Politik | Ausland
30.05.2018

Familiäre Wurzeln: Van der Bellen besucht Estland

Die sowjetische Besetzung beendete 1940 die estnische Managerkarriere vom Vater des Bundespräsidenten.

Eine besondere Rolle beim am Mittwochabend beginnenden Besuch Alexander Van der Bellens in Estland spielen seine estnischen Wurzeln - die Eltern des österreichischen Bundespräsidenten lebten nach der Oktoberrevolution und bis 1941 in der baltischen Republik. Insgesamt kann die aus den Niederlanden gebürtige Familie aber auf eine mehr als zweihundertjährige Geschichte in Estland zurückblicken.

Die Geschichte der Van der Bellens im Baltikum beginnt im späten 18. Jahrhundert: Zwei holländische Brüder, Abraham und Isaak, tauchten im Nordwesten des damaligen russischen Zarenreichs auf. Isaak und seine Nachkommen werden auf dem Gebiet des heutigen Estlands heimisch, sie reüssieren in bürgerlichen Berufen. Abraham zieht es indes weiter in das nahe russische Pskow, wo er laut Recherchen des russischen Historikers Waleri Kusmin bereits kurze Zeit später als Militärarzt während der napoleonischen Kriege Karriere machte.

Innerhalb von zwei Generationen wird der Pskower Zweig der Familie, dem auch der Bundespräsident entspringen sollte, zu einem politischen Faktor im russischen Nordwesten: Abrahams Enkel, der liberale Aristokrat Alexander, avanciert 1913 zum Vorsitzenden eines einflussreichen Selbstverwaltungsgremiums von Großgrundbesitzern. Nach der Februarrevolution des Jahres 1917 amtiert er wenige Monate lang als "Kommissar der Übergangsregierung" und ist damit Regierungschef im Gouvernement Pskow. Die Machtergreifung der Bolschewiken beendet kurze Zeit später jedoch den Höhenflug der russischen Van der Bellens, die mehrheitlich Sowjetrussland verlassen sollten.

Großvater floh 1919

Ex-Kommissar Alexander senior flieht 1919 mit seiner Familie in das benachbarte Estland. Das Land hatte 1918 seine Unabhängigkeit erklärt, die es 1919-1920 in einem Krieg mit den Sowjets auch durchsetzen konnte.

Sein Sohn Alexander junior, der Vater des österreichischen Politikers, muss ganz von vorne beginnen: Nach politischem Engagement für russische Studenten im Exil beschäftigt sich der Wirtschaftsstudent mit Holzhandel, in den Neunzehndreißiger-Jahren wird er zum Spitzenmanager einer internationalen Bank in Tallinn. Auch seine Integration verläuft erfolgreich: Nach langer Staatenlosigkeit erhält er 1934 die estnische Staatsbürgerschaft.

Doch die große Politik sorgt für Ungemach: Im geheimen Zusatzprotokoll des Molotow-Ribbentrop-Paktes sprechen Nazideutschland und die Sowjetunion den unabhängigen estnischen Staat der sowjetischen Einflusssphäre zu. Am 17. Juni 1940 marschieren sowjetische Truppen in der Hauptstadt ein. Für Van der Bellen wird es zunehmend eng - die Einführung eines kommunistischen Wirtschaftssystems verunmöglicht eine Tätigkeit als Bankmanager und laut familiärer Überlieferung macht auch der sowjetische Geheimdienst NKWD Druck. Anfang 1941 nützt Alexander Van der Bellen senior daher eine der letzten Möglichkeiten, sich und die meisten seiner Familienangehörigen als vermeintliche Deutsche ins Dritte Reich "umsiedeln" zu lassen. Lediglich Alexanders jüngerer Bruder Konstantin, ein Arzt, bleibt aus familiären Gründen in Estland zurück.

Das Land wird im Sommer 1941 von Deutschen Truppen erobert und war nach der Rückeroberung durch die Rote Armee 1944 bis 1991 Teil der Sowjetunion.

Für die vorübergehend "deutschen" Van der Bellens, die zunächst in Wien leben und vor Kriegsende vor den Sowjets nach Tirol fliehen, spielt Estland lange Zeit indes kaum eine Rolle. Der spätere österreichische Bundespräsident lernt von seinen vielsprachigen Eltern weder russisch noch estnisch. Und Verwandte in Estland erinnern sich lediglich an einen einzigen Besuch des damaligen Grünpolitikers in den Neunzigerjahren.