Irakische Truppen rückten in IS-Hochburg Tikrit vor

Die Extremisten konnten aus einem Viertel der Stadt vertrieben weden.

Irakische Truppen sind erstmals seit Beginn ihrer Offensive vor zehn Tagen in die strategisch wichtige Stadt Tikrit vorgerückt. Die Kämpfer der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) seien am Mittwoch aus dem Viertel Qadisiya vertrieben worden, erklärten ranghohe Vertreter des irakischen Militärs. In Syrien lieferte sich die Miliz Gefechte mit kurdischen Einheiten um die Stadt Ras al-Ayn.

An dem Einsatz im Norden Tikrits waren Soldaten, Polizisten und schiitische Milizen beteiligt. "Wir haben das Militärkrankenhaus unter unsere Kontrolle gebracht", sagte ein ranghoher Armeevertreter. Das zu großen Teilen eroberte Viertel im Norden der Stadt müsse nun von Sprengfallen befreit werden, zudem drohe weiterhin Gefahr durch Scharfschützen. "Wir können nur langsam vorrücken."

Die Offensive zur Rückeroberung der nördlich von Bagdad gelegenen Stadt aus den Händen der IS-Kämpfer ist der bisher größte Militäreinsatz gegen die Dschihadisten, die seit vergangenem Sommer weite Gebiete im Irak und im benachbarten Syrien kontrollieren.

Selbstmordanschläge südlich von Tikrit

Etwa 180 Kilometer südlich von Tikrit rissen IS-Kämpfer bei einer Reihe von Selbstmordanschlägen am Mittwoch mindestens zehn Menschen mit in den Tod. In Ramadi, der Hauptstadt der Provinz Anbar, ließen die Dschihadisten nach Polizeiangaben beinahe zeitgleich sieben mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge hochgehen. Ersten Erkenntnissen zufolge wurden außerdem 30 Menschen verletzt. In IS-nahen sozialen Netzwerken hieß es, unter den Selbstmordattentätern seien ein Belgier, ein Syrer und ein Kämpfer aus dem Kaukasus gewesen.

Ziel der Anschläge waren von den Regierungstruppen gehaltene Viertel im Zentrum Ramadis. Nach Polizeiangaben brachen anschließend in mehreren Gegenden Kämpfe aus. Den örtlichen Behörden zufolge gelang es den Extremisten aber nicht, weitere Teile der zwischen Armee und den IS-Dschihadisten geteilten Stadt zu erobern.

Gegenoffensive des IS in Syrien

Während der IS im Irak offenbar empfindlich getroffen wurde, begann er im Nachbarland Syrien eine Gegenoffensive gegen die kurdischen Kämpfer im Nordosten. Die IS-Kämpfer hätten am Dienstag mit Panzern und schweren Waffen die kurdischen Kräfte rings um Ras al-Ayn an der Grenze zur Türkei angegriffen, teilte die Syrische Beobachtungsgruppe für Menschenrechte mit, die sich auf ein dichtes Netz von Informanten in Syrien stützt. Auch ein Vertreter der kurdischen Verteidiger in der Region berichtete vom Kampf um Ras al-Ayn. Die Kurden hätten sich in nahe gelegene Dörfer zurückziehen müssen, sagte er. Wie viele Kämpfer auf beiden Seiten getötet wurden, war zunächst nicht klar.

Die kurdische Miliz YPG hatte im Jänner mit Unterstützung der US-Luftwaffe in einem erbitterten Kampf die Grenzstadt Kobane zurückerobert. Ende Februar meldete sie die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Tel Hamis und die Unterbrechung eines maßgeblichen Versorgungsweges der IS-Miliz. Die Kämpfer der YPG sind Beobachtern zufolge zum wichtigsten Verbündeten der US-geführten Allianz gegen die IS-Jihadisten auf syrischem Boden geworden. Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, Gegner der Extremisten hätten mit Hilfe von Luftschlägen der Anti-IS-Koalition eine wichtige IS-Verbindungsroute zwischen Syrien und dem Nordirak abgeschnitten.

Kerry wirbt für neue rechtliche Grundlage im Kampf gegen Miliz

In den USA hat US-Außenminister John Kerry im Kongress indes für eine neue rechtliche Grundlage für den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz geworben. Kerry rief das Parlament am Mittwoch auf, Präsident Barack Obama eine "Authorization for Use of Military Force" (AUMF) auszustellen, eine Vollmacht für den Einsatz militärischer Gewalt. Die Regierung brauche ein "klares Mandat" für den Militäreinsatz gegen die IS-Miliz, sagte Kerry bei einer Anhörung im Senatsausschuss für Auswärtige Beziehungen.

Die USA fliegen an der Spitze einer internationalen Koalition seit vergangenem August Luftangriffe gegen die Dschihadisten die große Gebiete in Syrien und im Irak unter ihre Kontrolle gebracht haben. Bisher stützt sich Obama auf eine nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verabschiedete AUMF. Der Kongress hatte damals während der Präsidentschaft von George W. Bush die rechtliche Grundlage für den sogenannten Krieg gegen den Terror geschaffen. Das vage gefasste Gesetz stellt dem Präsidenten praktisch einen Blankoscheck aus, um Verantwortliche für die 9/11-Attacken militärisch zu verfolgen und Anschläge ausländischer Terroristen gegen die USA zu verhindern. Allerdings ist umstritten, ob sich die AUMF nur auf den ursprünglichen Kern von Al-Kaida bezieht oder auch Ableger des Terrornetzwerks abdeckt. Das Weiße Haus argumentiert, dass die IS-Miliz aus Al-Kaida-Anhängern im Irak hervorgegangen sei.

Obama wünscht sich aber eine rechtlich eindeutige Autorisierung für den Kampf gegen die Dschihadisten. Eine "klare und formale" Unterstützung des Kongress würde außerdem die Geschlossenheit der USA in dem Konflikt unter Beweis stellen, sagte Kerry. Verteidigungsminister Ashton Carter versicherte den Senatoren, dass die geplante AUMF die Regierung nicht zu einer "dauerhaften, groß angelegten Bodenoffensive" von US-Soldaten ermächtige. Außerdem werde das Mandat auf drei Jahre beschränkt sein und müsste anschließend erneuert werden.

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