Putin (li.) und Erdoğan: „Allianz zweier Einsamkeiten“, so ein Experte.

© APA/AFP/OZAN KOSE

Treffen in Istanbul
10/10/2016

Erdoğan und Putin: Bekenntnis zu geplanter Turkish Stream

Der starke Mann am Bosporus und der Kremlchef zelebrieren ihre Freundschaft.

Ihre neue Freundschaft demonstrierten gestern die Präsidenten Tayyip Erdoğan (Türkei) und Wladimir Putin (Russland). Der Kreml-Chef traf beim Energie-Weltkongress mit dem "Sultan" zusammen. Zuvor war im August die Eiszeit zwischen den zwei Staaten beendet worden, die nach dem Abschuss eines russischen Militärjets durch die Türkei Ende 2015 begonnen hatte. Moskau legte damals u.a. den Bau des AKW Akkuyu an der türkischen Mittelmeerküste auf Eis, verhängte einen Einfuhrstopp für Obst und Gemüse aus der Türkei und "empfahl" Reiseveranstaltern wie Airlines, die Türkei zu meiden. Die türkischen Hotels hatten Leerstände von bis zu 80 Prozent.

Energie-Partnerschaft

Jetzt scheint alles wieder in Ordnung zu sein. Russische Urlauber kommen wieder, und Putin bekannte sich gestern klar zum Projekt Turkstream – mit dem soll Gas aus Russland über das Schwarze Meer und die Türkei unter Umgehung der Ukraine nach Europa befördert werden. Russland werde mit allen Energie-Partnern gleichberechtigt kooperieren, so Putin. Das betreffe auch das Ostsee-Projekt Nordstream. Erdoğan kündigte umfangreiche Investitionen im Energiebereich an. Die Türkei wolle "einen Beitrag zur Erdgas-Versorgungssicherheit Europas" leisten.

Bei einem Vier-Augen-Gespräch stand danach der Bürgerkrieg in Syrien auf der Agenda, in dem Ankara und Moskau unterschiedliche Positionen vertreten: Die Türkei will Präsident Assad von der Macht entfernen, der Kreml stützt ihn.

Syrien

Was Letzteres betrifft, hielt Veronika Kraschenninikowa, Chefin des Instituts für außenpolitische Studien, einen Durchbruch für unwahrscheinlich. Die Türkei sei zu lange und zu tief in den Konflikt involviert. Es gebe aber Gerüchte über ein Treffen Assad-Erdoğan in Russland, bei dem Putin zeitweilig als Vermittler am Tisch sitzen soll. Das, so Kraschenninikowa, wäre ein großer Schritt nach vorn und würde vor allem dem syrischen Volk helfen.

Beobachter glauben aber, dass die Männerfreundschaft eine geringe Halbwertszeit habe. Politologe Michail Rostowski spricht von einer "Allianz zweier Einsamkeiten". Seit den Massenverfolgungen nach dem Putschversuch sei Ankara international ähnlich isoliert wie Moskau. Beide hätten nicht nur den Westen, sondern – jedoch aus unterschiedlichen Gründen – auch die meisten Nahost-Staaten gegen sich aufgebracht.

Mit Blick auf die NATO

Ein NATO-Austritt der Türkei, wie er durch die Fieber-Fantasien russischer Patrioten geistert, sei dennoch irreal. Schon deshalb, weil Erdoğan dafür zu Hause keine Mehrheit finden würde. Pro-atlantische Orientierung gehöre zur DNA der türkischen Streitkräfte. Bei einer Abkehr könnte das Militär mit einem neuen Putschversuch reagieren, der erfolgreich sein könnte. Mit der Türkei, glaubt Balkan-Experte Artjom Ulunjan, werde es in der NATO jedoch künftig ein Gegengewicht zu den russophoben Balten und Polen geben.

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