"Ich will keine einfachen Lösungen"
Sie sind voller Hoffnung für ihre Zukunft, jung und politisch aktiv – nicht nur, weil Ende Jänner vorgezogene Parlamentswahlen sind. Vier Stände politischer Parteien sind gleich am Eingang der Athener Universität aufgestellt. Junge Menschen verteilen Infoblätter und diskutieren lebhaft in Gruppen. "Dort die Konservativen von Nea Demokratia; der gelb-rote Tisch da gehört der Syriza-Fraktion – es ist aber gerade keiner da. Und in der Ecke ist eine kleine kommunistische Partei, für Marxisten. Sie sind aber unwichtig und nicht einmal im Parlament", erklärt Despina. Die 20-jährige Jusstudentin betreut selbst den Stand der Griechischen Kommunistischen Partei KKE.
Arbeiten ohne Lohn
Despina ist im dritten Semester ihres Studiums und sieht keinen Widerspruch zwischen dem Juristenberuf, den sie anstrebt, und ihren linken Ansichten: "In unserer Fraktion kommen alle aus Arbeiterfamilien. Meine Mutter zum Beispiel ist Lehrerin. Außerdem sind Rechtsanwälte auch nur Arbeiter, sie sind auch zwölf Stunden am Tag im Büro". Dazu erhalte man in Griechenland in einer Kanzlei als Berufseinsteiger in den ersten Jahren nur 300 bis 400 Euro Gehalt, oft auch gar nichts.
Trotzdem blickt Despina eher zuversichtlich in die Zukunft und hat nicht vor, auszuwandern. "Ich will mein Land nicht verlassen. Warum soll ich das tun?", sagt sie. Eines Tages werde alles wieder gut in Griechenland. Für die momentane Lage sei das Großkapital verantwortlich, meint sie, getreu den Ideen ihrer Partei. Dabei sei die EU nicht unschuldig: "Die EU versucht nicht dem griechischen Volk zu helfen, sondern dem griechischen Kapital", meint Despina.
"Die Neuwahlen sind absolut notwendig", sagt der 18-jährige Apostolos, auch ein Jusstudent, während er auf der Straße vor dem Uni-Gebäude in der Pause zwischen Vorlesungen ein Stück Pizza isst. "Wir müssen einfach irgendwie aus der jetzigen Situation herauskommen und die politische Landschaft verändern. Die alten Kräfte, und insbesondere PASOK, werden hoch verlieren", sagt er voraus. " Syriza gewinnt am 25.", zeigt sich seine Bekannte, Nicole, überzeugt. "Einige glauben, das wird zu einer Katastrophe führen, aber ich glaube, alles wird doch gut", sagt die 19-jährige Studentin. Beide haben nicht vor, nach ihrem Studium auszuwandern. "Nein, ich will keine einfachen Lösungen und möchte es hier versuchen, ich werde kämpfen", verkündet Apostolos.
Zukunftsängste
Solcher Optimismus unter den Jugendlichen sei heute in Griechenland eher die Ausnahme, meint die Psychologin Fotini Tsalikoglou, die ebenfalls an der Athener Universität unterrichtet. "Eine große Zahl von Studenten sieht keine Zukunft für sich hier. Sie fürchten, dass sie nach dem Studium keinen Job bekommen", sagte Tsalikoglou zum KURIER.
Zudem glauben viele junge Griechen nicht, dass ihre Jobaussichten ihren Wünschen entsprechen werden. "Es ist deprimierend: Man kann es sich nicht leisten, aus dem Elternhaus auszuziehen, hat kein Geld zum Heiraten oder um eigene Kinder zu haben", erklärt die Psychologin.
Auch die Statistiken malen ein düsteres Bild. Laut Eurostat waren fast 50 Prozent der Griechen im Alter bis 25 ohne Arbeit. Im selben Zeitraum lag die Jugend-Arbeitslosenrate in Österreich bei knapp zehn Prozent.
"Mein persönlicher Plan ist, in Griechenland zu bleiben", sagt Sarandis, ein 17-jähriger Jusstudent: "Ich will eine bessere Zukunft für dieses Land. Wir haben viel zu viele gebildete junge Menschen, die nach Deutschland, Österreich und in die USA gegangen sind, statt hier zu bleiben und Griechenland zu helfen, aus der Krise herauszukommen". Politisch brauche sein Land vor allem Stabilität: "Die Wahlergebnisse sollten uns Standfestigkeit bringen; stattdessen leider, wie wir alle schon sehen, bevorzugen die Griechen aber etwas ganz anderes – den Herrn Alexis Tsipras und sein radikales linkes Bündnis Syriza."
Am 25. Jänner wird auch die 18-jährige Elena ihre Stimme abgeben – zum ersten Mal. Sie sieht das gelassen und geht ihre Bürgerpflicht pragmatisch an. Sie habe vor, das geringere Übel zu wählen, sagt die Studentin, die sich mit Schifffahrt beschäftigt: "Unser Land befindet sich in einer sehr gefährlichen Situation und keine Partei kann das gutmachen, aber mit der konservativen Nea Demokratia bleibt die Lage zumindest stabil."
"Die letzten drei bis vier Jahre waren eine sehr düstere Zeit für alle Griechen", sagt Tsalikoglou. Es gebe eine Verbitterung sowohl der EU als auch der eigenen Regierung gegenüber. Trotzdem versuche man optimistisch in die Zukunft zu blicken: "Ein Mensch kann einfach nicht lange ohne Hoffnung leben."
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