Ist der Fall Epstein die Bestätigung aller Verschwörungsmythen?
Michael Butter ist Experte in Sachen Verschwörungserzählungen. Im Interview spricht der Forscher der Uni Tübingen darüber, ob der Fall Epstein in diese Kategorie fällt und ob er unsere Wahrnehmung verändert.
KURIER: Globale Eliten, die heimlich junge Frauen verschleppen und missbrauchen – der Fall Epstein klingt wie die klassische Verschwörungserzählung. Hatten die Schwurbler der letzten Jahre doch recht?
Michael Butter: Nein, das nicht. Einige Dinge unterscheiden den Fall Epstein von typischen Verschwörungstheorien – dabei wird üblicherweise ein perfider Plan verfolgt, der über reinen Missbrauch hinausgeht. Etwa Einwanderung zu lenken oder jemandem die Wahl zu stehlen.
Auffällig sind aber die Parallelen zu Pizza Gate (Anm: führende Demokraten rund um Hillary Clinton sollen einen Kinderhändlerring aus einer Pizzeria betreiben). Das war aber keine typische Verschwörungstheorie, sondern diente dazu, Clinton vor der Wahl 2016 zu delegitimieren. Pizza Gate und der Fall Epstein speisen sich jedoch aus demselben kulturellen Unbehagen: einem Misstrauen gegenüber Eliten, die sich nicht mehr für ihre Landsleute interessieren und so gut vernetzt sind, dass sie von nichts mehr berührt werden.
Ein Bild Donald Trumps aus den Akten.
Woher kommt dieses Unbehagen?
Das ist noch kaum erforscht, aber die Wirtschaftskrise 2008/2009 in den USA ist ein entscheidender Moment. Auch der Aufstieg Donald Trumps ist so erklärbar. Damals wurden die Banken gerettet, aber viele Leute konnten ihre Kredite nicht mehr bezahlen. Seither macht sich ein populistisches "Wir gegen die"-Gefühl breit – manche Leute werden immer reicher und werden vom Staat geschützt, der Rest bleibt auf der Strecke. Verschwörungstheoretisch wird das dann gerne mit Vorwürfen der sexuellen Devianz verknüpft, das ist seit Jahrhunderten so.
Verschwörungstheorien gibt es also schon so lange?
Ja, seit der frühen Neuzeit, in der westlichen Welt seit dem 16. Jahrhundert. Schon die Puritaner schrieben den Katholiken ordinäre Dinge zu - Antikatholizismus war deren Pornographie.
Bis in die 1950er waren solche Erzählungen viel etablierter als in den letzten Jahrzehnten. In den USA und Europa war es normal, an Verschwörungstheorien zu glauben. Der Prozess der Stigmatisierung setzte erst danach ein. In Europa ist das bis jetzt so, in den USA wurden Verschwörungsmythen seit der Wahl Obamas und dem Aufkommen der Tea Party aber langsam wieder legitimiert.
Das Elite-Pädophilen-Netzwerk: Hier wird behauptet, Epstein sei Teil eines globalen Rings gewesen, in dem Politiker, Unternehmer und Prominente systematisch Minderjährige missbrauchten – oft verbunden mit der Annahme, es gebe umfangreiche Erpressungsakten, mit denen Eliten kontrolliert würden. Diese Erzählung überschneidet sich mit Motiven aus Pizzagate und QAnon.
QAnon ist eine seit 2017 verbreitete Verschwörungserzählung aus den USA. Ausgangspunkt waren anonyme Beiträge eines Nutzers namens „Q“, der behauptete, Zugang zu geheimen Informationen aus dem Umfeld von Präsident Donald Trump zu haben. Kern der Erzählung ist die Behauptung, eine globale Elite aus Politikern, Hollywood-Stars und Wirtschaftsführern betreibe einen geheimen Kinderhändlerring und kontrolliere Staat und Medien („Deep State“). Trump werde – so die Theorie – im Hintergrund gegen dieses Netzwerk kämpfen und eines Tages in einer großen Verhaftungswelle („The Storm“) abrechnen.
Pizzagate“ war eine 2016 in den USA verbreitete Verschwörungserzählung, wonach führende Demokraten aus dem Umfeld von Hillary Clinton einen Kinderhändlerring aus einer Pizzeria in Washington betrieben hätten. Ausgangspunkt waren aus dem Kontext gerissene E-Mails aus dem gehackten Clinton-Wahlkampfteam, die im Internet als „Code“ für Missbrauch interpretiert wurden.
Epstein wurde zum Schweigen gebracht: Nach seinem Tod 2019 im Gefängnis kursierte rasch die Behauptung, er sei ermordet worden, um mächtige Mitwisser zu schützen. Verdächtigt wurden – je nach politischem Lager – die Clintons, Donald Trump, Geheimdienste oder internationale Eliten. Offiziell wurde sein Tod als Suizid eingestuft, doch Zweifel an den Haftbedingungen und Fehler bei den Videoaufzeichnungen nährten Spekulationen.
Donald Trump hat Wahlen damit gewonnen, gegen diese verdorbenen Eliten zu wettern – obwohl er Teil dieser Netzwerke ist. Wie passt das zu zusammen? Und warum perlt auch jetzt alles an ihm ab?
Die jüngsten Enthüllungen können ihm wenig anhaben, das stimmt. Aber es gab auch Momente, wo er unter Druck stand – als im Herbst dieses Birthday Book an Epstein veröffentlicht wurde, wo seine Unterschrift so aussieht wie das Schamhaar einer Frau. Trump kann sich natürlich nicht hinstellen wie Obama, der die Vorwürfe zu seiner Geburtsurkunde eine blöde Verschwörungstheorie nannte. Wer Verschwörungstheorien zehn Jahre lang so systematisch bedient hat wie er, kann das nicht.
Aber es scheint einfach, als gäbe es keine Smoking Gun gegen ihn in den Epstein-Files. Er wirkt wie einer unter vielen, die ein bisschen etwas wussten. Derzeit haben die Akten ihm darum mehr genutzt als geschadet, weil weniger über Minneapolis und über ICE gesprochen wird.
War es Strategie, dass das Justizministerium die Akten häppchenweise, geschwärzt und mit ungepixelten Bildern der Opfer zu veröffentlichte?
Ich glaube, da steckt Strategie dahinter – und ein bisschen Unfähigkeit. Der Zeitpunkt und dass die Akten stückchenweise und ohne Index veröffentlicht wurden, sollte wohl die Aufmerksamkeit von Minneapolis und ICE weglenken. Dass man gleichzeitig Akten zurückziehen muss, weil der Opferschutz nicht gewährleistet ist, ist eher Dummheit.
Es heißt stets, Verschwörungstheorien können deswegen nicht funktionieren, weil bei so vielen Mitwissern ja einer reden muss. Bei Epstein wussten viele davon, schwiegen aber trotzdem.
Das unterscheidet den Fall auch von typischen Verschwörungstheorien. Es steckt kein großer, perfider Plan dahinter, wie etwa die Anschläge von 9/11 zu inszenieren oder eine Wahl zu stehlen, sondern es ging „nur“ um Pädophilie und sexuellen Missbrauch. Dazu kommt, dass Mitwisser vor zwei, drei Jahrzehnten die Dinge noch ganz anders bewerteten als heute, vor allem ältere Männer fanden wahrscheinlich wenig dabei. Und viele hatten auch Angst, dass etwas auf sie zurückfällt, wenn sie etwas sagen.
Einen solchen Zirkel des Schweigens gab es auch um Joe Biden am Ende seiner Amtszeit. Sein engstes Umfeld wusste, dass er komplett unfähig ist, das Amt auszuüben, doch sie schwiege aus Angst, Schaden anzurichten. Das hatte natürlich eine ganz andere Motivation als bei Epstein.
Hat der Fall die Wahrnehmungsgrenze zwischen Echt und Fake nochmals verschoben? Auf Social Media kursieren unglaublich viele Falschmeldungen zu Epstein.
Ich glaube nicht, dass dadurch mehr Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Man sieht letztlich das, was man ohnehin sehen möchte - Leute, die immer an Verschwörungsmythen glaubten, fühlen sich nun bestätigt, andere sehen das differenzierter.
Wünschenswert wäre, dass man dadurch Verschwörungstheorien als Symptom eines gesellschaftlichen Unbehagens wahrnimmt und die Menschen, die an sie glauben, nicht von vornherein als komplett irre abtut. Gerade in Deutschland gibt es einen sehr abgrenzenden, alarmistischen Diskurs über Verschwörungstheorien – man muss sich fragen, warum die Leute an so einen Unsinn glauben. Es gibt einen Frust über die Narrenfreiheit mancher Eliten – und es gibt diese Elitennetzwerke, auch wenn sie keine Verschwörungen sind.
Gibt es politische Nutznießer der Epstein-Files?
Möglich ist ein Effekt auf die Zwischenwahlen in den US. Wenn einige Trump-Wähler Trump einfach nicht mehr zur Wahl gehen, macht das bei dem engen Rennen einen Unterschied. Viele sind auch frustriert wegen der Inflation.
Wie wird man denn eigentlich zum Verschwörungstheoretiker? Wer ist denn besonders anfällig?
Wir alle. Laut Studien sind das Alte wie Junge, Frauen wie Männer, Reiche wie Arme, Liberale wie politische Extremisten. Besonders anfällig sind wir, wenn die Dinge in unser Weltbild passen, den Russen oder den Republikanern wird bei uns schnell mal etwas zugetraut. Man schiebt dann die Wahlniederlage Hillary Clintons auf russische Fake News und nicht, dass sie im Wahlkampf nie in Wisconsin war.
Kommentare