategie hat sich die Kanzlerin vor einiger Zeit verabschiedet, versucht offensiver aufzutreten. Bereits in ihrer Regierungserklärung im März griff sie jenen Satz auf, für den sie so viel Ablehnung wie Zustimmung bekam: „Wir schaffen das“ – er stehe „symptomatisch dafür, was wir gemeinsam schaffen können und wollen“, sagte Merkel. Auch jetzt im Streit mit der CSU bleibt sie dabei: Wir müssen ein offenes Land sein – aber mit geordneter Migration.

Ruhe gegen die Kritik

Während die Kritiker lauter toben, aktuell CSU-Chef Seehofer mit Auflösung der Koalition droht, treiben es Merkel und Löw mit ihrer Ruhe auf die Spitze. Alles scheint abzuperlen, nur die Abfolge der vergangenen Ereignisse weist bei der Kanzlerin daraufhin, dass sie in aller Hektik nach einer Lösung sucht: Gerade noch im Nahen Osten, am Sonntag dann in Brüssel.

Sollte Löws Team heute erfolgreich sein, hilft das der Kanzlerin vielleicht über den Tag, berauschen sich die Startseiten deutscher Nachrichtenseiten kurz im WM-Fieber – bis sich, spätestens nach dem anstehenden Flüchtlings-Minigipfel mit Merkel in Brüssel die CSU wieder meldet.