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Politik Ausland
12/11/2018

Londoner haben genug von Brexit-Debatte

Einfach raus oder zweites Referendum? Eine Straßenumfrage zeigt die ganze Palette an Meinungen

London präsentiert sich an diesem krachend kalten Dienstag von seiner sonnigsten Seite. Wettermäßig. Die Stimmung ist hingegen grau bis dunkelgrau, nachdem Premierministerin Theresa May die Abstimmung über den Brexit-Deal abgesagt hat und auf das Festland geeilt ist. Im Parlament stehen bei Freund und Feind die Zeichen auf Sturm. Ein Misstrauensantrag von Labour rund um Jeremy Corbyn ist in Vorbereitung.

„Wenn May es nicht kann – und sie kann es nicht – , dann soll sie wen anderen ranlassen“, ärgert sich eine genervte Britin, die Tee auf einem Markt in London ausschenkt. „Es soll jetzt einfach eine Entscheidung fallen, egal welche. Ich will nur wissen, worauf ich mich einstellen muss.“ Andrew, ein älterer Arbeiter, wärmt sich bei einem Tee auf. Er wünscht sich ein neues Referendum. „Beim ersten Mal habe ich für den Brexit gestimmt. Heute würde ich gern bleiben.“

Alen, dem ein Stand ein paar Meter weiter gehört, sieht das anders: „Wir sind bereit – auch für einen harten Brexit. Der Mann von der Straße will raus aus der EU. Und May wird bald gehen.“

Nerviges Wirrwarr

Der Mann von der Straße? Wechsel ins schmucke Botschafterviertel. Dort stehen drei Fahrer vor ihren Limousinen und scherzen miteinander. Auf die KURIER-Frage nach dem Brexit-Chaos verfinstern sich die Gesichter von Clive, Toni und Lee. Sie haben das Thema und das Wirrwarr wie so viele ihrer Landsleute satt. „Ich habe für den Brexit gestimmt, und unser Votum muss akzeptiert werden. Was ist das sonst für eine Demokratie?“, fragt Clive, 56, mehrfacher Vater und Großvater. „Schnitt, aus, raus.“ Den Sturz Mays würde er „sehr begrüßen“.

Toni (46) will ein Ende der Unsicherheit und daher den Brexit, gegen den er aber 2016 gestimmt hat. „Wir haben ein paar harte Jahre vor uns, aber das hinauszuzögern hat doch auch keinen Sinn.“ Lee (52) neben ihm ist gespalten, wie er sagt. „Ich habe für den Brexit gestimmt, aber ich weiß heute nicht mehr, was richtig oder falsch ist.“

„Wo ist Cameron?“

Damals ungültig gestimmt hat Mark, der mit seinem Taxi durch die City staut. „Heute weiß ich, was der Brexit für uns bedeuten wird. Nämlich nichts Gutes.“ Er würde gern nochmals abstimmen. Nachsatz: „Mir tut Theresa May leid. Sie hat uns da ja nicht hineingeritten, sondern David Cameron. Er hat sich aber einfach aus der Verantwortung geschlichen. Wo ist er?“

Ja, wo ist Cameron, der ohne Not mit einer Volksabstimmung Europa und vor allem Großbritannien Zeit, Kraft, Nerven und viel Geld kostet? Cameron kaufte eine Schäferhütte und schloss einen Vertrag über seine Memoiren über 800.000 Pfund (dzt. 880.000 Euro). Das Buch dürfte fertig sein, der Erscheinungstermin wurde aber auf 2019 verschoben. Er will offenbar warten, bis der Brexit abgeschlossen ist und sich der Staub gelegt hat.

Das könnte aber dauern: Liberaldemokraten, die Schottische Nationalpartei und Teile der Labour sind für ein zweites Referendum. Die Labour-Abgeordnete Margaret Becket, appellierte am Dienstag an die EU, das Ausstiegsverfahren „hinaus zu schieben, um Zeit zu finden“ für die Lösung. Aus ihrer Sicht lautet diese: Neuwahlen und ein neues Referendum unter einem neuen Premier: Jeremy Corbyn.

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