Luftangriff auf Aleppo: Laut Aktivisten Dutzende Tote

Ein zerstörtes Gebäude mit einer blau-weißen Flagge davor.
Die zweitgrößte Stadt Syriens ist seit über einem Jahr hart umkämpft.

Bei Bombenangriffen der syrischen Luftwaffe auf die Stadt Aleppo und deren Umgebung sind nach Angaben von Aktivisten mindestens 29 Menschen getötet worden. Mindestens 14 von ihnen seien am Samstag im Viertel Tarik al-Bab im Osten der Wirtschaftsmetropole ums Leben gekommen, Dutzende weitere verletzt worden, erklärte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Weitere 15 Menschen wurden demnach bei vier Luftangriffen in dem nahegelegenen Ort Al-Bab und der Gegend von Tadef getötet.

Video

Syrische Aktivisten veröffentlichten Videos im Internet, die mutmaßlich chaotische Szenen in Tarik al-Bab zeigten, wo dutzende Menschen die Trümmer eines teilweise eingestürzten Gebäudes nach Überlebenden durchsuchten. Anrainer versuchten außerdem, ein brennendes Fahrzeug zu löschen. Andernorts in der Provinz Aleppo wurden mindestens fünf Soldaten in einem Hinterhalt von Rebellen getötet, wie die Beobachtungsstelle mitteilte.

Syrien, Lampedusa, Bootsflüchtlinge aus Afrika. Meldungen über Flüchtlinge scheinen alltäglich. Die Zahlen sind auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren. 45,2 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr auf der Flucht im In- und Ausland. Der KURIER sprach mit dem Direktor für internationalen Flüchtlingsschutz beim UNHCR, dem Österreicher Volker Türk.

Sie sind seit mehr als 20 Jahren beim UNHCR, wie hat sich Flucht bis heute verändert?

Ein Mann mit Brille und Anzug blickt aufmerksam zur Seite.
Volker Türk:Die Flüchtlingszahlen sind wieder auf dem Niveau von 1994. Aufgrund von alten Krisen – Irak, Afghanistan, Mali, die Demokratische Republik Kongo, Myanmar –, und vor allem wegen Syrien. Wir haben 2,2 Millionen Flüchtlinge in Syriens Nachbarländern. Libanon hat in den letzten Tagen 35.000 Flüchtlinge aufnehmen müssen. Das muss man sich einmal vorstellen! Verglichen mit den Flüchtlingszahlen Europas – so viele Flüchtlinge nehmen andere Länder manchmal in ein paar Tagen auf.

Oft wird der Begriff der „Festung Europa“ genannt. Schottet sich Europa ab?

Eines ist sehr interessant: In den Stellungnahmen europäischer Politiker heißt es immer, die Nachbarländer Syriens sollen die Grenzen offen halten. Die sind am stärksten betroffen. Bis zu 800.000 Flüchtlinge sind in der Türkei, 800.000 im Libanon, mehr als 550.000 in Jordanien, fast 200.000 im Irak. Natürlich ist es extrem wichtig, dass die Grenzen offen bleiben. Gleichzeitig rufen wir immer dazu auf, dass sich alle Länder öffnen. Es gibt Möglichkeiten, Schutzbedürftige aufzunehmen. Etwa durch erleichterte Familienzusammenführung, Studentenvisa, Arbeitsbewilligungen.

Europäische Staaten haben in den vergangenen Monaten syrische Flüchtlinge aufgenommen. Man hört aus Ihrer Antwort heraus, dass das nicht ausreicht.

Ja, das reicht nicht. Wir sind sehr dankbar, dass etwa Österreich 500 Plätze zur Verfügung gestellt hat. Das ist ein wichtiges Zeichen der Solidarität. Es hilft im Einzelfall. Aber wenn man sich die Krise anschaut, dann ist das nur der Tropfen auf den heißen Stein. Wenn es so weitergeht, brauchen wir viel höhere Aufnahmezahlen. Die Krise wird sich in den nächsten Jahren vor den Toren Europas abspielen, wenn es keine politische Lösung gibt. Wir sollten Syrer nicht in die Nachbarländer zurückschicken. Zu sagen, dass die Türkei die Flüchtlinge behalten soll, die dort sind, hilft nicht. Eher sollte man überlegen, welche Aufteilung man macht.

Wir haben über Europas Politik gesprochen. Wie sieht es mit der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung reicher Staaten aus?

Jeder, der sieht, mit welcher Verzweiflung diese Menschen in den Booten ankommen, ist automatisch offener. Nehmen Sie die Bevölkerung von Lampedusa etwa. Leider werden wir – auch von Medien – in einer Ignoranz gehalten, was Fluchtschicksale betrifft. Diese Menschen entkommen Bürgerkrieg, Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen. Leider wird mit dem Thema auch oft – populistische – Politik gemacht. Das ist für uns ein sehr großes Problem. Es bedarf politischer Führungsqualität, um mit Flüchtlingsfragen umzugehen.

Wie geht es dem UNHCR? Spürt man eine finanzielle Krise?

Unser Budget hat sich seit 2005 – aufgrund dieser Krisen – verdoppelt. Das Problem bei den Beiträgen der Staaten ist, dass sie meistens zweckgebunden sind – aktuell für Syrien. Es gibt viele andere Krisen, bei denen die Geberströme nicht so stark sind. Wir würden uns mehr ungebundene Gelder wünschen.

Sind Sie mit dem österreichischen Beitrag zufrieden?

Österreich spendet 2013 knapp vier Millionen Euro. Tendenz steigend. Ich muss auch sagen, dass wir sehr froh waren, als Österreich die Entscheidung getroffen hat, 500 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Wir hoffen natürlich, dass uns Österreich weiterhin und auch kräftiger unterstützt.

Zur Person Volker Türk (47)

Der gebürtige Linzer ist als Direktor für internationalen Flüchtlingsschutz ein leitender Mitarbeiter beim UNHCR. Der Jurist arbeitet seit 1991 bei der Organisation und war selbst in diversen Krisenländern tätig.

UNHCR

Das UN-Flüchtlingskommissariat in Genf ist seit 1951 weltweit für Schutz und Unterstützung von Flüchtlingen zuständig.

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