Liedermacher Wolf Biermann

© REUTERS/FABRIZIO BENSCH

Mauerfall
11/07/2014

Biermann bezeichnet Linke als "Drachenbrut"

Im Bundestag wurde an den Mauerfall erinnert. Die SED-Nachfolgepartei bekam vom Gast ihr Fett ab.

Eigentlich war er zum Singen eingeladen worden, stattdessen teilte er aus: Im Bundestag wurde Freitagfrüh in einer Gedenkstunde an den Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren erinnert. Auf Einladung von Bundestagspräsident Norbert Lammert war der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann zu der Gedenkstunde gekommen. Biermann hielt mit seiner Meinung über die Linke, ihres Zeichens die SED-Nachfolgepartei, nicht hinterm Berg: Die Abgeordneten der Linkspartei seien demnach "der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde", sagte der 77-Jährige.

Er sei von dem "Ironiker" Lammert eingeladen worden, um der Linken ein paar Ohrfeigen zu verpassen. "Aber das kann ich nicht, ich war ja Drachentöter. (...) Ein Drachentöter kann nicht mit großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen."

Lammert versuchte zu retten, was zu retten war und sagte mit einem Hinweis auf die Geschäftsordnung: "Sobald Sie für den Bundestag kandidieren und gewählt werden, können Sie auch reden. Jetzt sind sie hier, um zu singen." Biermann entgegnete: "Das Reden habe ich mir in der DDR nicht abgewöhnt und werde das hier schon gar nicht tun." An die Adresse der Linken sagte er: "Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen. Ich gönne es Euch."

Wahl "kein Gottesurteil"

Er setzte aber noch eins nach. Die Linksfraktion im Bundestag versuchte sich lautSpiegelzur Wehr zu setzen und warf ein, sie sei doch gewählt. Für Biermann "kein Gottesurteil".

Die Linke sei eigentlich "reaktionär", so Biermann . Es folgte sein Lied "Ermutigung", das vor allem bei Oppositionellen in der damaligen DDR beliebt war.

Sein Auftritt sorgte schon vorher für Ärger, weil sich die Linke als SED-Nachfolgepartei immer wieder von Biermann kritisiert fühlt.

Der Linke, den die DDR nicht wollte

Glühender Sozialist

Der 1936 in Hamburg geborene Biermann ist Sohn eines kommunistischen Werftarbeiters, der im Widerstand gegen das Nazi-Regime war und im KZ Auschwitz ermordet wurde. Als glühender Sozialist entschloss sich der 16-Jährige in die DDR umzuziehen. Dort kam er aber bald in Konflikt mit dem Regime.

Ausweisung

Vom Geheimdienst überwacht, absolvierte er in den 60-ern erste Auftritte im Westen. Als er dort Kontakte knüpfte, gab ihm die DDR Auftrittsverbot. Schließlich wurde Biermann während einer Tour im Westen die Rückkehr in die DDR verboten. Er ist bis heute einer der maßgeblichsten linken deutschen Liedermacher.

"Linke" am Sprung zum ersten Regierungschef

Es geht jetzt zügig vorwärts für Bodo Ramelow: Anfang Dezember will er sich von einer rot-rot-grünen Koalition zum Regierungschef Thüringens wählen lassen, zum ersten der kommunistischen "Linken" . Weil nun die Mitglieder der Landes-SPD mit 70 Prozent für diese Koalition votierten, ist der vorletzte Schritt dazu getan.

Mit nur zwölf Prozent ist die SPD im Zweieinhalb-Millionen-Einwohner-Land so klein wie sonst nirgends, erst dadurch wurden die 28 Prozent der "Linken" möglich. Doch die SPD ist für Ramelows Aufstieg entscheidend: Im Landtag von Erfurt kann nach der Wahl im September nur eine Dreier-Koalition regieren. Und die noch schwächeren Grünen hatten sich als Erste für die Ehe mit der "Linken" entschieden – statt der unter der Führung der stärksten Partei, der CDU, die bisher regierte. Die Koalitionsverhandlungen sind jetzt nur mehr Formsache, Ramelow hat großzügig Ministerposten versprochen.

Viele Jahre lang hatte der 1990 aus Bremen nach Thüringen gezogene West-Kommunist und Gewerkschafter an dem Ziel gearbeitet. Denn noch immer gibt es viele Bedenken dagegen, dass ein Erbe der DDR-Staatspartei nun wieder an der Spitze eines Bundeslandes stehen soll. Die "Linke" ist direkte Nachfolgerin der SED und deren letzter Chef Gregor Gysi heute ihr Fraktionschef im Bundestag. Auch diese Personalie nährte bisher Zweifel, dass sie mit ihrer Vergangenheit wirklich brechen will.

"Unrechtsstaat"

Erneuert wurden die Zweifel durch die Verweigerung einer eindeutigen Distanzierung von der totalitären DDR-Diktatur: In den Vorgesprächen gelang es dem zähen Ramelow, das von SPD und Grünen verlangte Bekenntnis, die DDR sei ein "Unrechtsstaat" gewesen, zur "Protokollnotiz" mit der Formulierung herabzustufen: "in der Konsequenz" – womit die DDR es in "Linke"-Sicht eben nicht war, sondern nur ein paar von ihr fehlgeleitete Organe.

Solches Bewahren von DDR-Nostalgie freut deren alte Kader, verschreckt aber viele andere Bürger. Auch den ersten im Staat: Angesichts der Unrechts-Diskussion sagte Bundespräsident Joachim Gauck, er verstehe, wenn ostdeutschen Bürgerrechtlern wie ihm der Gedanke an einen Linken-Regierungschef schwerfalle. Auch SPD-Wähler zürnen.

Gauck wurde ob seiner Worte vom linken SPD-Flügel über die Grünen bis hin zu den Angesprochenen kritisiert. Ob er die 4300 SPD-Genossen beeindruckte, ist offen: Immerhin haben nur 70 Prozent abgestimmt, womit die Hälfte nicht für Ramelow stimmten.

Daher ist der letzte Akt, die Wahl im Landtag, so spannend: Bei einer Stimme Mehrheit von Rot-Rot-Grün darf es ihm nicht so gehen wie 2011 der SPD-Frau Ypsilanti in Hessen, als ihr vier ihrer Genossen die Gefolgschaft in eine solche Koalition verweigerten.

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