Irland: Aufschwung nach der großen Krise

Der einstige Notfallpatient erholt sich rasant – die Arbeitslosigkeit sinkt, Auswanderer kehren zurück.

Wenn die Iren morgen, Dienstag, den St. Patrick’s Day begehen, wird der 27-jährige Dubliner Colin Keogh zum ersten Mal seit vielen Jahren am Nationalfeiertag in echter Feierlaune sein. Als er 2009 sein Studium abschloss, gab es in dem damals von der Krise schwer getroffenen Irland kaum Jobs für Berufseinsteiger. "Wir waren 40 Architektur-Absolventen. Nur einer fand einen Arbeitsplatz. Die Hälfte ging nach Australien", erinnert sich Keogh. Er sah sich gezwungen, nach London auszuwandern. Nach mehreren harten Jahren in schlecht bezahlten Praktika bekam Keogh vor sechs Monaten einen Vollzeit-Arbeitsplatz bei einem Internetunternehmen in Dublin. "Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Sinnlosigkeit ist endlich weg", sagt Keogh.

Kräftiges Wachstum

Ein Mann telefoniert mit einem Hörer am Ohr vor einem Computerbildschirm.
irland
Während Griechenland, Italien, Frankreich und viele andere EU-Staaten weiter tief in der Wirtschaftskrise stecken, erholt sich der einstige Notfallpatient Irland rasant. Am Donnerstag vermeldete das Statistische Zentralamt in Dublin, dass das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent gestiegen ist. Das war das kräftigste Wachstum in der gesamten EU. Die Arbeitslosigkeit ist von 15 Prozent auf dem Höhepunkt der Krise auf elf Prozent gesunken.

Das stark von Exporten abhängige Irland profitiert vor allem davon, dass seine beiden wichtigsten Handelspartner, Großbritannien und die USA, wirtschaftlich viel stärker wachsen als die meisten anderen Industrieländer. Dazu kommt, dass die irischen Konsumenten wieder mehr Geld ausgeben.

"Teurere Urlaube"

Ein Mann mit Bart steht im Freien vor einem Gebäude und Grünpflanzen.
Colin Keogh
Das spürt David O’Hagan im Reisebüro Falcon Travel im Dubliner Vorort Donabate. "Die Menschen gönnen sich wieder teurere Urlaube. Man spürt, dass die Zuversicht zurückgekehrt ist", sagt O’Hagan. In den Jahren davor hätten seine Kunden bestenfalls Billigurlaube gebucht. Und selbst diese hätten sich viele nicht leisten können. "Manche Kunden haben heuer zwei oder drei Urlaube gebucht – mit dem Argument, sie müssten sich für jene Jahre belohnen, in denen sie nicht verreist sind", erklärt der Reisebüromitarbeiter lächelnd.

Doch nicht alle spüren den Aufschwung. Als die Regierung Ende vergangenen Jahres Gebühren für den privaten Wasserverbrauch einführte, gingen Hunderttausende empört auf die Straßen. Es müsse Schluss sein mit immer neuen Sparmaßnahmen und höheren Steuern sowie Abgaben, hieß es.

Infolge der Banken- und Immobilienkrise hatten die Iren seit 2008 eine Reihe harter Einschnitte hinnehmen müssen. Im öffentlichen Dienst wurden die Gehälter um bis zu 20 Prozent gekürzt. Das Pensionsalter wurde um zwei Jahre auf 67 erhöht. Arbeitslosengeld, Familienbeihilfe und Mindestlohn wurden reduziert. All das nahmen die Iren – im Gegensatz etwa zu den Griechen – hin.

Die Reformen haben sich aus volkswirtschaftlicher Sicht ausgezahlt. Die gesunkenen Lohnstückkosten stellten die Wettbewerbsfähigkeit wieder her. Dank des flexiblen Arbeitsmarkts zögern Unternehmer nun, da es wieder aufwärts geht, nicht, neue Arbeitskräfte einzustellen. Was den Iren von der Krise bleibt, ist ein gewaltiger Schuldenberg. Dieser entspricht rund 110 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und ist einer der größten unter den EU-Staaten. Daher muss die Regierung weiter eisern sparen.

Rückkehr ins Land

Dennoch kehren viele junge Iren, die in den vergangenen Jahren ausgewandert waren, wieder in ihre Heimat zurück. Die Regierung startete vor zwei Wochen eine Initiative, um Auswanderer zurückzulocken. "Wir brauchen diese Menschen, und wir werden sie mit offenen Armen willkommen heißen", erklärte Regierungschef Enda Kenny. Auf Internetseiten erhalten Auslandsiren Tipps zur Rückkehr. Außerdem erwägt die Regierung, ihnen Steuererleichterungen zu gewähren.

Colin Keogh spürt bereits die Trendumkehr beim Thema Migration. "Viele meiner Freunde sind nach Irland zurückgekehrt. Sie sehen wieder eine Perspektive. Auch wenn sie wissen, dass sie härter arbeiten werden müssen als je zuvor."

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