Zuwanderer aus Afrika werden von der Schweiz abgewiesen und landen am Comer See.

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Politik | Ausland
09/07/2016

Gestrandet im Villenviertel

Afrikanische Migranten am Comer See. Marine vor libyscher Küste.

Exklusive Villen und opulente Gärten reihen sich an den Hängen von Como. Die kleine Stadt am Comer See avancierte nicht erst seit Hollywood-Star George Clooney, der sich hier eine Ferienvilla zulegte, zum Refugium der Reichen und Schönen. Seit zwei Monaten bekommt die elegante Stadt die Auswirkungen einer rigorosen EU-Grenzpolitik hautnah zu spüren. Hunderte afrikanische Flüchtlinge, die über die Schweiz nach Deutschland, Frankreich und Nordeuropa gelangen möchten, sind am Bahnhof von Como gestrandet.

Die Schweizer Behörden weisen die Afrikaner streng nach den Dublin-Regeln wiederholt an der Grenze ab und schicken sie zurück.

Seit Sonntagabend sind rund dreihundert Flüchtlinge in den Hungerstreik getreten. Sie protestieren gegen die ausweglose Situation. In der Mensa der Caritas wären gestern nur 100 Leute gewesen, berichtet Caritas-Leiter in Como, Roberto Bernasconi. Normalerweise kamen bisher rund 400 Flüchtlinge in die Mensa der katholischen Einrichtung unweit des Bahnhofs.

Container-Dorf

Bis Mitte September sollen Wohncontainer auf einem ehemaligen Auto-Abstellplatz in der Nähe des zentralen Friedhofs errichtet werden. Die ersten Mobilheime dürften diese Woche eintreffen. Rund 300 Flüchtlinge sollen darin untergebracht werden, wodurch sich die Lage am Bahnhof entspannen wird. Ob es sich dabei um eine dauerhafte oder eine vorübergehende Lösung handelt, ist offen. Der Bürgermeister von Como und Vertreter der Demokratischen Partei, Mario Lucini, schätzt, dass die Container bis zu zwei Jahren bleiben werden.

Die ausländerfeindliche Lega Nord, die in Como auf viele Wähler zählt, protestiert heftig gegen das "Barackendorf". "Es ist falsch, hier auf ewig Hunderte Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen, die kein Recht haben hier zu leben. Das löst nicht das Problem, im Gegenteil es wird dadurch verschärft, und den Preis zahlen die Bewohner von Como", kritisiert eine Lega-Politikerin.

Die italienische Marine ist vor der libyschen Küste im Dauereinsatz. 2700 Bootsflüchtlinge konnten zu Wochenbeginn bei der Mittelmeer-Überfahrt nach Sizilien aus Seenot gerettet werden, für 15 Flüchtlinge kam jede Hilfe zu spät. Die Menschen befanden sich auf 19 überlasteten Schlauchbooten und vier kleinen Schiffen. Die private Hilfsorganisation Moas mit Sitz in Malta und das Rote Kreuz arbeiten ebenfalls auf Hochtouren.

Der letzte Einsatz war besonders dramatisch, wie ein Moas-Sprecher erzählt: "Wir näherten uns einem völlig überfüllten Schlauchboot. Plötzlich brach Panik unter den Menschen aus, die ins Wasser sprangen, um schnell auf das Rettungsboot zu gelangen." Mitglieder der Moas-Crew seien ins Wasser gesprungen, um die Flüchtlinge zu retten. 134 konnten demnach in Sicherheit gebracht werden, für fünf Frauen und zwei Männer kam jede Hilfe zu spät.

Keine Rekordwelle

Bis Ende August 2016 gelangten laut Innenministerium 107.089 Menschen über die Mittelmeerroute nach Italien. Entgegen Prognosen vom "Rekord-Flüchtlingsansturm" dürften laut Schätzungen die Zahlen im Gesamtjahr 2016 jenen der Vorjahre entsprechen.

Der Großteil der Menschen, die die Mittelmeerroute in Richtung Europa wählen, stammt aus Nigeria und Eritrea. Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Irak oder Afghanistan sind kaum dabei.