Politik | Ausland
29.07.2018

"Islamischer Staat": Die Jagd auf den Terrorboss

Seit Mai läuft eine Offensive gegen die Terrormiliz. Der KURIER besuchte diese letzte Front im Krieg gegen den „IS“

Der Horror begann am Mittwoch im Morgengrauen: Zeitgleich wurden mehrere Dörfer um die Stadt Suweida – im Süden Syriens gelegen – von den Terroristen angegriffen. „Sie brachen in die Häuser ein und überfielen die Menschen im Schlaf, töteten sie mit unfassbarer Brutalität und nahmen Dutzende als Geiseln“, schildert Ahed Mrad, ein Journalist aus der Region die fürchterlichen Attacken der Schergen des „Islamischen Staates“ (IS). Als sich Selbstmordattentäter am nächsten Tag auf dem Gemüsemarkt Suweidas in die Luft sprengten, wurde das verheerende Ausmaß des Überfalls deutlich: Bis zu 300 Menschen sind in der Region umgekommen. Mit Angriffen wie diesen war es der Terrormiliz vor vier Jahren gelungen, die Hälfte Syriens und ein Drittel des Iraks zu besetzen.

So groß wie Vorarlberg

Heute ist der „Islamische Staat“ auf fünf Prozent der einstigen Größe geschrumpft. Nahe der Golanhöhen hält die Terrormiliz eine letzte, winzige Bastion, und im Grenzgebiet zwischen Syrien und dem Irak halten zirka 6000 IS-Kämpfer ein Gebiet in etwa so groß wie Vorarlberg. Seit Mai trotzen sie einer groß angelegten militärischen Offensive. Doch die Gruppe kann sich nicht nur verteidigen, sondern geht wieder in die Offensive, wie sich in Suweida zeigte. Es ist ein zäher Kampf in der glühenden Hitze der Wüstenregion. Sandstürme, ungesicherte Pisten, die ständige Gefahr, dass verbliebene Terrorzellen wie aus dem Nichts auftauchen und plötzlich angreifen: Beim KURIER-Lokalaugenschein an der aktuellen Front mit dem Terrorstaat zwischen den Provinzstädten Hasaka und Deir ez-Zor zeigt sich, wie schwierig sich dieser Krieg im Krieg gestaltet.

Ausländische Kämpfer

„Wir vermuten, dass sich Abu Bakr al-Baghdadi (IS-Chef, Anm.) in Dörfern ganz dicht an der irakischen Grenze oder in Stadt Hajin aufhält. Das ist ihre letzte echte Hochburg“, sagt Liwa al-Abdullah, die Sprecherin der Offensive im KURIER-Interview. Dort dürften sich auch zahlreiche ausländische Kämpfer befinden: Aus Frankreich, England und Deutschland.“ Nicht auszuschließen sei auch, dass darunter auch der Propaganda-Chef der Terrormiliz, der Österreicher Mohamed Mahmoud, sei, so er noch lebe: „Das wissen wir aber erst, wenn der Krieg aus ist“, so al-Abdullah.

Alle Akteure des syrischen Bürgerkrieges nehmen die IS-Kämpfer ins Visier: Getrennt durch den Fluss Euphrat kämpft die syrische Armee Bashar al-Assads gemeinsam mit russischen Sondereinheiten und iranischen Milizen in dieser Region gegen den „IS“. Am östlichen Ufer greifen die von den USA aufmunitionierten „Syrian Democratic Forces“ (SDF) samt französischer Spezialeinheiten sowie Luftunterstützung der irakischen Armee an. Es ist ein Wettlauf in einem Mehrfrontenkrieg, bei dem es auch um die reichen Ölfelder Syriens geht, um die Kontrolle der strategisch enorm bedeutenden Grenzregion zum Irak in der Zeit nach dem „IS“. Vor allem aber geht es darum, wer den Boss des weltweit agierenden Terrornetzwerks ergreift oder tötet. 25 Millionen Dollar Ergreifungsprämie sind auf Abu Bakr al-Baghdadi ausgesetzt. Doch er soll derzeit in seinen Verstecken seelenruhig an einem neuen Unterrichtsplan für die Kinder des „Kalifats“ feilen. „Das ist sein Lieblingsprojekt, die Ausbildung der nächsten Terror-Generation“, behauptet wenigstens der im Mai gefangen genommene IS-Terrorist Abu Zaid al-Iraqi.

Al Baghdadi am Leben

Die Metamorphose vom Staat zur Untergrundbewegung soll so vollzogen werden. Diese Aussagen decken sich mit Erkenntnissen, die der US-Geheimdienst durchsickern lässt: Ja, der Terror-Boss dürfte noch leben, heißt es, höchstwahrscheinlich ist er in Syriens Wüste, und in seiner – mutmaßlich – letzten Bastion soll er am Neuentwurf des „Islamischen Staates“ feilen. Der Grund, warum es al-Baghdadi uns seinen Mitstreitern gelungen sei, sich hier einzubunkern, seien auch „Deals“, wie Liwa al-Abdullah betont: „Das syrische Regime hat Hunderten IS-Terroristen im Großraum Damaskus freies Geleit zugesagt, wenn sie ihre Gebiete räumen. Sie sind mitsamt ihren Familien in Bussen hierher gebracht worden. Nur wenn es uns gelingt, sie aus ihren letzten Hochburgen zu vertreiben, ist der Krieg wirklich geschlagen.“

Kurdische Kämpferin

Die erst 24-jährige Elite-Kämpferin Liwa Abdullah gehört zu den Fraueneinheiten der eigentlich kurdisch geprägten „Volksverteidigungseinheiten. Dabei ist sie Araberin, stammt aus der ultrakonservativen Stadt Deir ez-Zor. Diese kurdischen Verbände kämpfen seit 2015 als zentrale Einheit der SDF quasi als Bodentruppe der internationalen Militärallianz unter Führung der USA in Nordsyrien gegen die Terrormiliz. „Operation Roundup“ wurde diese letzte Kriegs-Etappe aufseiten der SDF-US-Allianz getauft.

Sie ist auch aus Sicht der US-Armee eine gewaltige Herausforderung. „Die Kämpfe finden in einem gigantisch großen Wüstengebiet statt“, sagt Sean Ryan, Sprecher der US-Militärallianz in der Region: „Sie haben in der gesamten Ära Tunnel gegraben, kennen jeden Winkel, und es gelingt ihnen immer wieder in der Bevölkerung unterzutauchen. Wichtig ist es, endlich ihre Strukturen, ihre Kommunikationssysteme auszuhebeln.“

Erst im Juni wurde in einem eben eroberten IS-Gebiet ein Drogenversteck mit Substanzen im Verkaufs-Wert von fast einer Million Euro entdeckt: Ein Indiz dafür, wie gut das Netzwerk der IS-Terroristen noch funktioniert.

Laut dem renommierten britischen Magazin, The Economist gelingt es dem „IS“ in seinem Rest-Territorium in Syrien dazu nach wie vor, 180.000 Dollar pro Tag mit Erdöl-Verkäufen zu erzielen.

Kämpfe mit der Türkei

Doch nicht nur die Widerstandsfähigkeit des „IS“ und das zähe Terrain erschweren die Offensive in der Wüstenlandschaft: Die Kämpfe mit der Türkei um die kurdische Provinz Afrin führten dazu, dass ab Februar der militärische Druck durch die kurdisch geprägten SDF-Einheiten abnahm. „Das gab den Terroristen eine Atempause und ermöglichte es ihnen, sich neu aufzustellen“, sagt Tareq Nokschandi, Pressesprecher der SDF in Hassaka, der Hauptstadt der Region in Syriens Nordosten.

Dazu kommt, dass sich immer mehr Teile der arabischen Bevölkerung gegen die Kontrolle durch die kurdischen Milizen und die mit ihnen verbündeten US-Einheiten im Norden Syriens auflehnen. „Dies führt dazu, dass es den verbleibenden IS-Zellen gelingt, wieder Sympathien in der Bevölkerung zu gewinnen“, so Nokschandi: „Es geht darum, endlich eine langfristige Lösung für Syrien zu finden. Solange der Krieg und die Anarchie in Syrien andauert, der ja der Nährboden für die Entstehung der Terrorgruppe war, werden sie immer wieder an Kraft gewinnen.“