Terrormiliz erobert drei Stadtteile in Kobane
Dschihadisten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) brachten in der Nacht auf Dienstag laut Aktivisten drei Stadtteile von Kobane, das direkt an der syrisch-türkischen Grenze liegt und auch Ayn al-Arab genannt wird, unter ihre Kontrolle. Die Türkei sagte zwar ihre Unterstützung im Kampf gegen IS zu, die Entsendung von Bodentruppen ist aber weiterhin nicht beschlossen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan fordert eine Bodenoffensive, denn "der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören". Notwendig sei eine Kooperation von Truppen am Boden. Bereits bei einer Parlamentssitzung Anfang Oktober hatte der Präsident betont, dass Luftangriffe nur eine vorübergehende Lösung darstellten.
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat zum Schutz der Zivilbevölkerung in Kobane aufgerufen. In mehreren europäischen Städten, darunter auch in Wien, fanden am Montagabend Demonstrationen und Protestveranstaltungen gegen IS und zur Solidarisierung mit den kurdischen Kämpfern in Kobane statt (mehr dazu hier).
Wie ein Sprecher Bans am Montag in New York mitteilte, appellierte der Generalsekretär dringend an alle, die die Mittel dazu hätten, sofort zum Schutz der Bevölkerung Kobanes zu handeln. Diese Forderung erhob Ban vor dem Hintergrund der "groben und grausamen Verletzungen der Menschenrechte", die die Terroristengruppe während ihres "barbarischen Feldzugs" in der Region begangen habe.
Neue Luftangriffe
Die US-geführte Koalition im Kampf gegen IS hat indes am Dienstag neue Luftangriffe gegen Stellungen der Extremisten in der umkämpften syrischen Grenzstadt Kobane geflogen. Dabei wurden Ziele im Südwesten der Kurdenstadt getroffen, wie eine AFP-Reporterin von der türkischen Grenze berichtete.
Heftige Gefechte in Kobane
IS-Kämpfer sind laut Aktivisten in Randbezirke der seit Wochen umkämpften Stadt Kobane eingerückt und liefert sich heftige Gefechte mit kurdischen Kämpfern. Mustafa Bali von der kurdischen Mediengruppe "Freie Medienunion" sprach am Montagabend auf dpa-Anfrage von massiven Straßen- und Häuserkämpfen.
Kurdische Volksschutzeinheiten würden sich den Extremisten in östlichen Gebieten der Stadt entgegenstellen und Zivilisten und lokale Amtsträger zur nahe gelegenen türkischen Grenze in Sicherheit bringen. Erstmals hissten die Dschihadisten nach kurdischen Angaben ihre schwarze Fahne an einem mehrstöckigen verlassenen Wohngebäude am östlichen Rand der Ortschaft nahe der Grenze zur Türkei.
Warnung vor Massaker
Kurdische Politiker hatten wenige Stunden zuvor die internationale Gemeinschaft zum Handeln aufgerufen und vor einem Massaker gewarnt. Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde.
Die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene IS-Terrormiliz beherrscht inzwischen weite Landstriche in Syrien und im Irak. Die Extremisten stehen an mehreren Orten in Syrien auch an der Grenze der Türkei. Trotz internationaler Luftangriffe gelang es ihnen in den vergangenen Wochen, in neue Gebiete vorzurücken.
Seit Mitte September rückt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf die kurdisch-syrische Stadt Kobane vor. Kurdische Volksschutzeinheiten verteidigen die Stadt verzweifelt. Nach türkischen Regierungsangaben sind mehr als 185.000 Menschen vor den Kämpfen in der Region Kobane in die angrenzende Türkei geflohen.
Das Land hat nach offiziellen Angaben seit Beginn des Bürgerkrieges mehr als 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die humanitäre Situation an der Grenze ist kritisch und würde durch einen Fall Kobanes an den IS verschärft werden.
Die Terrormiliz konnte trotz der Luftschläge der USA und ihrer Verbündeten immer weiter auf Kobane vorrücken. Die Einnahme der Stadt wäre für den IS strategisch wichtig: Die Terrormiliz würde damit nicht nur ein großes zusammenhängendes irakisch-syrisches Gebiet, sondern auch weite Teile der Grenze zur Türkei kontrollieren.
Die kurdischen Kämpfer kritisierten von Anfang an, dass sie schlecht ausgerüstet seien und keinerlei Hilfe von außen erhielten. Der Ko-Präsident der syrischen Kurdenpartei PYD, Salih Muslim, warnte kürzlich vor einem Massaker, sollte der IS die Stadt einnehmen.
Die Volksschutzeinheiten, die Kobane verteidigen, gelten als bewaffneter Arm der PYD. Sie stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die unter anderem in der Türkei, der EU und den USA als terroristische Vereinigung geführt werden.
Die Kurden würden mit Kobane nicht nur eine Stadt verlieren. Es wäre ein herber Rückschlag für die kurdische Selbstverwaltung im Norden Syriens. Dort hatten die Kurden seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 drei selbstverwaltete Regionen etabliert - mit Kobane würden sie einen davon verlieren.
Im Bürgerkrieg galt die kurdische Enklave lange Zeit als relativ sicherer Zufluchtsort. Nach UN-Angaben waren 200.000 Menschen aus anderen Teilen Syriens dorthin geflohen. Die UN gehen davon aus, dass sich vor Beginn der heftigen Gefechte um die Region Kobane insgesamt etwa 400.000 Menschen dort aufhielten.
Rund 300 Menschen haben am Montagabend in Wien gegen den Vormarsch der Terrormiliz "Islamischer Staat" in der syrisch-kurdischen Stadt Kobane demonstriert. Die Protestveranstaltung verlief "absolut friedlich", sagte Polizei-Pressesprecher Paul Eidenberger am späten Abend. Kurz vor Mitternacht habe sich die Demonstration vor dem Parlament aufgelöst, der Ring sei wieder freigegeben worden.
Gegen 21.00 Uhr hatten sich etwa 300 Personen vor dem Parlament zu einer spontanen Kundgebung versammelt. Bei den Demonstranten habe es sich um Sympathisanten der in der nordsyrischen Grenzstadt Kobane kämpfenden Kurden gehandelt, hieß vonseiten der Pressestelle der Bundespolizeidirektion Wien.
Protest "gegen Untätigkeit des Westens"
Sie protestierten laut Polizei "'gegen die Untätigkeit des Westens'" und die Angriffe des "Islamischen Staats" (IS) gegen Kobane. "STOP ISIS - FREE KOBANE" sei auf Transparenten zu sehen gewesen. Kobane, das auch Ayn al-Arab genannt wird und direkt an der türkischen Grenze liegt, ist seit mehr als zwei Wochen Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen der IS-Miliz und den Kurden.
Bilder der Demonstration in Wien:
Die Sympathisanten der kurdischen Kämpfer forderten während der Kundgebung laut Polizei eine Aussprache mit Nationalratsabgeordneten. Wie auf bei Twitter veröffentlichten Bildern zu sehen war, kam es in der Folge zu Gesprächen zwischen ihnen und SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder sowie der Grünen Nationalratsabgeordneten Berivan Aslan. Über die Gesprächsinhalte wurden zunächst keine Details bekannt.
Den Behörden zufolge sei der Auslöser der Protestveranstaltung in Wien ein "Aufruf auf Twitter" gewesen, "dem auch Kurden in Hamburg, Berlin und anderen europäischen Städten gefolgt sein dürften". Auf Twitter waren Bilder von Demonstrationen in der Schweiz und in den Niederlanden gegen IS und zur Solidarisierung mit Kobane zu sehen. Weiteren Twitter-Einträgen zufolge fanden auch in Paris, London, Bern, Stockholm, Den Haag, Berlin, Ankara und Istanbul Proteste statt.
Parlament in Den Haag erstürmt
Im niederländischen Den Haag erstürmten Berichten zufolge dutzende Kurden das Parlament um gegen IS zu protestieren. Rund 100 Menschen besetzten den Hauptsaal des Gebäudes und hielten Transparente mit Aufschriften wie "Stop Kobani" in die Höhe. "Die Situation in Kobane gerät außer Kontrolle. IS hat die Stadt erstürmt und viele Zivilisten wurden ermordet. Wir wollen, dass der Westen mehr dafür tut, damit diese Situation in Syrien beendet wird", sagte einer der Demonstranten der Nachrichtenagentur Reuters.
Auch in Bregenz, Innsbruck und Graz sind am Montagabend Dutzende Menschen auf die Straßen gegangen, um gegen den Vormarsch des IS in Kobane zu demonstrieren. In Bregenz wurden kurze Zeit vor der Demo die Glastür und zwei Fenster des türkischen Generalkonsulats mit Steinwürfen beschädigt, teilte die Polizei am Dienstag mit.
Rund 50 Menschen beteiligten sich an der Kundgebung in Bregenz, die sich über die Arlbergstraße in Richtung Innenstadt bewegte, informierte die Landespolizeidirektion Vorarlberg. Die unangemeldete Demonstration endete um 02.30 Uhr am Kornmarktplatz. In Innsbruck gingen gegen 23.50 Uhr etwa 70 Personen auf die Straße und blockierten die Grassmayrkreuzung. Diese Kundgebung dauerte 15 Minuten, hieß es von der Landespolizeidirektion Tirol.
Ebenfalls friedlich verlief eine unangemeldete Kurden-Demonstration in Graz, wie ein Sprecher der Landespolizeidirektion Steiermark der APA am Montag in der Früh auf Anfage mitteilte.
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