Christenvertreter sind "extrem beunruhigt"
Die Vertreter der christlichen Minderheit im Irak haben die EU dringend um Hilfe gebeten. Der chaldäische Patriarch Louis Sako, die höchste christliche Autorität im Irak, und weitere Christen-Vertreter trafen am Mittwoch in Brüssel den EU-Ratspräsidenten Herman van Rompuy sowie weitere EU-Politiker.
Europäer haben moralische Pflicht
Er sei "extrem beunruhigt" über das Schicksal der Christen, die aus den von radikalsunnitischen Rebellen besetzten Gebieten fliehen, sagte Sako vor Journalisten. Er appellierte: "Die Europäer haben eine moralische Pflicht gegenüber dem Irak."
Der Erzbischof von Mossul, Johanna Petros Mutsche, sagte, alle Christen hätten die einst multireligiöse Stadt im Norden des Irak verlassen. Die chaldäische und die syrisch-orthodoxe Kirche der Stadt seien beide von Kämpfern der Gruppe Islamischer Staat (IS) besetzt. Für das von ihnen kontrollierte Gebiet rief IS einen islamischen Gottesstaat aus.
"Wir sind eine sehr verletzliche Minderheit, weil wir weder Armee noch Milizen haben", sagte Sako. Die Zahl der Christen im Irak ist nach einem Jahrzehnt des Krieges und interreligiöser Konflikte eingebrochen. Von den vor dem US-Einmarsch im Jahr 2003 im Irak lebenden mehr als eine Millionen Christen sind weniger als 400.000 noch im Land. Die meisten sind unter dem Verfolgungsdruck muslimischer Extremisten ins Ausland geflohen.
Al-Maliki sieht Kooperation Kurden und IS
Unterdessen hat der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki davor gewarnt, dass die kurdische Stadt Erbil im Norden zu einer Hochburg der Terrormiliz "IS" werden könnte. "Wir werden es niemals hinnehmen, dass Erbil eine Operationsbasis für den Islamischen Staat, für Anhänger der Baath-Partei, Al-Kaida und Terroristen wird", sagte Maliki am Mittwoch in seiner wöchentlichen Fernsehansprache.
Al-Maliki: "Schicksalshaften Kampf"
Man könne nicht verschweigen, dass die kurdischen Autonomiegebiete im Norden des Iraks zu einem Zentrum für Aktionen der Extremisten und ihrer Verbündeten geworden seien, sagte Maliki. Zugleich hielt er den Kurden vor, die Einheit des Landes zerstören zu wollen. Einige im Land sprächen täglich "ohne Scham" von der Teilung des Landes, sagte er mit Blick auf kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen. Die Regierung in Bagdad werde einen "schicksalshaften Kampf" führen, um die Einheit des Landes zu wahren.
Die Beziehungen zwischen dem Schiiten Maliki und dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan, Massud Barsani, haben sich erheblich verschlechtert. Barsani hatte vergangene Woche das kurdische Parlament aufgefordert, eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit der ölreichen Region vom Irak vorzubereiten.
Sunniten fühlen sich unterdrückt
Im Irak wachsen die Spannungen zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden. So wehrt sich Maliki gegen Forderungen auch aus dem Westen, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden und Sunniten und Kurden einzubeziehen. Viele Sunniten, die unter Saddam, das Sagen hatten, fühlen sich von der schiitisch geführten Regierung Malikis unterdrückt.
Massengrab im "Dreieck des Todes"
Am Mittwoch haben Irakische Polizisten südlich von Bagdad die Leichen von 53 gefesselten Menschen entdeckt. Die Opfer in Zivilkleidung seien in der Nähe der Stadt Hilla erschossen worden, hieß es aus irakischen Sicherheitskreisen. Die Identität der Toten sei unbekannt. Wer für die Tat verantwortlich ist, war zunächst unklar. Hilla, auch "Dreieck des Todes" (Provinz Babil) genannt, liegt rund liegt rund 100 Kilometer südlich der Hauptstadt.
Die Opfer seien offenbar gezielt ermordet worden. Sie alle hätten Schusswunden in Kopf oder Brust aufgewiesen, hieß es von der Polizei am Mittwoch. Ein Mitarbeiter einer Leichenhalle sagte, die Männer seien alle vor mindestens einer Woche getötet worden.
Seit Beginn des Vormarsches der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS), vormals unter dem Namen "Islamischer Staat im Irak und in der Levante" (ISIS/ISIL) bekannt, Anfang Juni leidet der Irak unter massiver Gewalt, der immer wieder auch Zivilisten zum Opfer fallen. IS-Milizen sind nach Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch für mehrere Massenexekutionen verantwortlich. So sollen sie in der Stadt Tikrit mindestens 160 Menschen erschossen haben. Aus mehreren Orten gab es Berichte über Hinrichtungen.
Keine Kämpfe in der Nähe des Grabes
Die Provinz Babil, deren Hauptstadt Hilla ist, ist von den Kämpfen zwischen den Jihadisten und den Regierungstruppen bisher aber weitgehend verschont geblieben. Insbesondere in der Gegend, wo das Massengrab entdeckt wurde, gab es bisher keine Kämpfe.
Allerdings war die Region in den Jahren 2006 und 2007 eine der Brennpunkte des blutigen Bürgerkriegs zwischen Schiiten und Sunniten, bei dem viele ähnliche Massaker verübt wurden. Die Region ist zwischen den Volksgruppen tief gespalten.
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