Politik | Ausland 05.12.2011

Gaddafi-Regime: Folter und Vergewaltigung

Ein US-Filmemacher berichtet von monatelanger Einzelhaft, Ex-Leibwächterinnen von Vergewaltigung. Laut Rebellen kamen 50.000 Menschen ums Leben.

In Libyen ist eskaliert die humanitäre Situation, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ruft zu schneller Hilfe auf. Die Rebellen geben an, dass seit Beginn des Aufstandes mindestens 50.000 Menschen starben. Dass das Gaddafi-Regime nicht zimperlich mit Menschenleben umgeht, zeigt auch das Schicksal des US-amerikanischen Filmemachers Matthew VanDyke.

Die libysche Stadt Brega, März 2011: VanDyke fotografiert einen Kellner. Dann wird es dunkel um den 32-Jährigen. Als er aufwacht, befindet er sich in einer Zelle und hört aus dem Raum über ihm, wie ein Mensch gefoltert wird. VanDyke ist Gefangener des um seine Macht ringenden Diktators Gaddafi. Sechs Monate bekommt er die Grausamkeit des Regimes zu spüren, einzig der Gedanke an seine Familie und sein Glaube helfen ihm, zu überleben.

Nach der ersten Nacht wird VanDyke in ein Gefängnis nach Tripolis gebracht, wo er die nächsten 85 Tage in einem nur zwei Quadratmeter großen, betonierten Raum verbringt. Die einzige Lichtquelle ist eine Luke mit gut 20 Zentimetern Durchmesser. "Ich starrte den ganzen Tag auf die Wand", beschrieb VanDyke nun dem britischen Guardian. Als er einmal eine Packung Milch bekam, "war es ein richtiges Vergnügen, die Aufschrift zu lesen". Drei Mal am Tag durfte er die Zelle verlassen, um auf die Toilette zu gehen. "Ich wäre lieber jeden Tag geschlagen worden, als in Einzelhaft zu leben, weil einen das psychisch ruiniert. Ich hatte keine Vorstellung, was ein Gehirn in so einer Situation hervorbringt."

Selbstmord

Gaddafi umgab sich mit weiblichen Leibwächtern, die er auch im Ausland gerne präsentierte. Fünf sagten nun, von Gaddafi und seinen Getreuen wiederholt vergewaltigt worden zu sein.
© Bild: epa

VanDyke glaubte, seine Heimat nie wiederzusehen - und bereitete seinen Selbstmord vor. "Ich dachte: Sollte ich diese Entscheidung treffen, will ich dazu in der Lage sein." Er trennte Garn aus seiner Decke, machte daraus ein Armband, einen Ball zum Spielen - und einen Gürtel. "Und ich versteckte einen Plastiksack vor den Wächtern", so VanDyke.

Vorige Woche, als Tripolis fiel, hörte er aufgeregte Schreie im Gefängnis von Abu Salim, in das er 76 Tage zuvor verlegt worden war. "Jemand schlug das Schloss von der Zellentür", erzählt VanDyke, der zu dem Zeitpunkt mit seinem Leben abschloss. Es waren aber Rebellen. "Sie riefen: Gaddafi ist am Ende! Gehen wir!" In Freiheit rief er sofort seine Mutter und seine Freundin an. Zurück in die USA will er aber erst, wenn er herausgefunden hat, was mit seinen drei libyschen Freunden passiert ist.

"Amazonen"-Truppe

Gaddafi umgab sich mit weiblichen Leibwächtern, die er auch im Ausland gerne präsentierte. Fünf sagten nun, von Gaddafi und seinen Getreuen wiederholt vergewaltigt worden zu sein.
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Unvorstellbares schildern auch frühere weibliche Leibwachen Gaddafis. Dieser hatte sich seit den 80er-Jahren von einer 40-köpfigen "Amazonen"-Truppe schützen lassen. Stets so prunkvoll gekleidet wie ihr Chef, war ihr Leben bei Weitem nicht so glanzvoll, wie Gaddafi gern betonte. Wie der libysche Psychologe Seham Sergewa berichtete, sagten fünf Bodyguards, sie seien wiederholt vergewaltigt worden. Gaddafi habe sich an ihnen vergangen und sie an seine Söhne "weitergereicht", diese an Militärs - so lange, bis die Männer "gelangweilt" gewesen seien.

Eine der Frauen sagte zudem, sie sei gezwungen worden, als Leibwächterin zu arbeiten. Ihrem Bruder war vorgeworfen worden, Drogen geschmuggelt zu haben. Darauf sei sie vor die Wahl gestellt worden: Entweder sie diene Gaddafi oder ihr Bruder gehe ins Gefängnis. Psychologe Sergewa will die Aussagen gegen Gaddafi verwenden, falls dieser vor ein Tribunal kommen sollte.

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( KURIER/KURIER.at ) Erstellt am 05.12.2011