Politik | Ausland
25.08.2018

Griechenland: Ohne Hilfe der Familie geht gar nichts

Reportage aus Athen: Auch nach dem Ende der Hilfsprogramme dominieren Sorgen vor der Zukunft den Alltag der Menschen.

Griechenland habe eine lange Reise hinter sich, sei nun aber in Ithaka angekommen, sagte der griechische Premier Alexis Tsipras diese Woche in einer TV-Ansprache. Und zwar genau auf jener symbolträchtigen Insel, der Heimat Odysseus’, die dieser laut griechischer Mythologie nach zehn Jahren voller Abenteuer und Gefahren erreicht hatte.

Über diesen Vergleich können die meisten Griechen nur lachen. Die internationalen Finanzhilfen nach rund neunjähriger Schuldenkrise mögen zwar Geschichte sein, doch das sei noch lange nicht das Ende der Reise, findet etwa der 43-jährige Obsthändler Panagiotis. Der korpulente Mann preist auf dem Wochenmarkt von Sourmena im Athener Süden seine Ware an: Saftige Wassermelonen, duftende Honigmelonen und heimische Kartoffeln.

Nicht genug zum Leben

Jeden Tag sei er auf einem anderen Wochenmarkt, erzählt Panagiotis. Er müsse um drei Uhr morgens aus dem Haus, Feierabend habe er erst gegen 17 Uhr. Von seiner Arbeit leben könne er als zweifacher Vater trotzdem nicht mehr: „Ich kaufe die Wassermelonen auf dem Großmarkt um 20 Cent das Kilo und verkaufe sie hier für 29 Cent das Kilo. Doch von diesen neun Cent Gewinn bleibt kaum etwas übrig.“ Rund 80 Prozent seines Einkommens ginge für Steuern und Kassenbeiträge drauf, sagt Panagiotis.

Jede Renten- und Gehaltskürzung der letzten Jahre habe sich sofort auf seinen Umsatz niedergeschlagen, sagt der Händler: „Früher kauften meine Stammkunden drei Kilo Kartoffeln, ohne groß auf den Preis zu schauen. Heute schauen sie erstmal auf ihr Kleingeld und kaufen dann nur das Allernötigste.“

„So ist es,“ mischt sich ein älterer Mann ein. Der Obsthändler begrüßt ihn herzlich: „Was soll es diesmal sein, Herr Babis?“ – „Ich brauche noch ein paar Kartoffeln, meine Frau möchte Gemüsesuppe machen“, sagt der 80-jährige Rentner. Vor der ersten Rentenkürzung zu Beginn der Krise bekam er 1500 Euro Rente. Vierzig Jahre habe er dafür in die Rentenkasse eingezahlt.

Heute bekommt Babis um die 900 Euro. „Das klingt im Vergleich zu noch kleineren Renten viel, aber das Geld wird schon Mitte des Monats knapp.“ Neben seiner Miete und den anderen Ausgaben, die ein Zwei-Personen-Haushalt habe, müsse er mit seiner Rente auch seine erwachsenen Kinder unterstützen, sagt Babis. „Das tun fast alle griechischen Rentner.“

Junge Leute hätten es auf dem Arbeitsmarkt momentan sehr schwer, auch seine derzeit arbeitslose Tochter: „Die Arbeitgeber nutzen die Not der jungen Leute komplett aus. Sie sagen: Hier, ich gebe dir dreihundert Euro im Monat, bei der Rentenkasse kann ich aber nur 150 Euro angeben.“ Die jungen Leute verschwinden von der Arbeitslosenstatistik, könnten aber ohne die Hilfe der Familie nicht über die Runden kommen.

Ein paar Schritte weiter, am Rande des Wochenmarkts, verteilt der 32-jährige Dimitris mit zwei Mitstreitern Flugblätter. Er gehöre einer Bürgerinitiative an, die gegen die Sparpolitik kämpfe, sagt der schlanke Mann im braunen Polo-Shirt. Gerade werde eine Protestaktion vor dem staatlichen Krankenhaus im Nachbarort Voula organisiert, sagt er und listet gravierende Probleme auf: Rund 350 unbesetzte Stellen beim Krankenhauspersonal, Medikamentenknappheit, medizinische Geräte, die immer wieder ausfallen. „Das kann so nicht weitergehen. Die Sparpakete machten vor nichts halt, auch nicht vor dem Gesundheitssystem“. Und das werde sich auch jetzt nicht ändern, glaubt Dimitris. Schließlich müsse die Regierung weiter sparen, um die Wirtschaftsziele der nächsten Jahre, zum Beispiel hohe Haushaltsüberschüsse, zu erreichen.

Ingenieur wäscht Teller

Er persönlich spüre keine Veränderung, sagt der Diplom-Ingenieur: „Ich arbeite im Moment als Tellerwäscher. Immer wieder gibt es Zeiten, wo ich arbeitslos bin, dann finde ich wieder solche Gelegenheitsjobs. Und so ist es bei vielen meiner Bekannten.“ Wenn das der Aufschwung sei, auf den die Regierung setze, könne er gut darauf verzichten.

Viele seiner Freunde hätten ihre Hoffnungen auf die heutige linke Syriza-Regierung gesetzt, die vor den Wahlen 2015 ein Leben ohne Sparpakete versprochen hatte, sagt er. Er sei darauf aber nicht reingefallen. „Sie waren ja von Anfang an eindeutig für den Verbleib im Euroraum und der EU und wollten das herrschende System in Europa durchbrechen. Das System kann man aber nicht nach seinen Wünschen ändern, entweder fügt man sich oder nimmt einen anderen Weg.“

Im Notfall eben ein Ausstieg auf dem Euro? Er jedenfalls hätte es riskiert, sagt Dimitris, hatte deshalb beim Referendum 2015 mit der Fragestellung „Neues Sparpaket: Ja oder nein?“ mit Nein gestimmt – wie fast 62 Prozent der Griechen. Warum die Regierung dann doch ein neues Sparpaket akzeptierte? „Alexis (Tsipras, Anm.) hat eben weiche Knie bekommen.“

„Almosen“

„Unser Premier hätte gehobenen Hauptes zu den Geldgebern gehen müssen und sagen müssen: Mein Volk sagt Nein, ich unterzeichne so ein Sparpaket nicht“, meint auch Obsthändler Panagiotis. Er selbst habe der linken Syriza bis dahin vertraut, sagt er.

Jetzt sei er gespannt, welche Almosen die „positiven Maßnahmen“ sein werden, die Tsipras bald ankündigen wolle, um die Bevölkerung gnädig zu stimmen. Eine Politik, die die Menschen in Griechenland langfristig aufatmen lässt, erwartet auch Rentner Babis nicht. Seine Pension soll Anfang 2019 nochmals sinken. Er lächelt: „Sie sehen! In Ithaka angekommen sind wir noch lange nicht.“

Rodothea Seralidou